„Greta und ich“-Kolumne.

TOCHTER: In Venedig sind Filmfestspiele. Es gibt wieder Kino. Zwar mit Corona-Auflagen, aber immerhin.

MUTTER: Ist doch toll.

Ja, der Veranstalter hat gesagt, dass er froh ist, weil das Kino essentiell für unsere Gesellschaft sei. Wenn es das Kino und die kulturellen Einrichtungen nicht gebe, würde unsere Gesellschaft den Bach runtergehen, sagt er. Das fand ich ein bisschen übertrieben.

Warum? Ich finde auch, Kultur ist ein ganz wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Selbst wenn man nicht regelmäßig ins Theater geht, profitiert man davon, was im Theater läuft, wie das Theater sich mit der Gesellschaft auseinandersetzt. Genauso Kino, Feste.

Es ist schön und es macht das Leben spannender. Und ich war vor Corona alle zwei Wochen im Kino. Jetzt ein halbes Jahr gar nicht mehr. Aber ich lebe immer noch.

Echt? Siehst aber nicht so aus, als ob du gut ohne „Star Wars“ und „Avengers“ auskommst.

Kino gibt mir natürlich was, aber davon hängt mein Leben nicht ab. Wenn ich die nächsten drei oder fünf Jahre keine Kultur haben könnte, sähe es anders aus. Aber ein halbes Jahr halte ich schon aus. Ich glaube auch nicht, dass eine Gesellschaft kaputtgeht, wenn es keine Events mehr gibt.

Man verhungert vielleicht nicht, aber ich finde es total fatal. Mit der gleichen Argumentation könnte man ja auch sagen, es macht nichts, wenn man ein Jahr nicht zur Schule geht oder zur Arbeit oder zum Sport. Das stimmt einfach nicht, dass es nichts ausmacht. Es macht was.

Aber Schule hat was mit Bildung zu tun und Arbeit mit der Wirtschaft, für den Normalverbraucher ist Kunst aber eher schmückendes Beiwerk. Für die meisten bricht nicht die Welt zusammen, wenn mal ’ne Galerie schließt.

Weil sie die Auswirkungen unterschätzen. Weil sie nicht merken, wie sie von Kunst und Kultur profitieren. Wer nur fernsieht, profitiert auch vom Kino, vom Theater, von künstlerischer Auseinandersetzung, weil diese die gesellschaftlichen Debatten befördern. Man profitiert auf allen Ebenen davon, dass es Menschen gibt, die sich gedanklich auseinandersetzen.

Aber es ist doch die Frage, ob es schadet, wenn man mal ein halbes Jahr Entzug hat.

Mir schadet es.

Es ist halt nun mal so. Wenn es für immer ausfallen würde, dann würde ich dir recht geben. Dann fehlt der Gesellschaft was. In Kunst und Kultur drücken sich Menschen aus. Aber ein Jahr?

Ich würde auch nicht behaupten, dass uns ein Jahr umbringen wird. Aber es ist eine Form von geistiger Verarmung. Man muss aus der Retorte leben. Dinge angucken, die vor Corona aufgezeichnet wurden. Es wird keine Weiterentwicklung geben. Die Gelegenheiten, sich zu präsentieren, fehlen, die Reibung mit dem Publikum. Es gibt keine Auseinandersetzung. Künstler sind auf sich selbst zurück geworfen. Ein Filmfestival, bei dem über Haltungen und Sichtweisen gestritten wird, halte ich für wichtig.

Okay, ich gebe dir in einem Punkt recht: Gesellschaftliche Entwicklung geht ohne Kunst und Kultur nicht. Aber es gibt auch den Leuten die Möglichkeit, selbst kreativ zu werden. Haben doch viele genutzt.

Bist du kreativer geworden?

Na, ich hatte auf jeden Fall mehr Zeit zu malen. Ich habe im Lockdown viele Bilder produziert.