Leere Schuhe, Schuhe ohne Trägerinnen: Performance am „Tag ohne uns“ in Mexiko-Stadt.
Foto: AP/Fernando Llano

Mexiko-StadtSupermärkte ohne Kassiererinnen und Schulen ohne Schülerinnen, Unis ohne Studentinnen, Nachrichtensendungen ohne Moderatorinnen und Busse und Bahnen ohne weibliche Passagiere. Mexiko erlebte einen historischen Montag, an dem Millionen Frauen für einen ganzen Tag aus dem öffentlichen und oft auch dem virtuellen Leben verschwanden, um zu zeigen, wie eine Gesellschaft ohne sie aussehen würde.

#UnDíaSinNosostras – „Ein Tag ohne uns“ war der Hashtag, mit dem vor allem feministische Kollektive, Frauenschutzorganisationen, aber auch die Regierung, angeführt von Innenministerin Olga Sánchez Cordero, zum Ausstand aufgerufen hatten. „Keine Frau auf der Straße, keine in der Arbeit, in der Schule, der Uni oder dem Supermarkt“ – lautete das Motto für diesen Montag. Nicht mal in den sozialen Netzwerken sollten die Frauen unterwegs sein. Sie sollen für einen Tag völlig aus dem Straßenbild und der virtuellen Welt verschwinden.

Kampf gegen die Angst

Auch die Architektin Luby Springall hat den in ihrem Büro angestellten Frauen freigegeben. Auch ihre Haushaltshilfe muss nicht zur Arbeit erscheinen. „So merken die Männer und die Gesellschaft hoffentlich, dass sich was ändern muss. Wir sind wütend und wollen nicht mehr in Angst davor leben, überfallen, misshandelt oder ermordet zu werden“, sagt Springall, die 2012 das Mahnmal für die getöteten Frauen in Mexiko entwarf.

In Mexiko werden nach Angaben des Nationalen Statistikamtes INEGI pro Tag zehn Frauen ermordet. 2018 zählten die Behörden 3752 sogenannte Feminizide, das heißt, die Opfer wurden getötet, weil sie Frauen waren. Es war die höchste Zahl seit Beginn der Zählung 1990. 1722 Frauen gelten zusätzlich als vermisst. Und noch immer verdienen Frauen nach Angaben der staatlichen Anti-Diskriminierungsbehörde CONAPRED in Lateinamerikas zweitgrößtem Land 34 Prozent weniger als die Männer.

Am Montag saßen in Mexiko vorwiegend die Männer an den Supermarktkassen.
Foto: AP/Eduardo Verdugo

Kaum jemand hätte gedacht, dass sich dem Streik wirklich so viele Frauen anschließen würden. Ganz Mexiko-Stadt erwachte wie an einem Feiertag. Der Verkehr der 22-Millionen-Metropole war entspannt, weil bestenfalls die Hälfte der Kinder zur Schule und kaum eine Frau zur Arbeit ging. In der U-Bahn sah man praktisch nur Männer. Viele Ticket-Schalter blieben zu, weil dort gewöhnlich nur Frauen arbeiten. Frauen sah man im Stadtteil Condesa nur auf dem Spielplatz mit Kindern oder beim Spazierengehen. Ganz wenige widersetzten sich dem Aufruf zum Konsumverzicht, andere wenige gingen zur Arbeit. Bereits gegen Mittag Ortszeit war absehbar, dass die Frauen dem Aufruf zum Streik massiv folgten. Ein historischer Schritt für Mexiko.

In Mexiko leben 60 Millionen Frauen, die 45,5 Prozent der Werktätigen stellen. Sie erwirtschaften rund 37 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das Geldinstitut BBVA Bancomer México schätzt die Verluste des Frauenstreiks für die zweitgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas auf umgerechnet 1,5 Milliarden Dollar. Andere Schätzungen gingen von einer doppelt so hohen Zahl aus. Frauen sind in Mexiko vor allem im Dienstleistungssektor und dem Bildungsbereich tätig.

Aber viele große Firmen, darunter auch deutsche Autobauer, unterstützen den Streik. Bei Volkswagen de México stellen Frauen 13 Prozent der Arbeiterinnen. Daher mache es keinen Sinn, die Bänder laufen zu lassen, teilte das Unternehmen mit und betonte, es werde keine ökonomischen Einbußen für die Frauen geben. Auch Audi ließ am Montag die Produktion ruhen.

Ignorante Politik

Große internationale Handelsketten und mexikanische Firmen unterstützen den Ausstand. Supermärkte, Fernsehsender, Nahrungsmittelhersteller, Banken und Universitäten – alle machen mit. Die meisten Firmen zahlen den Lohn an dem Tag weiter. Andere – wie etwa Cafés in den beliebten Ausgehvierteln von Mexiko-Stadt – stellten ihren Mitarbeiterinnen frei, ob sie zur Arbeit kommen. „Wir sind als gesamte Gesellschaft unserer Verantwortung nicht gerecht geworden und haben die Verletzung der Rechte von Mädchen, Jugendlichen und Frauen ignoriert“, erklärte der Unternehmerverband CCE.

Lediglich im großen informellen Sektor waren die Frauen wie jeden Tag zur Arbeit erschienen. „Ich kann mir einfach einen Tag ohne Einkünfte nicht leisten“, sagte Marta García, die im Zentrum von Mexiko-Stadt Kleidung an einem fliegenden Stand verkauft. Viele Banken in ganz Mexiko hatten Schwierigkeiten, ihre Filialen zu öffnen, weil ihnen ein Großteil der Mitarbeiterinnen dafür fehlte. Lediglich 40 Prozent der Geldhäuser konnten öffnen.

Der linke Präsident Andrés Manuel López Obrador begleitet den Streik der Frauen mit Gleichgültigkeit und Arroganz. Er ist der Gewalt gegen Frauen in den vergangenen Wochen mit mangelndem Einfühlungsvermögen begegnet. Man solle nicht nur über Feminizide reden, Mexiko habe noch andere Probleme, sagte er. Dezidiert anders spricht Innenministerin Sánchez Cordero: „Die Frauen sind die Priorität der Regierung, ohne sie wird Mexiko sich nicht verändern können.“