Dass die Kreuzberger Grünen bei den Bundestagswahlen in den vergangenen Jahren vom Ströbele-Effekt profitierten, war ihnen klar. Dass er einen so großen Einfluss auf ihr Ergebnis hat und dass der Kampf um das deutschlandweit einzige Direktmandat der Partei so knapp werden könnte, ahnten viele aber nicht. Mit fast 40 Prozent lag der grüne Veteran bei der Wahl 2013 fast uneinholbar vorn. Seine Nachfolgerin Canan Bayram musste dagegen bis in die Nacht hinein bangen, ob sie an Ströbeles Erfolg anknüpfen kann.

Nach Auszählung der Stimmen war Bayrams (26,3 Prozent) Vorsprung gegenüber dem Herausforderer von der Linken, Pascal Meiser (24,9 Prozent), mit 1,4 Prozent nur hauchdünn. Seine Partei wurde jedoch hinsichtlich der Zweitstimmen mit großem Abstand stärkste Kraft (28,6 Prozent).

Damit scheint sich zu bestätigen, wovon die Sozialisten schon lange berichten: dass das linke Publikum im Bezirk, das die Grünen einst groß gemacht hat, sich von der Partei abwendet. Die Avancen an die CDU, mit denen Spitzenkandidat Cem Özdemir in den letzten Tagen warb, dürften dazu beigetragen haben.

Bayram hatte im Wahlkampf ihr Bestes gegeben, um sich von den Realos an der Spitze der Bundespartei abzusetzen. Während ihres Auftritts beim Bundesparteitag im Frühjahr attestierte sie dem Gespann Özdemir-Göring-Eckardt „das Charisma von CDU-Ortsvereinsvorsitzenden“. Dem Tübinger Oberbürgermeister und Flüchtlingskritikerversteher Boris Palmer rief sie zu, er solle „einfach mal die Fresse halten“.

Kommt tatsächlich die Jamaika-Koalition?

Mit diesen Attacken wurde die 51-jährige Juristin überregional bekannt und bediente das Selbstverständnis ihres dezidiert linken Kreisverbands. Allerdings stieß sie weite Teile ihrer Partei vor den Kopf. Der ehemalige Berliner Fraktionschef Volker Ratzmann rief auf einer Realo-Mailliste gar dazu auf, Bayram nicht zu wählen – schließlich würde es sonst knapp für Renate Künast auf Platz 3 der Landesliste.

Sollte Bayram das Rennen für sich entscheiden und in den Bundestag, wird sie in jedem Fall ein Störfaktor, falls es tatsächlich zu einer Jamaika-Koalition kommt. Sie werde Merkel nicht zur Kanzlerin wählen, kündigte sie schon vor Wochen an. Und auch zur FDP pflegt sie größtmögliche Distanz.

Ob sie nach dem Wahlkampf ihre konfliktfreudige Rhetorik weiterhin pflegt – im direkten Gespräch drückt sich Bayram sehr gewählt und abwägend aus – wird sich zeigen. Allerdings trägt Bayram Konflikte aus: 2011 war sie zusammen mit anderen Parteilinken drauf und dran, eine eigene Fraktion im Abgeordnetenhaus zu gründen, dem sie seit 2002 angehört. Mit diesem Protest zwangen sie Volker Ratzmann zum Abschied aus der Landespolitik.

Die Stärke der Linken in Friedrichshain-Kreuzberg kommt nicht von ungefähr. Schon bei der vorigen Bundestagswahl erzielten sie – von vielen unbemerkt – das stärkste Zweitstimmenergebnis. Für die Partei ist es in jedem Fall ein substanzieller Erfolg, ein derart gutes Ergebnis in einem Ost-West-Bezirk zu erzielen.

Die Sozialdemokraten konnten nicht mithalten

Jahrelang hat der Berliner Landesverband darauf hingearbeitet, auch jenseits der Hochburgen im Osten Erfolge zu erzielen. Bei den Abgeordnetenhauswahlen 2016 trug diese Strategie erstmals Früchte. Mit dem Achtungserfolg von Pascal Meiser ist die Partei einen Schritt weiter.

Ein schlechtes Ergebnis erzielten dagegen die Sozialdemokraten. Ihre Kandidatin Cansel Kiziltepe verfehlte ihr Ergebnis aus dem Jahr 2013, die Sozialdemokraten verbuchten Verluste. Kurze Zeit nach dem Antritt von Spitzenkandidat Martin Schulz hatten sie sich Hoffnung gemacht, ihre einstige Hochburg zurückzuerobern.

Und es schien, als könne das mit dieser Kandidatin gelingen: Kiziltepe ist gebürtige Kreuzbergerin und hat einen sozialen Aufstieg wie aus dem sozialdemokratischen Bilderbuch hingelegt. Auch ihr Name schien für einen Sieg zu sprechen: Kiziltepe bedeutet „roter Berg“.

Doch das reichte nicht: Bis auf Weiteres wird die politische Zukunft in dem Innenstadtbezirk von Grünen und Linken entschieden.