New York - Was von Felix Zeltners altem Leben übrig ist, passt in zwei Taschen und steht in der Ecke eines Zweizimmer-Apartments an der East Fourth Street. „Das ist meine Trompete und meine Kameraausrüstung“, sagt der verstrubbelte Mittdreißiger und schaut dabei ein klein wenig wehmütig. „Ich hab die seit Monaten nicht benutzt, aber irgendwie mag ich mich davon auch nicht trennen.“

Von vielem anderen, was gemeinhin zu einer bürgerlichen Existenz gehört, haben Felix Zeltner und seine Frau Christina Horsten sich jedoch gelöst. Möbel, persönliche Gegenstände, Garderobe, die über den Bedarf der nächsten Woche hinausgeht, Geschirr, Bücher – all das lagert in einer Garage in Far Rockaway, einer Halbinsel am äußersten Ende des New Yorker Stadtteils Queens.

Kein Platz für Ballast

Für solchen Ballast ist kein Platz in der Existenz, die Zeltner und Horsten, ein deutsches Journalistenpaar mit einer drei Jahre alten Tochter, seit einem knappen Jahr in New York führen. Sie haben sich zu einem Nomadendasein entschlossen – in zwölf Monaten wollen sie in zwölf verschiedenen New Yorker Stadtteilen wohnen. „Ich würde uns als Stadtindianer bezeichnen“, meint Zeltner.

Angefangen hat das Projekt, das in den Online-Tagebüchern der beiden unter dem Titel „NYC12x12“ firmiert, als nicht ganz ernst gemeinte Spinnerei. Doch dann kam der Tag, an dem sie mit den Realitäten des New Yorker Immobilienmarktes konfrontiert wurden. Die Familie fuhr mit Möbelwagen und unterschriebenem Mietvertrag zu ihrem vermeintlich neuen Heim in Brooklyn, nur um festzustellen, dass es die Wohnung, die sie gemietet hatten, nicht mehr gab. „Der Vermieter hatte Wände rausgerissen, komplett umgebaut und wollte die Miete erhöhen. Wir konnten einfach nicht einziehen.“

New York von allen kennen lernen

So entschlossen sich Zeltner und Horsten, aus der Not der plötzlichen Obdachlosigkeit eine Tugend zu machen und ihre scherzhafte Idee zu verwirklichen. „Teils ging es darum auszuprobieren, wo es uns in New York am besten gefällt und dabei vielleicht eine tolle Wohnung zu finden“, sagt Zeltner. Zum Teil waren die beiden jedoch auch von ihrem Reporterinstinkt getrieben, von dem Wunsch, New York von allen Seiten in seiner ganzen prallen Vielfalt kennenzulernen.

Ob das gelungen ist, ist Ansichtssache. Felix Zeltner hat nach zehn Monaten das Gefühl, „gerade einmal an der Oberfläche gekratzt zu haben.“ Doch die junge Familie hat eine Fülle an Begegnungen und Einblicken gesammelt, die manchen, der seit Jahrzehnten in New York lebt, neidisch machen würde.

Zum Beispiel die Wohnung im East Village, in die Christina, Emma und Felix erst Tage vor unserem Besuch gezogen sind. Auf dem niedrigen Spieltisch von Emma steht eine weiße Tafel der Vormieter, mit etwas kryptischen, verwaschenen Filzschreiber-Aufschriften. „Das ist ein detaillierter Vertriebsplan eines Drogenrings“, klärt Christina auf und holt aus dem Küchenschrank eine durchsichtige Tüte mit einem ansehnlichen Sortiment von Marihuana-Sorten und Mischungen.

Felix ruft einen Artikel aus dem Magazin GQ auf, in dem auf mehreren Seiten eine überaus erfolgreiche Gruppe junger Models beschrieben wird, die aus dieser Wohnung heraus monatlich sechsstellige Summen mit dem Handel von THC umgesetzt hatte. „Die waren ziemlich geschäftstüchtig“, bemerkt Zeltner.

„Es ist erstaunlich, wie gerne die Leute über ihren Kiez reden“

Es ist eine direkte Berührung mit der East Village-Szene, wo Kreative und Jungprofessionelle, die sich irgendwie in New York etablieren wollen, die Hippies und Punks der vergangenen Jahrzehnte abgelöst haben – ohne jedoch ganz deren Attitüde und Subkultur abzuschütteln. Noch immer weht durch die Straßen des East Village der Geist von Warhol und Allen Ginsberg, von Keith Haring und Basquiat, von Blondie und den Ramones.

Wie das East Village hat jedes New Yorker Viertel eine spürbare Identität, die sich jedoch nicht wirklich erschließt, wenn man nur durchläuft. Doch nach einem Monat versteht man besser, was ein Bronx-Gefühl ist, wie Chinatown riecht oder wie Menschen in Queens miteinander reden.

Um ihre Eindrücke zu vertiefen, veranstalten Felix und Christina in jeder Nachbarschaft ein Dinner, zu dem Leute aus dem Viertel eingeladen werden. „Es ist erstaunlich, wie gerne die Leute über ihren Kiez reden, wie viel ihnen der Ort an dem sie leben, bedeutet.“ Es kommen Geschichten zutage wie die von Ed Hamilton, dem letzten Schriftsteller, der im legendären Künstlerhotel Chelsea lebt. Oder die von Paul Eng, dem Erben des ältesten Tofu-Ladens in Chinatown.

Unlautere Absichten

Mindestens einmal stieß das Paar jedoch an seine Grenzen. Im vierten Monat des Projekts saßen sie einem Betrug auf. Der Mietvertrag war unterschrieben, die Miete überwiesen, doch die Adresse existierte überhaupt nicht. Die Familie war erneut obdachlos, machte erst ein paar Tage Ferien auf dem Land und musste dann einen Monat lang alle paar Tage in eine andere Behelfsunterkunft umziehen.

„Das war schon hart“, gesteht Zeltner. Einerseits. Andererseits weiß er, dass das irgendwann passieren musste. An kurzfristigen Untermietangeboten mangelt es auf den verschiedensten Internetplattformen in New York zwar nicht. Doch der wilde, praktisch unregulierbare Markt ist auch ein Tummelplatz für Anbieter mit unlauteren Absichten.

Doch mittlerweile überwiegt schon längst wieder die Euphorie, es gibt sogar Überlegungen, das Projekt zu verlängern. Mit jedem Monat schwindet die Bindung an die Dinge, die vermeintlich Halt geben und die Lust an der großen Freiheit wächst.

Warten auf das richtige Angebot

Und diese Lust scheint sich auch auf Emma zu übertragen. Die Worte „neu Hause“ gehören zu ihren Lieblingsvokabeln und lösen bei ihr wie bei ihren Eltern Glücksgefühle aus. Der monatliche Tapetenwechsel und die Spaziergänge mit den Eltern durch immer neue Viertel sind für sie ein willkommenes Abenteuer, ein Abenteuer, das einfach nicht enden mag.

Hauptsache, jemand bringt sie jeden Morgen wieder in ihre Kita in Chinatown. Christina Horsten hat diese während dem Monat in diesem Viertel gefunden, und sie ist seither zur größten Konstante im Leben der Familie geworden. Deshalb werden die drei sich vermutlich auch irgendwo nicht allzu weit von Chinatown niederlassen – wenn die Zeit gekommen ist und ihnen das richtige Angebot über den Weg läuft.