Der Pensionär Reinhold Osterhus gewinnt durch sein Auto Lebensfreude und Selbstständigkeit (Symbolbild).
Foto: Westend61/imago

BerlinKann das Auto weg? Natürlich kann das Auto weg! Die Frage ist nur: Für wen gilt das? Denken wir an unsere Verpflegung. Wie sollen Menschen, die über kein eigenes Land zum Pflanzen und Ernten verfügen, ernährt werden? Wie soll die Nahrung für Millionen ohne Auto verteilt werden?

Denken wir an Ärzte, Pflegekräfte, Seelsorger, Polizisten, Feuerwehrleute, die Tag und Nacht ihren Dienst verrichten und spontan verfügbar sein müssen. Sollen diese zu Fuß gehen, mit dem Fahrrad fahren oder sich ein Auto teilen?

BLZ/Tagesspiegel/BpB
30 Jahre Meinungsfreiheit

Vor 30 Jahren fiel die Mauer, aus der geteilten Stadt wurde ein geeintes Berlin. Gemeinsam mit dem Tagesspiegel und der Bundeszentrale für politische Bildung feiern wir die Meinungsfreiheit – mit guten Argumenten und großen Debatten. 


Denken wir an die Alten auf dem Land, denen das Auto ihre Unabhängigkeit gewährleistet. Denken wir an die Behinderten auf dem Land und in der Stadt, die kein Fahrrad fahren können. Denken wir an die Menschen im Gebirge, an die, die in abgelegenen Dörfern und oder einzelnen Gehöften wohnen.

Denken wir nicht zuletzt an unsere Verteidigung. Wie sollen Soldatinnen und Soldaten an die Front gelangen, wenn die Straßen zerstört sind und Flugzeuge ebenfalls abgeschafft wurden? Wie sollen die Ausrüstungsgegenstände und Waffen mitgeführt werden? Doch wohl nicht in Lastenfahrrädern.

Das Auto war Sinnbild für individuelle Freiheit und Lebensfreude

Natürlich kann das Auto weg. Die Frage ist nur für wen? Die Erde existierte die meiste Zeit ohne Auto. Aber auch ohne Menschen.

Und jetzt spreche ich für mich. Arbeiterkind. Meine Eltern gaben alles, um ihren zwei Kindern eine Ausbildung und ein Studium zu ermöglichen. Sie hatten nie ein Auto. Dafür durfte mein Vater als 19-Jähriger vier Jahre für das Deutsche Reich in der Sowjetunion kämpfen. Er war überzeugter Sozialdemokrat und hat nur die SPD gewählt.

Einige in meinem Arbeiterstadtteil in meiner geliebten Heimatstadt Hamburg konnten sich nach vielen Jahren harter Arbeit einen Kleinwagen leisten, Lloyd, Goggomobil, Isetta, Messerschmidt und wenige einen Opel Rekord und Kapitalisten einen Opel Kapitän oder einen Mercedes. Manchmal wurde ich von Familien meiner Mitschüler in ihrem Auto mit an die Ostsee genommen. Im Auto, das Sinnbild für individuelle Freiheit und Lebensfreude war.

Das Auto wurde mein Freund

Da das Arbeiterkind fleißig und begabt war, wurde ihm als einzigem Arbeiterkind in der Klasse Anfang der siebziger Jahre das Abitur ausgehändigt. Im gleichen Jahr machte ich den Führerschein, bezahlt von der Behörde, in die ich inzwischen eingetreten war. Ich hatte nicht das Geld, um den Führerscheinkurs zu bezahlen. Als mir ein Kollege einen VW-Käfer für 500 D-Mark anbot und ich Fahrpraxis brauchte, kaufte ich meinen ersten Wagen.

Pensionär Reinhold Osterhus.
Foto: Reinhold Osterhus/Privat

Das Auto wurde mein Freund. Ich kann gar nicht aufzählen, wie viele verschiedene Modelle ich fuhr. Ich war mit dem Auto am Nordkap, in Malaga, in der Türkei, ich bin mit dem Auto auf dem Balkan und in Afghanistan gefahren.

Heute fahre ich einen Dacia Logan MCV Diesel mit einer Reichweite von bis zu 1500 Kilometern und zur Belohnung für mein hartes Arbeitsleben zusätzlich ein Goggomobil Coupé, wenn die Sonne scheint. Meine jährliche Fahrleistung beträgt etwa 45.000 Kilometer und das über Jahrzehnte hinweg.

Ohne Auto: Ein Verlust der Lebensfreude und Selbstständigkeit

Mit meinen Ausführungen möchten ich den Spannungsbogen zwischen Rationalität und Emotionalität verdeutlichen. Kann das Auto weg? Ja! Natürlich! Aber für wen und wer wird diese Entscheidung treffen?

Betrachten wir zuletzt die Konsequenzen: Die Wirtschaftsleistung geht wieder bergab. Deutschlands Alleinstellungsmerkmal war seine Automobilindustrie. Täglich lesen wir von geplanten Entlassungen in der Zulieferungsindustrie und von möglicher Kurzarbeit in der Produktion.

Ohne Auto würde ich einen Großteil meiner Lebensfreude und Selbstständigkeit verlieren. Käme es trotzdem dazu, wäre ich nicht bereit, statt Auto zu fahren meine Zeit mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, mit Streamingdiensten oder Kommunikation am Telefon zu vergeuden. Dann würde ich lieber mein Öko-Obst zu Alkohol vergären, gemütlich auf der Terrasse sitzen und an die schöne Zeit mit Auto zurückdenken.

Ganz zum Schluss verrate ich meinen Traum. Ich habe einen Freund in Zaporizhja in der Ukraine. Mit ihm möchte ich im Auto von Berlin nach Wladiwostok fahren und in jeder Stadt bei der Durchreise auf die deutsch-russisch-ukrainische Freundschaft anstoßen.