Am Tag vier des Plädoyers der Bundesanwaltschaft im Münchener NSU-Prozess am Montag standen die beiden Mitangeklagten Ralf Wohlleben und Carsten S. im Fokus. Beiden wird von der Anklage Beihilfe zum Mord vorgeworfen, weil sie dem NSU-Kerntrio die Ceska besorgten, mit der dieses ihre Mordanschläge auf Migranten beging.

Ralf Wohlleben ist neben Beate Zschäpe der einzige Angeklagte im NSU-Verfahren, der seit November 2011 in Untersuchungshaft sitzt. Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten machte bei der Sitzung am Montag auch klar, warum das so ist: Wohlleben habe demnach eine zentrale Funktion innerhalb eines kleinen Zirkels ausgeübt, der Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt unterstützte, so der Oberstaatsanwalt. Der Mitangeklagte S. hingegen, der im Auftrag Wohllebens die Ceska nach Chemnitz schaffte und an Mundlos und Böhnhardt übergab, sei einer von mehreren „hilfswilligen Unterstützer“ der Untergetauchten gewesen.

Unterschiedliche Strafforderungen

Mit dieser Unterscheidung bereitete der Ankläger bereits vor, womit alle Prozessbeteiligten und Beobachter rechnen – dass die Bundesanwaltschaft einen deutlichen Unterschied machen wird in ihren Strafforderungen für Wohlleben und S. Während sie für Wohlleben vermutlich eine Haftstrafe zwischen zehn und 15 Jahren fordern wird, könnte sie bei S. erheblich nachsichtiger sein. Denn obgleich beiden das gleiche Delikt – Beihilfe zum Mord – zur Last gelegt wird, unterscheiden sich doch sowohl ihr politischer Lebenswandel als auch ihre Mithilfe bei den NSU-Ermittlungen erheblich voneinander.

Wohlleben, zeitweise NPD-Funktionär in Jena, war bis zu seiner Festnahme ein aktives Führungsmitglied der Thüringer Naziszene. Bis heute bestreitet der 42-Jährige aber, von der Existenz des NSU Kenntnis gehabt zu haben. Auch bestreitet er, Mundlos und Böhnhardt die Ceska-Mordwaffe beschafft zu haben.

Sein Mitangeklagter S. hingegen hat genau das bereits kurz nach seiner Festnahme am 1. Februar 2012 zugegeben und sein Geständnis, in dem er Wohlleben als Auftraggeber des Waffentransportes schwer belastet hat, auch vor Gericht unter Tränen wiederholt. Der 37-Jährige hat zudem bestätigt, dass die aus dem Brandschutt in der Zwickauer Frühlingsstraße geborgene Ceska die Pistole war, die er übergab. S., der auf freiem Fuß ist, hatte sich nach der Jahrtausendwende aus der rechten Szene gelöst, ist nach Düsseldorf gezogen und arbeitet jetzt nach einem Studium der Sozialpädagogik bei der Aids-Hilfe.

Lieferanten der Tatwaffe

Die Ceska war seinerzeit aus der Schweiz nach Jena gelangt. Laut Oberstaatsanwalt Weingarten habe sich der Vorwurf, dass Wohlleben und S. die Lieferanten der NSU-Mordwaffe waren, „voll bestätigt“. Zwar sei die Rekonstruktion des Weges, den die Waffe aus der Schweiz über Mittelsmänner bis zum NSU-Trio genommen habe, aufwendig gewesen, aber letztlich „restlos gelungen“. Eine klare Aussage in Richtung der Wohlleben-Verteidiger, die genau dies bezweifeln: Aus ihrer Sicht gebe es Lücken im Beschaffungsweg, weshalb ein eindeutiger Nachweis, dass es sich bei der Waffe tatsächlich um die Ceska handele, nicht möglich sei.

Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten kündigte bei der Sitzung am Montag außerdem an, dass das Plädoyer der Bundesanwaltschaft doch nicht wie erhofft noch am heutigen Dienstag, dem letzten Verhandlungstag vor der Sommerpause, abgeschlossen werden kann. Die mit Spannung erwarteten Strafforderungen der Bundesanwälte für die fünf Angeklagten werden demnach erst Anfang September verkündet. (BLZ)