NSU-Terror: Gibt es noch mehr Täter?

Hunderte Ermittler sind seit 2011 in der Sonderkommission „BAO Trio“ des Bundeskriminalamtes den Hinweisen auf das illegale Leben von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sowie deren Helfern nachgegangen. Viele Zusammenhänge konnten aufgeklärt werden. Dennoch bleiben zahlreiche offene Fragen zur Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), die möglicherweise im Prozess geklärt werden.

Wer hat die NSU-Morde begangen?

Dafür, dass ausschließlich Mundlos und Böhnhardt die zehn Morde begangen haben, gibt es keine eindeutigen Beweise. Zwar wurden die Tatwaffen im Schutt der Zwickauer Wohnung sichergestellt. Dort lag zudem eine offenbar seit 2007 ungewaschene Trainingshose mit Blutflecken der getöteten Polizistin Michèle Kiesewetter sowie eine Skizze des Kasseler Internetcafés, wo 2006 Halit Yozgat erschossen wurde. DNA-Spuren oder Fingerabdrücke gibt es aber nicht. Die Möglichkeit weiterer Tatbeteiligter, schließt die Bundesanwaltschaft dennoch kategorisch aus.

Wer ist für die beiden Bombenanschläge in Köln verantwortlich?

Auch hier weisen Indizien auf die Mitwirkung weiterer Täter. So existieren zwar Aufnahmen einer Überwachungskamera, die zwei Männer, die Mundlos und Böhnhardt ähneln, zeigen, wie sie das Rad mit der Bombe am 9. Juni 2004 in die Keupstraße schieben. Auch ist diese Videosequenz auf einer in Zwickau sichergestellten Festplatte mit „Max“ und „Gerri“ bezeichnet, den Spitznamen von Mundlos und Böhnhardt. Aber woher stammt die Bombe: LKA-Experten sprachen von einem professionell konstruierten Sprengsatz, zu dem es keine Bauanleitung im Internet gibt.

Bei dem Anschlag auf ein deutsch-iranisches Lebensmittelgeschäft in Köln im Januar 2001 gibt es ebenfalls Widersprüche. Die Büchse mit dem Sprengsatz war vor Weihnachten im Jahr 2000 von einem Mann abgegeben worden. Laut Anklage soll es sich um Mundlos oder Böhnhardt gehandelt haben. Die Betreiber konnten aber keinen der beiden identifizieren. Stattdessen geht die Bundesanwaltschaft einem neuen Verdacht nach. Womöglich hat Zschäpe den Laden ausspioniert. Die Inhaberin hat dem Magazin Focus zufolge gesagt, dass ein bis zwei Monate vor dem Anschlag eine Frau unbedingt auf die Toilette gewollt hatte. Die Ähnlichkeit mit Zschäpe sei ihr erst jetzt aufgefallen.

Was geschah am 4. November 2011 in Eisenach im Wohnmobil?

Die Abläufe sind ungeklärt. Zwei Polizisten hatten an dem Freitag gegen 12 Uhr in der Nähe gehalten und waren zu dem Wohnmobil gelaufen. Als sie es erreicht hatten, vernahmen sie zwei Knallgeräusche; kurz darauf sahen sie Rauch aufsteigen. Die Schüsse und das Entfachen des Feuers haben sich innerhalb von sieben bis zwanzig Sekunden abgespielt, sagen die Polizisten. Von Schüssen, die auf sie abgegeben wurden, wie es in der Anklage heißt, gibt es keine Spuren. Offenbar, das zeigen Fotos aus dem Inneren des Wohnmobils, waren Mundlos und Böhnhardt auf ein Feuergefecht mit der Polizei eingestellt. Sieben geladene Waffen befanden sich in Griffnähe. Dennoch entschieden sich die beiden zum Selbstmord. Oder gab es Streit? Nach offizieller Darstellung tötete Mundlos erst Böhnhardt und dann sich selbst. Unklar ist auch, wie das Feuer ausbrechen konnte: Der Brandherd ist offensichtlich auf dem hinteren Platz der Sitzecke. Experten vermuten, dass Mundlos Papiere angezündet hat. Spuren von Brandbeschleunigern fehlen.

Gab es einen dritten Mann im Wohnmobil?

Die Polizisten sagen, sie hätten niemanden gesehen. Zwei Anwohner behaupten aber, ein Mann sei vor dem Brand aus dem Fahrzeug gesprungen. Gut eine Stunde später gab es eine Meldung an die Polizei, wonach unweit des Tatorts eine Person an der Autobahn Fahrzeuge anzuhalten versuchte. Eine Streife konnte niemanden finden.

Wie hat Zschäpe in Zwickau vom Tod ihrer Freunde erfahren?

Das ist unklar. Zschäpe surfte am 4. November 2011 im Internet. Die erste Online-Meldung über den Fund zweier Leichen in einem Wohnmobil bei Eisenach lief um 13.59 Uhr auf www.insuedthueringen.de. Ausweislich des PC-Protokolls hat Zschäpe diese Seite jedoch nicht aufgerufen. Ihre letzte Internetaktivität ist um 14.28 Uhr registriert, da suchte sie bei Google mit den Begriffen „fleisch von freilaufenden tieren zwickau“. Zwei Minuten später schaltete sie den PC aus. Frühestens um diese Zeit also muss sie vom Tod der Freunde erfahren haben. Die letzte Gewissheit konnte ihr aber nur liefern, wer das Geschehen in Eisenach kannte. Andernfalls hätte Zschäpe nicht sofort ihre Flucht vorbereitet. Einen Anruf hat sie in dieser Zeit über ihre bislang bekannten Telefonnummern nicht erhalten.

Warum hat Zschäpe Feuer gelegt?

Angeblich um Beweise zu vernichten. Dabei hatte sie genug Zeit, um Waffen und Dokumente wegzuschaffen. Einen Zusammenhang zwischen dem Wohnungsbrand und den Toten in Eisenach ergab sich für die Behörden erst am Freitagabend, nachdem ein Anwohner das Wohnmobil im Fernsehen erkannt und die Polizei alarmiert hatte. Den Ermittlungen zufolge verschüttete Zschäpe zehn Liter Benzin. Die Zerstörung war groß – dennoch konnten erstaunlich gut erhaltene Beweisstücke gefunden werden.

Wohin flüchtete Zschäpe, nachdem sie die Wohnung verlassen hatte?

Die einzelnen Stationen bis zu ihrer Festnahme am 8. November in Jena, wo sie sich der Polizei gestellt hatte, sind weitgehend bekannt. Zschäpe lief zunächst in Richtung Innenstadt, von wo aus sie über Handy ihren Vertrauten André E. anrief. Der holte sie eine halbe Stunde nach Ausbruch des Feuers etwa zwei Kilometer entfernt von der Frühlingsstraße ab. Wohin er sie brachte, wissen die Ermittler nicht. Angeblich sei Glauchau bei Zwickau das Ziel gewesen, was wiederum dafür sprechen würde, dass das Trio dort noch eine Unterkunft besaß. Tatsächlich wurde am 5. November zwischen drei und vier Uhr von einer Telefonzelle in Glauchau E.s Handy mehrmals angewählt.

Wer hat die Umschläge mit den Bekennervideos verschickt?

Die Bundesanwaltschaft legt sich fest: Zschäpe soll nach dem 4. November 2011 mindestens 15 adressierte und frankierte Umschläge mit dem Bekennervideo aus der Wohnung mitgenommen und an verschiedenen Orten in die Post gegeben haben. Nur auf einem Umschlag sind Fingerabdrücke von Zschäpe gefunden worden, auf den anderen gab es keine Spuren von ihr oder ihren Freunden. In mindestens einem Fall, in Nürnberg, hatte das Video in einem unfrankierten Umschlag den Adressaten erreicht. Auch gibt es Aussagen, wonach Zschäpe bei ihrer Flucht aus dem Haus eine mittelgroße Handtasche dabei hatte. In diese dürften kaum 15 Umschläge gepasst haben.