Los Angeles: Sanitäter der Feuerwehr versorgen einen Obdachlosen. 
Foto: AP/Damian Dovarganes

Los AngelesAls Gavin Newsom vor rund sechs Wochen seine erste Rede zur Lage des Staates als Gouverneur von Kalifornien hielt, erschien die Coronavirus-Krise noch als eine eher vage Bedrohung für die USA – als Problem, das vor allem die anderen hatten. Es gab gerade einmal 14 bestätigte Fälle im Land, Donald Trump spielte die Gefahr als Hype herunter und auch in Kalifornien galten noch andere Prioritäten.

So nutzte der jung-dynamische Politiker aus San Francisco seine Ansprache, um mit Leidenschaft jenes Problem anzusprechen, das er an die oberste Stelle seiner politischen Agenda zu setzen gedachte. „Die Tatsache, dass Hunderttausende unserer Mitbürger unter Brücken und in Autos übernachten müssen, ist eine unerträgliche Schande für unseren Staat.“

Rund 150.000 Kalifornier wohnungslos

In der Tat ist die Massenobdachlosigkeit im reichsten und wirtschaftskräftigsten Staat der USA seit langer Zeit eine Peinlichkeit. Rund 150.000 Menschen haben in Kalifornien keinen Wohnsitz. Zwei Drittel von ihnen finden nicht einmal Platz in einer Unterkunft und leben auf der Straße.

Insbesondere in Newsoms Heimatstadt San Francisco hat sich in den vergangenen Jahren die Lage zugespitzt. Die gut verdienenden Angestellten der Technologiebranche strömen zunehmend vom Silicon-Valley in die Stadt und haben dort den Wohnraum unbezahlbar gemacht.

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Der Staat weigerte sich jedoch lange, die Situation als Notlage anzuerkennen. Es fehlte am politischen Willen, wirklich etwas dagegen zu tun. Im Gegenteil – statt konzertierter Maßnahmen, die den Menschen dabei helfen, Obdach und Arbeit zu finden, sahen sich die Wohnsitzlosen in Los Angeles und San Francisco einer wachsenden Ausgrenzung und Kriminalisierung ausgesetzt.

Doch dann traf Mitte März das Coronavirus auch Kalifornien mit voller Wucht und die Wohnsitzlosigkeit wurde plötzlich für den Staat zur Priorität. Die riesige Obdachlosenbevölkerung des Staates wurde zum Gesundheitsrisiko und Newsom bekam Rückenwind für seinen Kampf gegen die Schande der weltweit viertgrößten Marktwirtschaft.

800 Millionen Dollar für Unterkünfte

Newsom bekam über Nacht 800 Millionen Dollar bewilligt, um Obdachlose vorübergehend zu behausen. Innerhalb von zwei Tagen waren Unterkünfte für 7000 Covid-infizierte oder von der Infektion bedrohte Personen gefunden.

In San Francisco hatten sich darüber hinaus Hotels dazu bereit erklärt, den Obdachlosen der Stadt weitere 8500 Betten zur Verfügung zu stellen. Die Stadt Los Angeles öffnete 42 Gemeinde- und Sportzentren und schuf im Schnellverfahren 6000 Unterkunftsplätze für etwa die Hälfte der Wohnsitzlosen-Bevölkerung der Stadt.

Die Stadt San Jose im Süden der Bay Area von San Francisco ging sogar noch einen Schritt weiter und verfügte den sofortigen Bau von 500 Kleinsthäusern, um die rund 6000 Obdachlosen der Stadt unter zu bringen. Die Einheiten, die rund 25.000 Dollar pro Stück kosten, sollen obdachlosen Familien ein dauerhaftes Heim bieten.

Die Maßnahmen werden die Obdachlosenkrise in Kalifornien gewiss nicht lösen. Aber es ist immerhin ein Anfang gemacht. „Wir sehen jetzt, dass es möglich ist, Dinge in Bewegung zu setzen“, sagte Miguel Santiago, ein demokratischer Staatsabgeordneter aus Los Angeles.

Coronavirus schafft neuen Gemeinsinn

Santiago hatte im vergangenen Jahr gemeinsam mit Newsom einen Gesetzesentwurf eingebracht, für die Obdachlosenbevölkerung des Staates rasch dauerhaften Wohnraum zu schaffen. Die Umsetzung scheiterte jedoch bislang an der Bewilligung der Gelder sowie an bürokratischen Hürden.

Mit der Akquisition der Hotelzimmer und der Öffnung der Gemeindezentren ist nun wenigstens ein erster Schritt getan. „Wir haben noch lange nicht alle Antworten“, sagt etwa H. Spees, der „Direktor für strategische Initiativen“ der Stadt Fresno. „Aber wir sehen jetzt, dass sich enorme öffentliche und private Mittel mobilisieren lassen, wenn ein Wille dazu da ist.“

So wurden in Fresno innerhalb von 73 Stunden 300 Betten in Hotels und privaten Wohnanlagen zur Verfügung gestellt. Die Stadt, so Spees, erfahre durch den Virus einen gänzlich neuen Gemeinsinn. Nun hofft er zusammen mit vielen anderen Kaliforniern, dass dieser Geist sich auch über das Ende der Krise hinaus retten lässt.