Gut gealtert: Hinter der gemeinsamen Fassade aus Holz und Kupfer stehen die fünf nordischen Botschaften und ein öffentlich zugängliches Gemeinschaftshaus.
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BerlinDie Bundesrepublik besteht bekanntlich aus 16 Bundesländern. Jedes von ihnen hat seine Repräsentanz in der Hauptstadt, kleine Länderbotschaften quasi. Nun die Preisfrage: Wie viele Länder konnten sich einigen, ein gemeinsames Gebäude zu beziehen, um ihre häufig ja gemeinsamen Interessen beim Bund zu vertreten? Die Antwort lautet, man ahnt es: keines. Jeder repräsentiert für sich allein. So viel zum Zustand des inneren Multilateralismus in diesem Land.

Dabei kann die Wirkung viel stärker werden, wenn man sich zusammentut. Weil der Zusammenhalt selbst zum Zeichen wird, die Betonung des Gemeinsamen statt der jeweiligen Eigenheiten. So vieles sollte anders werden in der neuen Hauptstadt Berlin. Aber die Einzigen, die auf die Idee kamen, ein gemeinsames Botschaftsdorf zu beziehen und ein Wahrzeichen für den Multilateralismus zu schaffen, waren die fünf nordischen Länder Island, Norwegen, Dänemark, Schweden und Finnland.

Die fünf nordischen Außenminister, eine junge Vogelkirsche und Heiko Maas (v.l.n.r.).
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Maas’ Stoßseufzer

Vor zwanzig Jahren, am 20. Oktober 1999, bezogen sie ihre Domizile hinter der gemeinsamen Kupferfassade in der Rauchstraße in Tiergarten. Am Donnerstag waren die Außenminister der fünf Länder zu Besuch in Berlin und empfingen Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD), um das Jubiläum zu würdigen. Es war ein kurzer Termin, entspannt und uneitel. Man pflanzte zusammen einen Baum, die Würdenträger ulkten mit einem gemeinsamen Spaten herum, der schon einst bei der Grundsteinlegung verwendet wurde. Und Heiko Maas schien die kurze Pause von der chaotischen Weltpolitik, von Syrienkrieg, Brexit und der transatlantischen Zerrüttung zu genießen. „Wenn alle so gut zusammenarbeiten würden, wie wir das hier tun“, sagte er in einem Stoßseufzer zu seinen Kollegen, „dann wäre die Welt ein friedlicherer Ort.“

Vor zwanzig Jahren, als die Nordischen Botschaften entstanden, gab es diesen Glauben noch. Erst kurz zuvor war die Europäische Gemeinschaft zur Europäischen Union geworden, war das Schengen-Abkommen in Kraft getreten, hatten die innereuropäischen Grenzen ihre Bedeutung verloren. Es gab Hoffnung auf Partnerschaften des Westens mit Russland und der Türkei.

Inzwischen sind die meisten dieser Hoffnungen zerstoben, den Westen gibt es auch nicht mehr so richtig. Der Norden aber ist geblieben.

Vielleicht ist ein Grund für diese Beständigkeit – neben der kulturellen und sprachlichen Nähe der fünf Länder – dass man Differenzen in großen Fragen einfach akzeptiert hat. „Es ist ein einzigartiges Modell“, resümierte Finnlands Außenminister Pekka Haavisto am Donnerstag. „Einige von uns sind in der EU, einige in der Nato.“ Einige aber eben auch nicht. Den Euro hat Finnland gar als einziges nordisches Land eingeführt. Zu so viel Multilateralismus haben sich die Nordeuropäer dann eben doch nicht bewegen lassen. Und es ist auch keineswegs so, dass sie stets gemeinsame Antworten auf große Fragen finden, etwa in der Migrationspolitik.

Weiche Macht

Was die nordischen Länder aber tief vereint ist die Einsicht, dass sie ohne Allianzen machtlos sind in der Welt. Und dass sie Freunde brauchen, um nicht zerrieben zu werden. Jüngst erst führte US-Präsident Donald Trump den Dänen vor Augen, welchen Stellenwert ihr kleines Königreich für ihn hat. Er wollte ihnen Grönland abkaufen. Als Ministerpräsidentin Mette Frederiksen das groteske Angebot ablehnte, sagte Trump seinen geplanten Staatsbesuch ab.

Und so ist die gemeinsame Kupferfassade eben auch ein Bollwerk. Wer dahinter schaut, etwa in das öffentlich zugängliche Gemeinschaftshaus mit (ausgezeichnetem) Restaurant und Galerie trifft auf alles, was liebenswert ist an den nordischen Ländern – schwedisches Design, dänische hygge (Behaglichkeit), norwegische Literatur. Es ist eine weiche Macht, die sie entfalten. Alleine hätten sie das nie geschafft.