Zwickau - Zuerst nahm sich der Bagger die Trümmer des Hauses in der Frühlingsstraße 26 vor. Jene Hälfte des Gebäudes, die zerstört wurde, als Beate Zschäpe dort am 4. November vorigen Jahres ihre Wohnung in Brand gesteckt hatte. Danach wurde der intakt gebliebene Teil abgerissen. Am Dienstag rückten in Zwickau die Bagger der Firma Ebersbach aus Oelsnitz an, Ende der Woche sollen die Überreste jenes Hauses, in dem die mutmaßlichen Rechtsterroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt dreieinhalb Jahre lang gewohnt haben, beseitigt sein. Im Juni wird dort, wo das Haus stand, der Rasen grünen.

Im April 2008 waren die drei Neonazis in das Obergeschoss des zweistöckigen Hauses an der Frühlingsstraße eingezogen. Unter falschen Namen lebten sie auf 120 Quadratmeter in fünf Zimmern. Nach hinten hinaus ging der Blick auf einen kleinen Park inmitten von Straßen, die Veilchen-, Flieder- und Lilienweg heißen. Bei ihrem Einzug lag der letzte Mord, den das Trio begangen haben soll, bereits ein Jahr zurück. Dem Verbrechen zum Opfer gefallen war damals die Polizistin Michéle Kiesewetter in Heilbronn. Diese Tat wie auch die vorherigen Morde an neun Migranten sollen Bönhardt, Mundlos und Zschäpe geplant und begangen haben, als sie noch in der Polenzstraße 2 im Westen von Zwickau wohnten.

Aus dem Stadtbild entfernt wird nun aber das Haus in der Frühlingsstraße. Im vornehmen Stadtteil Weißenborn gelegen und vor 84 Jahren als Siedlerheim einer von einem jüdischen Mäzen geförderten Gewerkschaftersiedlung errichtet, war es auf einmal zu einem Symbol rechten Terrors geworden – zu einem Makel, den es zu tilgen gilt.

„Besser, wenn das Haus verschwindet, bevor es zu einem Wallfahrtsort für Menschen wird, die den Nationalsozialismus verherrlichen“, sagt Zwickaus Oberbürgermeisterin Pia Findeiß.

„Es tut weh“, sagt Ruth Götz, die seit 86 Jahren in Weißenborn lebt und den Aufbau der Siedlung rund um die Frühlingsstraße miterlebt hat. „Da reißt man ein Stück aus unserer Geschichte einfach heraus, weil es stört.“

Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Meinung der Zwickauer, sobald die Sprache auf den Abriss des Hauses kommt. Wobei sich kaum jemand offen erklären möchte. Spricht man die Leute auf der Straße an, sagen die meisten zwar Ja und nur wenige Nein zum Abriss, seinen Namen aber will keiner nennen. Viele sagen, dass sie genug hätten von den Journalisten, von den immer gleichen Bildern und Beschreibungen ihrer Stadt seit dem Feuer in der Frühlingsstraße. „Natürlich ist es schade um das Haus, aber vielleicht haben wir dann endlich unsere Ruhe, wenn es weg ist“, sagt ein Nachbar und bringt damit die allgemeine Stimmung auf den Punkt.

Es sind dieselben Sätze, wie man sie auch in anderen Städten hört, in denen sich ein Gebäude mit einem unglückseligen Geschehen verbindet. Und immer geht es um die gleiche Frage: Wie gehen wir mit dem Haus und seiner Geschichte um? Reißen wir es weg wie das „Horrorhaus“ von Josef Fritzl in Amstetten, der seine Tochter 24 Jahre lang in einem Kellerverlies festhielt und dort mit ihr sieben Kinder zeugte? Oder lassen wir es stehen wie Adolf Hitlers Geburtshaus in Braunau, um es als einen Ort des Nachdenkens, des Erinnerns zu nutzen? Weil wir ahnen, dass mit einem Haus Geschichte nicht verschwindet und die Mitverantwortung der Nachbarn, der Weggucker, der Gesellschaft?

„Das Herz unseres Viertels“

Für Ruth Götz gibt es da kein Zweifeln. „Der Abriss bringt gar nichts“, sagt sie. „Als ob die Rechten, bloß weil da mal eine Wiese sein wird, nicht hinkommen könnten, um Blumen abzulegen oder zu demonstrieren.“ Ruth Götz ist eine freundliche, kleine Dame mit vollem Silberhaar. Die 86 Jahre merkt man ihr nicht an, so agil und lebhaft wie sie wirkt. Fast will man ihr glauben, wenn sie sagt, sie sei am 4. November, als sie die schwarzen Rußwolken über Weißenborn sah, „hinunter gerannt“ zur Frühlingsstraße. Ein paar hundert Meter sind es schon von ihrem Haus im Krokusweg bis dorthin, es geht einen kleinen Berg hinab, aber das hat Ruth Götz nicht abgehalten. „Unser altes Siedlerheim hat gebrannt, das Herz unseres Viertels“, sagt sie, noch immer aufgeregt. „Das war furchtbar.“

Dann geht sie nach nebenan, ins Wohnzimmer und holt die Schachtel mit den Fotos. Sie kramt ein kleines Schwarzweißbild hervor, es muss an die achtzig Jahre alt sein. Das einzige Foto vom alten Siedlerheim, das noch existiert, wie sie beteuert. Das Gebäude erkennt man auf den ersten Blick: die zwei Etagen, das Spitzdach, die großen bogenförmigen Fenster im Erdgeschoss. Hinter dem Holzzaun im Vorgarten stehen Tische und Stühle unter Sonnenschirmen.

Das Haus sei im Jahr 1928 gebaut worden, erzählt Ruth Götz. Sie hält das Foto, ihre Finger huschen von links nach rechts, zeigen immer neue Details. „Hier links war der große Konsum drin mit allem, was die Siedler so brauchten, und daneben die Gaststätte mit einem großen Versammlungsraum.“ Im hinteren Bereich sei das Büro der Wohnungsgenossenschaft untergebracht gewesen, der die Siedlung gehörte. Im ersten Stock habe es vier Wohnungen gegeben und unterm Dach vier kleine Mansarden. „Und hier an der Seite, sehen Sie diesen Anbau, das war ein winziger Friseurladen.“ Sie kichert, das Gesicht über den Tisch gebeugt, sodass man ihre Augen nicht sehen kann. Vielleicht sind sie geschlossen und sie sieht gar nicht das Foto vor sich, sondern die Bilder einer vergangenen Zeit.

Seit 1926, als sie zwei Jahre alt war, lebt Ruth Götz in der Gegend. Ihr Vater Arno Seidel hat die Siedlung vor fast neunzig Jahren mit aufgebaut. Es sollte dort Wohnungen für kinderreiche Familien der Zwickauer Horch-Automobilwerker geben. So hatte sich das der Sozialdemokrat Seidel, erster Betriebsratsvorsitzender bei Horch nach dem Weltkrieg, gedacht. Den Arbeitern sollte hier ein würdiges Leben im eigenen Haus mit Garten ermöglicht werden.

Arno Seidels Ideen begeisterten Simon Schocken, den in Zwickau lebenden jüdischen Besitzer der damals viertgrößten Warenhauskette Deutschlands. Als Hobbyarchitekt hatte Schocken eine Art Volkshaus entworfen, das in Selbsthilfe gebaut werden konnte. Er stellte der Genossenschaft 500.000 Reichsmark unter der Maßgabe zur Verfügung, dass die Häuser in Weißenborn nach seinen Plänen errichtet werden. Ein Musterhaus zahlte er selbst.