München - Henning Saß hat nur wenige der vergangenen 328 Verhandlungstage im Münchner NSU-Prozess versäumt. Gerade rüber von der Bank mit den fünf Angeklagten saß der emeritierte Aachener Universitätsprofessor für Psychiatrie auf einem der für die Sachverständigen reservierten Plätze und hatte doch nur Augen für eine Person im Saal: Beate Zschäpe.

Ist Zschäpe voll schuldfähig?

Über sie soll der renommierte Experte – so lautet der Auftrag des Gerichts – am Ende des Verfahrens ein forensisch-psychiatrisches und kriminalprognostisches Sachverständigengutachten vorlegen. Im Kern dieses Gutachtens geht es um zwei Fragen: Ist Zschäpe voll schuldfähig? Und muss davon ausgegangen werden, dass sie nach einer Haftentlassung ihre kriminellen Aktivitäten fortführt?

Am Dienstag und am Mittwoch wird Saß seine Erkenntnisse über Zschäpe dem Gericht darlegen. Bereits im Oktober hatte der Psychiater ein 174 Seiten langes vorläufiges Gutachten fertiggestellt und den Prozessteilnehmern übersandt. Saß stand bei der Erarbeitung dieses Schriftsatzes vor dem – in vergleichbaren Fällen nicht unüblichen – Problem, dass sich die Angeklagte einem psychiatrischen Untersuchungsgespräch mit ihm verweigerte. So musste sich der Gutachter darauf beschränken, das Ausdrucksverhalten Zschäpes, also ihre Motorik, Körperhaltung, Mimik und Gestik, in der Verhandlung und während der Pausen zu beobachten und zu analysieren.

Diese Erkenntnisse flossen, ergänzt um die Informationen, die er aus der Biografie der Angeklagten und den Schilderungen von Zeugen in der Verhandlung erhielt, in Saß’ Beurteilung von Zschäpes Persönlichkeit ein.

Klare Worte findet er zur Frage der Schuldfähigkeit: Er habe keine Hinweise für eine krankhafte seelische Störung, eine tiefgreifende Bewusstseins- oder Persönlichkeitsstörung bei der Angeklagten erkennen können, so Saß. Auch eine Alkoholabhängigkeit, wie sie Zschäpe in einer schriftlichen Einlassung angedeutet hatte, sei nach seinem Eindruck nicht eingetreten.

Zschäpe besitzt „ein breites Repertoire von situativ angepassten, kontrollierten und variierenden Verhaltensweisen“

Der Angeklagten bescheinigt der Gutachter, dass sie im Prozess sehr um Selbstkontrolle und sachlich-kühles Verhalten bemüht war, während über Gefühlsregungen, tiefere Empfindungen und inneres Erleben nahezu nichts offenbar wurde. Allerdings habe sie auch immer wieder eine gewisse Lockerheit und Erheiterung in bestimmten Situationen gezeigt, etwa in Verhandlungspausen oder kurzen Gesprächen mit ihren Anwälten. Eine „durchgängige Bedrücktheit durch die Gesamtsituation“ habe sich hingegen nicht beobachten lassen. Saß’ Resümee: Zschäpe besitzt „ein breites Repertoire von situativ angepassten, kontrollierten und variierenden Verhaltensweisen“.

Viel Raum in seiner Analyse nimmt Zschäpes Auseinandersetzung mit den Alt-Verteidigern ein. In dem über Monate hinweg mit großer Beharrlichkeit betriebenen Konflikt hatte sie durchgesetzt, dass ihr zwei weitere Anwälte zur Seite gestellt wurden, zu denen sie mehr Vertrauen hat. Dieser Konflikt habe deutliche Rückschlüsse auf Fähigkeiten „zum Vertreten und Durchsetzen der eigenen Position, zur kämpferischen Selbstbehauptung, zu einer nahezu feindselig durchgehaltenen Beharrlichkeit und zum erfolgreichen Durchstehen massiver zwischenmenschlicher Konfliktlagen erlaubt“, schreibt Saß.

Die Taten hätten Beate Zschäpe seinerzeit schockiert

Der Sachverständige setzt dieses Verhalten in Beziehung zu Zschäpes Darstellung des Innenverhältnisses im Trio. Vor Jahresfrist hatte sich die Angeklagte vor Gericht erstmals zu den Anklagevorwürfen eingelassen. In einer von ihrem Anwalt verlesenen Erklärung gab sie damals unter anderem an, stets erst im Nachhinein von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos über deren Mord- und Bombenanschläge informiert worden zu sein.

Die Taten hätten sie seinerzeit schockiert, sie habe den beiden Uwes auch ihre Abscheu darüber kundgetan, aber wegen ihrer emotionalen Abhängigkeit von den Freunden nicht die Kraft gefunden, sich von ihnen zu trennen. Saß bezweifelt das jedoch: Angesichts ihrer im Verfahrensablauf zu erkennenden Eigenschaften wie Selbstbehauptungswille, soziale Kompetenz und Durchsetzungsstärke bleibe die Frage, wie plausibel Zschäpes Schilderungen sind, wenn sie sich für die damalige Zeit als abhängig und quasi ohnmächtig resignierend beschreibe, schreibt er.

Unter Verweis auf das jahrelange Doppelleben im Untergrund bescheinigt Saß der Angeklagten „Disziplin, Raffinesse, eine extrem hohe Fähigkeit zu Camouflage, aber eben auch eine gute Abspaltungsfähigkeit“. Sie neige zum Verdrängen und zu manipulativem Verhalten, zeige egozentrische und auf Wirkung bedachte Züge und lasse Mängel in der Gemüthaftigkeit und Empathie erkennen. „Dem steht nicht entgegen, dass Frau Z. durchaus auch als freundlich, sozial gewandt, fürsorglich und angenehm im Kontakt geschildert wurde“, schreibt Saß, und spricht von „einer gut angepassten Fassade“.

Unbeantwortet lässt Saß in seinem Gutachten die Frage, ob Zschäpe eine stabile und persönlichkeitsgebundene Bereitschaft zu kriminellen Handlungen zugeschrieben werden kann, was Voraussetzung für eine Sicherungsverwahrung wäre. Der Gutachter begründet dies damit, dass es Diskrepanzen gebe zwischen der Darstellung von Tatabläufen und Verantwortlichkeiten in der Anklageschrift und in der Selbstdarstellung von Zschäpe.

Wissentlich und willentlich an den Mordtaten des NSU mitgewirkt

Gleichwohl macht Saß deutlich, sollte das Gericht zu dem Schluss kommen, die Angeklagte habe – was sie bestreitet – wissentlich und willentlich an den Mordtaten des NSU mitgewirkt, es auch eine Sicherungsverwahrung anordnen sollte. Denn wenn Zschäpe die NSU-Morde mitbegangen hat, „müsste mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass bei entsprechenden Möglichkeiten eine Fortführung ähnlicher Verhaltensweisen angestrebt wird“, schreibt Saß.

Ob sich das Gericht dieser Sichtweise anschließen wird, dürfte sich nun abzeichnen, wenn sich der Sachverständige den Fragen der Richter und Anwälte im Münchner Oberlandesgericht stellen wird. Im Mittelpunkt seiner Befragung dürfte dabei die Frage stehen, wie aussagekräftig die Beurteilung einer Persönlichkeit sein kann, die ausschließlich auf der Beobachtung von Zschäpe und Aussagen Dritter über sie beruht.