BerlinJe mehr Zeit Menschen in den sozialen Netzwerken verbringen, umso schlechter wird ihr Urteilsvermögen – und zwar unabhängig vom Alter, von der Ausbildung oder der politischen Haltung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der in Paris ansässigen Reboot Foundation unter amerikanischen Internetnutzern.

Das liegt der Studie zufolge auch an der Selbstüberschätzung der Nutzer von sozialen Medien. Sowohl bei den jüngeren als auch bei den älteren Internetnutzern gab eine deutliche Mehrheit der Befragten an, „einigermaßen bis sehr sicher“ zu sein, Fake News von inhaltlich korrekten Berichten unterscheiden zu können. Allerdings waren 64 Prozent der 18- bis 30-Jährigen und 51 Prozent der über 60-Jährigen anschließend nicht in der Lage, Websites mit Fake News auch als solche zu erkennen, Jüngere noch seltener als Ältere.

Besonders deutlich wird diese mangelhafte Beurteilung der eigenen Fähigkeiten in der Corona-Krise, wie eine zweite Studie der Reboot Foundation vom April zeigt: Über die Hälfte der Befragten gab damals an, sich „sehr“ oder sogar „extrem gut“ informiert über das Virus zu fühlen. Weitere 42 Prozent fühlten sich „einigermaßen“ gut informiert, nur drei Prozent fühlten sich „nicht gut“ oder „überhaupt nicht“ informiert.

Bei der Abfrage von Fakten taten sich indes Lücken auf: So sagten 26 Prozent der Befragten, das Virus werde noch im Laufe des Frühjahrs wieder verschwinden – obwohl schon damals viele Experten darauf hinwiesen, dass Covid-19 länger zirkulieren werde. 20 Prozent gaben an, das Virus sei „keine große Sache“, immerhin jeder Zehnte war überzeugt, eine regelmäßige Nasenspülung mit Salzwasser schütze ausreichend vor einer Infektion.

Die Studien bestätigten erneut den großen Einfluss sozialer Netzwerke auf die Haltung und das Urteilsvermögen der Nutzer, sagte Helen Lee Bouygues, 48, Vorsitzende der Reboot Foundation: „Soziale Medien zielen auf Gefühle ab, um mehr Clicks zu generieren, und halten so vom rationalen Denken ab. Der Algorithmus trägt dazu bei, indem er Beiträge anzeigt, die der eigenen kognitiven Verzerrung entsprechen.“

Die Studie legt außerdem nahe, dass ältere Nutzer eher von effektheischerischen Schlagzeilen (Clickbait) angezogen werden als jüngere. Vor die Wahl gestellt, zwischen zwei Artikeln entscheiden zu müssen, von denen einer eine zugespitzte, emotionale Schlagzeile trug und der andere eine neutrale, entschieden sich 81 Prozent der über 60-Jährigen für die emotionale Zeile, aber nur 72 Prozent der 18- bis 30-Jährigen.

Doch nicht nur mangelndes Urteilsvermögen spielt beim Konsum und der Weiterverbreitung von Fake News eine Rolle, sondern der Wunsch, Freunden und Followern zu gefallen. Forscher des Massachusetts Institute of Technology und der kanadischen University of Regina fanden in einer Gemeinschaftsstudie („Understanding and reducing the spread of misinformation online“) heraus, dass die rund 1000 Befragten falsche Schlagzeilen häufiger als inkorrekt wahrnahmen als richtige, unabhängig davon, ob diese ihrer eigenen politischen Meinung entsprachen.

Bei der Frage, ob man Beiträge teilen würde, war jedoch nicht mehr die Richtigkeit entscheidend, sondern die politische Haltung – obwohl die meisten angaben, dass die Akkuratheit für sie wichtig bis sehr wichtig sei. In weiteren Tests fanden die Forscher heraus, dass nicht Täuschungsabsicht das leitende Motiv war. Vielmehr ging es darum, Facebook-Freunden zu gefallen, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu signalisieren oder Beiträge zu teilen, die die Nutzer emotional ansprachen, jenseits vom Wahrheitsgehalt. Wurden die Teilnehmer zunächst aufgefordert, bewusst zu beurteilen, ob eine Schlagzeile richtig oder falsch sei, waren sie hinterher seltener geneigt, Artikel mit falschen Schlagzeilen zu teilen. Würden soziale Netzwerke häufiger Umfragen unter ihren Nutzern machen, ob eine Schlagzeile falsch oder richtig sei, so würden diese weniger Desinformation weiterverbreiten, so das Fazit der Forscher.

Auch Helen Lee Bouygues von der Reboot Foundation sieht eine Lösung im Kampf gegen Fake News darin, kritisches Denken zu schulen. „Es geht darum, aus der Blase herauszukommen, die eigenen Denkmuster zu hinterfragen und über andere Meinungen nachzudenken.“ Schon allein der bewusste Wunsch danach helfe, Fake News besser zu erkennen: „Wenn man das tut, verbessert sich auch dein Algorithmus. Weil man beginnt, auch Beiträge anzuklicken, die nicht den eigenen Vorurteilen entsprechen.“ Als praktische Übung empfiehlt sie „digital Detox“, also einen zeitweisen Verzicht auf die Nutzung sozialer Netzwerke. Es könne schon helfen, gelegentlich eine Printzeitung zu lesen – weil man bei der Lektüre auch auf Artikel stoße, für die man sich ursprünglich gar nicht interessiert habe. Wer online lesen müsse, könne sich an einfache Regeln halten: „Überprüfe den Autor, überprüfe die Quelle und sei dir bewusst, dass du für Fake News anfällig bist.“

Die Recherche für diesen Beitrag wurde von der Heinrich-Böll-Stiftung Washington (im Rahmen des Transatlantic Media Fellowships) unterstützt.