München - Metin I. zählt zu den Urgesteinen der türkischen Community in der Keupstraße. Er wohnt zwar wie viele andere Gewerbetreibende nicht dort, aber sein Juwelierladen im Haus Nummer 58 gehört zu den alteingesessenen Geschäften. Wenn jemand, den er nicht kennt mit Rucksack an seinem Schaufenster vorbei geht oder sich womöglich sogar für die Auslagen interessiert, überkommt den älter wirkenden 58-Jährigen bis heute eine eigenartige innere Unruhe. Und wenn er wie an jenem 9. Juni 2004, als schräg gegenüber die Nagelbombe explodierte, manchmal noch auf einem Klappstuhl auf dem Bürgersteig sitzt, steht er instinktiv auf und stellt sich hinter die Ladentheke, als suche er Schutz.

Es sind Geschichten wie diese, die am zweiten Tag, an dem im Münchner NSU-Prozess die Opfer des verheerenden Anschlags zu Wort kommen, die Aussagen beherrschen. Immer wieder fragt der sonst gelegentlich schroff agierende Vorsitzende Manfred Götzl, sehr behutsam nach Spätfolgen. Bei Metin I. wie auch bei zahlreichen anderen Betroffenen ist es die mit den Jahren schlimmer gewordene Schwerhörigkeit durch das erlittene Knalltrauma. Damals hat er sich mit seinem Nachbarn und dessen Bekannten in Panik auf den Boden geworfen. Und bis heute, seit Beginn des Münchner Prozesses sogar verstärkt, quält ihn die Frage, ob durch den Einschlag der Nägel „Gift in meinen Körper gekommen ist“. Und die Vorstellung, ob er und und seine Nachbarn das Attentat überlebt hätten, wenn nicht ein großer schwarzer auf der Straße geparkter Kastenwagen wie ein Schutzwall gewirkt und Schlimmeres verhindert hätte.

Umsätze haben sich halbiert

Einer der Nebenklage-Anwälte fragt nach Spätfolgen ganz anderer Art – und meint mögliche finanzielle Einbußen. Nicht nur bei ihm, sondern auch bei vielen Kollegen seien die Geschäfte nach dem Anschlag, der den guten Ruf der Straße jahrelang geschadet hat, schlecht gelaufen. Die Umsätze hätten sich halbiert, nichts sei mehr so wie vor der Explosion in der Keupstraße. Immer wieder insistiert Richter Götzl auf seine Bitte an die Zeugen, sich zu erinnern, ob ihnen Personen oder irgendwelche Gegenstände aufgefallen seien, in der vagen Hoffnung, auf diese Weise dem bruchstückhaften Puzzle irgendein noch so kleines Teilchen hinzufügen zu können.

Die Bundesanwaltschaft hält Beate Zschäpes tote Komplizen für die Bombenleger. Aber keiner der bisher vernommenen Verletzten hat das herrenlose Fahrrad gesehen, auf dessen Gepäckträger die explosive Mischung und die Nägel deponiert waren – geschweige denn die geflüchteten Männer. Bis Friseur Hasan Y. in den Zeugenstand tritt und dem Gericht berichtet, er habe wenige Sekunden vor der Explosion einen Mann mit Baseball-Kappe, blonden Koteletten und Rucksack gesehen. Er habe ihm kurz in die Augen geblickt und schätze ihn auf ungefähr 30 Jahre und 1,80 Meter Größe. Für einen Moment herrscht knisternde Spannung im Saal.

Schlafstörungen, Vergesslichkeit, Albträumen und Schweißausbrüche

Im Halbstunden-Takt ruft Richter Manfred Götzl die Zeugen auf. Fast alle berichten von Schlafstörungen und Vergesslichkeit, viele von Albträumen und Schweißausbrüchen. Übereinstimmend geben sie an, dass bestimmte Geräusche Schreckhaftigkeit auslösen und dass sie Scheu vor Menschenansammlungen haben. An diesem zweiten Tag zum Komplex Keupstraße berichten einige Opfer, wie sehr es ihnen missfallen habe, dass sie unmittelbar nach dem Anschlag, nach ambulanter Behandlung im Krankenhaus, von der Polizei gesucht wurden. „Wir wurden nicht wie Zeugen behandelt, sondern wie Beschuldigte“, sagt Hasan Y.. Man habe ihm und seinem Bruder, dem Inhaber des Frisörsalons, praktisch unterstellt, sie hätten die Bombe selbst dahin gelegt, um einen Versicherungsbetrug vorzutäuschen. Was Hasan Y. dann schildert, löst unter den türkischstämmigen Zuhörern mühsam unterdrückte Empörung aus: Bei einem der Verhöre habe ihm die Polizei „allen Ernstes“ Schutz und eine neue Identität angeboten, wenn er die Namen des Täters nenne.

Auch Atila Ö. und sein Freund Abdulla Ö. fühlten sich wie Beschuldigte. Drastisch beschreibt Abdullah Ö. das Verhör im Kölner Polizeipräsidium : Als er von den Beamten zur Speichelprobe aufgefordert wurde, habe er sich zunächst geweigert und erklärt, er sei „doch kein Vergewaltiger“. Lange habe er erfolglos versucht, seine traumatischen Erlebnisse „wegzudrücken“ und mehrere Therapien abgebrochen, schildert Ö. Erst vor kurzem habe er schließlich eine Psychotherapeutin gefunden, mit der er vertrauensvoll zusammenarbeiten könne. Ob er jemals erwogen habe, Köln zu verlassen, möchte ein Nebenklage-Anwalt wissen. Ö.’s Reaktion kommt spontan: „Warum sollte ich? Ich bin ein kölsch-türkischer Junge.“