München - Es sind mehrere Filmschnipsel aus den Überwachungskameras überliefert, die das Trio des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) zeitweise an den Fenstern der Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße installiert hatte. Auf einigen dieser Schnipsel aus dem Jahr 2011 ist zu sehen, wie ein groß gewachsener, etwas fülliger junger Mann den Briefkasten der Wohnung am Hauseingang öffnet und Post herausholt.

Dann betritt er die Wohnung, in der Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt seit 2008 lebten. Er hat einen eigenen Schlüssel. Von den drei Mietern wird er mit Umarmung und Küsschen begrüßt. Ein hilfsbereiter, guter Freund. In anderen Ausschnitten ist eine dunkelhaarige Frau zu sehen, die mit ihren Kindern zu Besuch kommt. Beate Zschäpe begrüßt sie an der Tür mit Umarmung. Dann sieht man sie zusammen in den Garten gehen, die Kinder spielen.

Leben im Untergrund

Dass sowohl der Mann als auch die Frau aus den Überwachungsvideos nicht mit auf der Anklagebank im Münchner NSU-Prozess gesessen haben, verstehen die Anwälte der Nebenkläger bis heute nicht. „In RAF-Prozessen wären die beiden mindestens wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagt worden“, meint einer der Anwälte ironisch.

Im Fall des rechtsterroristischen NSU jedoch reicht es nicht einmal zu einer Anklage wegen Unterstützung einer Terrorgruppe – dabei hätte das NSU-Kerntrio ohne die beiden es deutlich schwerer gehabt, ein Leben im Untergrund zu führen und Verbrechen zu begehen.

Enger Umgang mit dem Trio

Der Mann, Matthias D. aus Johanngeorgenstadt, hatte für das Trio die Wohnungen in Zwickau – ab 2001 in der Polenzstraße, ab 2008 in der Frühlingsstraße – gemietet. Sein Name stand jeweils am Klingelschild, er bezahlte jeden Monat die Miete und ließ sich das Geld dafür, das aus den Raubüberfällen stammte, bar von den Dreien geben. D. sagte in seinen Vernehmungen, das Trio habe ihm sein alter Freund André E. aus Zwickau vermittelt – der wiederum seit Mai 2013 mit Zschäpe auf der Anklagebank in München sitzt.

Dessen Frau Susann E. – die Frau aus den Filmen der Überwachungskameras – pflegte wie ihr Mann bis zur Selbstenttarnung des NSU am 4. November 2011 einen engen und freundschaftlichen Umgang mit dem Trio. Und wie der Angeklagte André E. half auch sie Zschäpe bei deren Flucht vor der Polizei, indem sie der Freundin Kleidung gab, als diese überstürzt die brennende Wohnung in der Frühlingsstraße verließ. Darüber hinaus lieh sie Zschäpe mehrfach ihre Identität, unter anderem für das Ausstellen einer Bahncard, und half auch anderweitig dabei mit, dass die Anonymität des Trios nicht aufflog.

Ermittlungsverfahren gegen unbekannt

Sowohl gegen Matthias D. als auch gegen Susann E. führt die Bundesanwaltschaft seit 2011 Ermittlungsverfahren wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Wie ernsthaft diese Verfahren aber betrieben werden, ob sie überhaupt je in eine Anklage münden werden, weiß niemand. Die Bundesanwaltschaft gibt dazu keine Auskunft, und den Prozessbeteiligten wird keine Akteneinsicht gewährt.

Das gleiche gilt auch für ein Ermittlungsverfahren, das sich gegen unbekannt richtet. Eine Art Sammelverfahren, in dem alle Spuren und Hinweise gebündelt sind, die zu weiteren Mitgliedern und Unterstützern oder bisher unentdeckten Taten des NSU führen könnten. Welche Spuren aber in diesem Verfahren überhaupt verfolgt werden, weiß außerhalb der Bundesanwaltschaft niemand.

Gefälschte Papiere

Eine „Blackbox“ sind auch weitere sieben noch laufende Verfahren, die die oberste deutsche Ermittlungsbehörde im NSU-Komplex gegen namentlich bekannte Beschuldigte führt. Wie auch Matthias D. und Susann E. wird diesen sieben Verdächtigen aus dem rechten Milieu eine mögliche NSU-Unterstützung vorgeworfen.

Dazu gehören etwa Mandy S. und Max-Florian B., die 1998 ein Paar waren und damals zu den ersten Kontakten des Trios nach dem Untertauchen gehörten. In Chemnitz versteckte B. die Drei in seiner Wohnung, später konnten sie gefälschte Papiere auf die Namen von S. und B. nutzen. Noch nach dem Umzug hielt B. eine Zeit lang Kontakt zu den Untergetauchten, besuchte sie in ihrer neuen Wohnung in Zwickau.

Beihilfe zum schweren Raub

Weitere Beschuldigte sind Andrej K. aus Jena, der dort einst eine große Nummer in der Neonaziszene war, und Thomas St., mit dem Beate Zschäpe vor 1998 eine kurzzeitige Liebesbeziehung hatte. K. war in den Wochen nach dem Untertauchen einer der wenigen Verbindungsleute der Drei und sammelte für sie in der Szene Geld ein. St. wird von den Ermittlern zur Last gelegt, dem Trio eine Fluchtwohnung in Chemnitz besorgt zu haben. Außerdem soll er Mundlos und Böhnhardt bereits 1997 Sprengstoff übergeben haben, den diese zur Herstellung von Rohrbomben benutzten, die man Anfang 1998 in einer von ihnen als Werkstatt genutzten Garage in Jena fand.

Ebenfalls noch anhängig ist das Verfahren gegen Jan W., der Ende der 90er Jahre Anführer der sächsischen Blood&Honour-Sektion war. Laut einem Bericht des Brandenburger V-Manns „Piatto“ war W. damals mit der Beschaffung einer Waffe für das Trio befasst. Beate Zschäpe hatte in ihrer Einlassung vor Gericht ebenfalls behauptet, W. habe Mundlos eine Waffe verkauft. Deshalb ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen den Chemnitzer auch wegen des Anfangsverdachts der Beihilfe zum schweren Raub.

„Primus“ habe das Trio nicht gekannt

Auf den Fortgang der beiden Ermittlungsverfahren gegen Pierre J. und Hermann Sch. schließlich dürfte auch der Verfassungsschutz ein besorgtes Auge werfen. In den Trümmern der ausgebrannten Wohnung in der Frühlingsstraße hatten die Ermittler Notizzettel mit den persönlichen Daten und Telefonnummern der beiden gefunden. Pierre J. betrieb in Zwickau einen Laden für PC-Spiele, Sch. war dort angestellt. In dem Laden soll Mundlos unter dem Namen „Andreas“ verkehrt und von Sch. – so gibt es J. an – mehrere Waffen gekauft haben, darunter auch eine Pumpgun.

Pierre J. will zudem von Sch. erfahren haben, dass „Andreas“ alias Mundlos den Inhaber eines rechten Szeneladens in Zwickau sehr gut kannte – bei diesem handelte es sich um Ralf Marschner, der in jener Zeit als V-Mann „Primus“ des Bundesamtes die sächsische Neonaziszene ausspionierte. Nur über das Trio soll er angeblich nie berichtet haben, behauptet das BfV bis heute – angeblich habe „Primus“ die Drei gar nicht gekannt.