Berlin - Solche Szenen kennt man eigentlich nur aus US-Gerichtsfilmen. Zum Showdown wird ein wichtiger Zeuge zu einem Sachverhalt befragt, und der Staatsanwalt fordert anschließend eine Gegenüberstellung mit einem anderen Zeugen, der genau das Gegenteil behauptet. Im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages hat es eine solch bemerkenswerte Szene gegeben.

Die Ausschussmitglieder wollten damit klären, weshalb eine wichtige Adressliste, die 1998 in Jena in einer Garage des späteren NSU-Trios Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe gefunden worden war, von den Behörden nie ordentlich ausgewertet worden ist. Und sie wollten klären, ob den Beamten damals tatsächlich entgangen ist, dass sich in den Unterlagen drei unterschiedliche Versionen dieser Adressliste befanden.

Der BKA-Beamte beharrte am Freitag in seiner Aussage darauf, seinen Thüringer Kollegen auf den Fund der (ersten) Adressliste gezielt hingewiesen zu haben, verbunden mit der Aufforderung, diese Liste nach etwaigen Anhaltspunkten für den Aufenthaltsort der drei Untergetauchten auszuwerten.

Der LKA-Mann indes widersprach dieser Darstellung. Er könne sich nicht an einen solchen Hinweis erinnern. Überdies äußerte er Zweifel an der Aussage des BKA-Mannes, denn bei einem Telefonat zwischen den beiden Beamten vor wenigen Wochen sei von einem Hinweis auf die Liste noch gar keine Rede gewesen. Klar sei aber, so viel gestand der Polizist immerhin ein, dass es ein Fehler gewesen sei, diese Liste seinerzeit nicht auszuwerten.

Tatsächlich hätte jene infrage stehende Adressliste durchaus Anhaltspunkte für die Fahndung ergeben. Dutzende Namen, Adressen und Telefonnummern aus dem rechtsradikalen Milieu finden sich dort − aus Jena, von wo die drei stammen, aus Chemnitz, wo sie später lange Zeit untertauchten. Aber auch Kontaktpersonen in Rostock, Nürnberg und Ludwigsburg.

Die Mordserie der NSU führte wenige Jahre später das Trio unter anderem nach Nürnberg, Rostock und ins nahe Ludwigsburg gelegene Heilbronn. Und es findet sich darauf auch Name und Adresse jenes Mannes, bei dem das Trio nach seiner Flucht vor der Polizei zunächst Zuflucht gesucht hatte.

„Dies ist einer der schlimmsten Polizeifehler seit der Schleyer-Entführung“, sagte die SPD-Obfrau im Ausschuss, Eva Högl, dieser Zeitung. Hätten die Beamten die ihnen vorliegenden Beweise ordentlich ausgewertet, wären sie dem Trio rasch auf die Schliche gekommen und hätten womöglich die gesamte Mordserie verhindern können.

Wie schlampig die Polizei seinerzeit arbeitete, offenbarte sich erneut. Denn zwei weitere Versionen der Adressliste entdeckte das BKA erst im vorigen Jahr, als sie die Asservate von 1998 noch einmal einer eingehenden Prüfung unterzog und dabei auch jene Papiere ordnete, die sich in zwei Einkaufstüten in jener Garage befunden hatten, in denen das Trio Sprengstoff und Bombenbaumaterial gelagert hatte.