Süß sieht er aus auf den Videos und Fotos, die jetzt im Internet kursieren. Mini-Anton, blond und unverdrossen, dahinter der haarige Anton Hofreiter, hier endlich mal als Papa und nicht nur als ewige grüne Nervensäge. Mit seinem kleinen Sohn leitete Hofreiter am Dienstag den Europa-Ausschuss im Deutschen Bundestag, als ob das in dieser Kombination, Papa mit Kind auf dem Schoß, vollkommen normal wäre.

Natürlich ist es das. Auch Politiker sind Väter und Politikerinnen sind Mütter. Diesen Teil unserer Normalität wollen wir aber im Arbeitsleben nicht sehen. Das gilt immer noch für die meisten von uns, ganz egal, ob sie selbst im täglichen Spagat zwischen Kind und Job – beides auch gern in Mehrzahl – gerade fast auseinanderbrechen oder nicht. Kinder sind Privatleben, also selbst gewählter Spaß, und Job ist Arbeit, also ernsthaft und darf nicht gestört werden.

Unsere Serie: Familie und Job – die größten Lügen

Beruf und Familie lassen sich wunderbar vereinbaren, denkt man sich, bevor man Kinder bekommt. Etwas später merkt man: Das stimmt gar nicht. Und die Alltagskämpfe beginnen.
Was also läuft immer noch schief, was muss besser werden? Das versuchen wir in unserer neuen Serie über den Mythos der Vereinbarkeit zu ergründen. Und es wird nicht nur ums Kinderkriegen gehen, sondern auch um Beziehungen, Alter, Krankheit und Vorurteile.

Die Kombination gilt als für beide Seiten schlecht. Kinder werden als störend für die Produktivität angesehen, ganz unabhängig von Sicherheitsfragen, die ja tatsächlich in vielen Berufen gegen eine solche Aktion sprechen können. Und umgekehrt, heißt es dann gern, eine solche Konferenz sei nicht kindgerecht. Ach, ja?

Die anschließende Debatte im Netz ließ dann auch nichts zu wünschen übrig. Die einen befanden, ein Kind in der Konferenz müsse in Ausnahmen möglich sein, die anderen geißelten Hofreiters Propagandashow in eigener Sache. Er hätte ja nun wirklich genug Geld und Möglichkeiten, sich eine Betreuung zu organisieren.

Wen kümmern gerade Hofreiters Motive?

Dabei geht es darum gar nicht. Hofreiters Motive sind in Anbetracht der schlechten Lage bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nun wirklich zweitrangig. Und wenn er das Kind vor allem deswegen mitgenommen hätte, um sich als Vater zu zeigen, dann zeigt er damit auch ein zeitgemäßes Bild: Väter sind auch für die Betreuung ihrer Kinder zuständig. Das ist eine Botschaft an andere Väter, an Arbeitgeber und auch an die Gesellschaft insgesamt. Denn die Wirklichkeit sieht anders aus.

Wie wenig die Zuständigkeit für die eigenen Kinder immer noch bei deutschen Vätern liegt, wie sehr sich die jüngere Generation etwas anderes wünscht, wie es Müttern und pflegenden Angehörigen im Arbeitsleben ergeht, schildert die Berliner Zeitung gerade in einer Serie.

Ein vorläufiges Fazit kann man jetzt schon in zwei Punkten ziehen: Staatlicherseits bleibt noch viel zu tun, um Familien bei der Vereinbarkeit zu unterstützen. Vor allem fehlen noch immer Kindergarten- und Krippenplätze in ausreichender Zahl. Darüber hinaus gibt es aber auch eine eklatante Differenz zwischen dem, was in der Gesellschaft immer wieder als wünschenswert formuliert wird, und weit verbreiteten Vorurteilen.

Und genau dafür sind Debatten weiter notwendig. Ist es wirklich richtig, dass Kinder in der Arbeitswelt nichts zu suchen haben? Sehen wir Kinder als individuelles Hobby oder wesentlichen Teil der Gesellschaft? Dass ein Politiker, der seinen kleinen Sohn mitnimmt, obwohl er einer anspruchsvollen Tätigkeit nachgeht, noch immer eine solche Debatte auslöst, zeigt doch etwas.

Es zeigt, wo wir stehen. Es gibt keine Versöhnung zwischen dem traditionellen Gedanken, Kinder haben da nichts zu suchen, und neuen entgrenzten Lebensrealitäten. Da muss sich endlich etwas ändern. Wir müssen weg von der reinen Funktionalität, nur dann lässt sich etwas vereinbaren. Auf dem Weg dahin hat Anton Hofreiter einen wertvollen Beitrag geleistet.