Auf die Idee, sich Schokolade aufs Brot schmieren zu wollen, muss man erst mal kommen. Der italienische Konditor Pietro Ferrero hatte sie, in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts war das. Aber die Umsetzung war gar nicht so einfach. Erst am 20. April 1964 wurde das erste Glas eines Produkts ausgeliefert, das inzwischen universal bekannt und erfolgreich ist: Nutella, diese pappsüße dunkelbraune Creme, mit der schon zwei Generationen aufgewachsen sind und die es nun seit einem halben Jahrhundert gibt. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die aus der Not geboren wurde – so jedenfalls erzählt es die Legende des Hauses Ferrero.

Inspiriert wurde Pietro Ferrero als Inhaber einer Pasticceria in der Industriestadt Turin, an der morgens Arbeiter auf dem Weg zur Schicht vorbeigingen. Seine Geschäftsidee war, ihnen einen erschwinglichen süßen Pausensnack fürs Brot zu verkaufen. Denn Schokolade war teuer. Ferrero besann sich einer lokalen Tradition. In der Region Piemont gab es Haselnüsse im Überfluss, und einige machten Gianduia daraus, eine Nougatmasse. Auch Ferrero mischte nun die billigen gemahlenen Haselnüsse mit Zucker, Fett und ganz wenig teurem Kakao und verkaufte sozusagen die Urform des Nutella. Die war zwar preisgünstig, aber noch vergleichsweise hart.

Aus dem Mangel geborene Rezeptur

Während des Zweiten Weltkriegs musste Ferrero den Laden in Turin schließen und kehrte in seine 50 Kilometer entfernte Heimatstadt Alba zurück, im Hügelland der Langhe. Dort fing er an zu experimentieren. Weil Kakao zu Kriegszeiten wegen der hohen Importsteuern kaum noch zu bekommen war, mischte er irgendwann Kokosbutter zu den Haselnüssen – mit wunderbarem Resultat. Die Kreation wurde zum großen Geschäftserfolg.

Unter dem Namen Pasta Gianduja wurde sie ab 1946 in großen Blöcken an Krämer ausgeliefert. Die schnitten Scheiben ab und verkauften sie in Stanniolpapier eingewickelt. Es war eine Süßigkeit, die sich viele Leute leisten konnten. Ferrero gründete damals den Familienbetrieb. Doch die Idee mit dem Brotaufstrich ging ihm nicht aus dem Kopf. Schließlich half der Zufall weiter.

In der großen Hitze des Sommers 1949 verflüssigte sich das Giandujot, heißt es in der offiziellen Firmen-Geschichte. Einige Händler füllten die Paste in Glasbehälter und verkauften sie als Aufstrich. Pietro Ferrero erlebte das nicht mehr, er war wenige Monate vorher gestorben. Aber sein Sohn Michele suchte daraufhin mit neuem Ansporn nach der richtigen Rezeptur. Er ersetzte schließlich die Kokosbutter durch eine Mischung von Pflanzenfetten, darunter Palmöl.

Endlich – eine Creme war gefunden, die immer gleich streichbar bleibt, egal, ob bei Kälte oder Hitze. Welche Fette und andere Zutaten genau sie in welchem Verhältnis enthält, das ist bis heute ein großes Firmengeheimnis, das streng gehütet wird. Der Konzern in Alba ist abgeschottet. Auch als in den USA Konsumenten erfolgreich klagten, weil die Nuss-Nougat-Creme in der Werbung gesünder dargestellt werde als sie in Wahrheit sei, unter anderem wegen des hohen Anteils an gesättigten Fettsäuren, blieb das Rezept unverändert. Ferrero zahlte 2,3 Millionen Euro Entschädigungen.

„Supercrema“ zog auf dem deutschen Markt nicht

„Supercrema“ hieß das Produkt zunächst, das ab Anfang der 50er-Jahre in Italien in Konservendosen verkauft wurde. Doch das Süßwarenunternehmen expandierte schnell und erschloss als ersten ausländischen Markt Deutschland. Dort zog der Name nicht. Und dann untersagte auch noch das italienische Parlament 1962 Zusätze wie „Super“ oder „Ultra“ in Markennamen. Ein neuer Name musste her, man entschied sich für die Zusammensetzung des englischen Wortes für Nuss, also nut, und dem verniedlichenden italienischen Anhängsel -ella.

Inzwischen wird der Brotaufstrich in hundert Ländern weltweit verkauft. Und dank der Idee seines Vaters ist Michele Ferrero, heute 89 Jahre alt, der reichste Mann Italiens mit einem geschätzten Vermögen von rund 19 Milliarden Euro. Die italienische Post hat diese Woche sogar eine Briefmarke anlässlich des Jubiläums herausgegeben. Die Nuss-Nougat-Creme, aus der Armut geboren, sei ein Emblem für die Genialität italienischer Produkte, erklärte die Industrieministerin euphorisch.