Die Wirte Christian Schottenhamel, Gregor Lemke und Peter Inselkammer (von links) bei der Vorstellung der Wirtshaus-Wiesn im Hofbräuhaus.
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Berlin/MünchenWeil das Oktoberfest in diesem Jahr der Corona-Pandemie zum Opfer fällt, veranstalten Münchner Gastronomen vom 19. September bis zum 4. Oktober die  „Wirtshaus-Wiesn“. Sie wollen damit an die allererste Wiesn im Jahr 1810 erinnern – und zumindest einen Teil der verlorenen Umsätze retten. Aber was, wenn sich die Gäste nicht an die Auflagen halten und sich beim gemütlichen Beisammensein anstecken? Gregor Lemke vom Verein der Münchner Innenstadtwirte verteidigt die Idee und beteuert, es gehe nicht um Halligalli. Man nehme die Hygieneregeln sehr ernst. 

Herr Lemke, von diesem Wochenende an hätte eigentlich die Wiesn 2020 stattgefunden. Wie traurig auf einer Skala von 1 (gar nicht) bis 10 (sehr traurig) sind Sie, dass es in diesem Jahr kein klassisches Oktoberfest gibt?

Da muss ich mich für eine 11 entscheiden. Als gebürtiger Münchner und als Gastronom hängt mein Herz sehr am Oktoberfest. Die Wiesn sind tief verwurzelt in unserer bayerischen Lebenskultur, von daher war ich sehr, sehr traurig, als die Absage kam.

In den 210 Jahren ihrer Geschichte fiel die Wiesn 24-mal aus, meist aufgrund von Kriegen. Diesmal war eine Pandemie schuld. Was ging Ihnen durch den Kopf, als das Fest abgesagt wurde?

Als jemand, der im Nachkriegsbayern aufgewachsen ist, konnte man sich gar nicht vorstellen, dass es keine Wiesn gibt, weil man so etwas noch nie erlebt hat. Wir Wirte wussten natürlich, dass irgendwann entschieden werden muss, was mit dem Oktoberfest passiert. Schon wegen der gewaltigen Organisation, die dahinter steht. Dennoch war es eine traurige Entscheidung.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hatten die Wiesn schon im April dieses Jahres abgesagt. War Ihnen das zu diesem Zeitpunkt nicht eigentlich zu früh?

Nein, an dieser Veranstaltung hängt so viel dran – Arbeitsverträge, Aufbau, Dienstleister – damit hätte man nicht länger warten können. Ich habe selber viele Mitarbeiter, die auf der Wiesn arbeiten, da starten viele Vorbereitungen schon im Januar. Insofern hätte eine längere Unsicherheit sicher noch mehr geschadet als die Absage.

Was bedeutet der Ausfall des Volksfestes wirtschaftlich gesehen?

Das Oktoberfest ist ein enormer wirtschaftlicher Faktor für die Stadt München. Es bringt mit allem, was dazugehört, rund 1,2 Milliarden Euro in die bayerische Landeshauptstadt. Also, was soll man da sagen? Es ist ein unglaubliches Loch, das sich da aufgetan hat. Die Auslastung der Hotels ist katastrophal, und ich sehe es ja an meinem eigenen Wirtshaus, dem Klosterwirt: Wir hatten 60 Tage Schließzeit zu verkraften und laufen noch immer weit unter unseren Möglichkeiten. Es ist ein Glück, dass wir bei über 100 Mitarbeitern bislang noch niemanden entlassen und „nur“ auf Kurzarbeit gehen mussten.

Münchner Innenstadtwirte e. V.
Zur Person

Gregor Lemke, 58, ist gebürtiger Münchner und gelernter Hotel- und Restaurantfachmann. Seit acht Jahren führt er den Augustiner Klosterwirt zu Füßen der Frauenkirche.

Lemke ist Sprecher des Vereins der Münchner Innenstadtwirte und Mitorganisator der Wirtshaus-Wiesn, einer gemeinsamen Aktion seines Vereins und der großen Wiesnwirte.

Statt dem Oktoberfest finden nun die Wirtshaus-Wiesn statt, die auch an die Anfänge des weltgrößten Volksfestes erinnern wollen. Können Sie umreißen, was genau geplant ist?

An der Wirtshaus-Wiesn beteiligen sich 54 Gastronomiebetriebe, darunter auch die Betreiber der großen Zelte von der Theresienwiese, also Schottenhamel, Augustiner und Co. mit ihren Wirtshäusern. Wir beziehen uns mit der Aktion auf das allererste Oktoberfest von 1810, sozusagen auf die Urwiesn. Damals fand auf der Theresienwiese nur ein Pferderennen statt. Gegessen, getrunken und gesungen wurde in den umliegenden Wirtshäusern in der Stadt.

Was wird denn vom Oktoberfest, wie wir es kennen, überhaupt übertragbar sein?

Wir sehen die Wirtshaus-Wiesn eher als eine Würdigung, ein Gedenken an das Fest. Es geht nicht um Party, sondern um Traditionen. Die Umsätze können wir sowieso nicht kompensieren, aber wir können den Menschen Lebensmut vermitteln und sie an die bayerische Wirtshauskultur erinnern. Nach dem Motto: „Zieht doch mal wieder Lederhose und Dirndl an, und habt ein bisschen Freude.“ Ich denke, viele Leute sehnen sich danach.

Aber geschunkelt und auf den Tischen getanzt wird nicht?

Nein, die Musik ist auch nicht darauf ausgelegt, sie soll eher dezent im Hintergrund laufen. Es wird kein Halligalli und keine Besäufnisse geben, wir schenken wie auch im normalen Betrieb nicht an Leute aus, die schon genug haben. Aber es gibt eine Wiesenschmankerl-Karte mit klassischen Gerichten wie der Schweinshaxn oder dem halben Hendl. Dazu natürlich die Maß, mit dem Original-Oktoberfestbier der sechs großen Wiesn-Brauereien Hacker-Pschorr, Augustiner, Hofbräu, Spaten, Löwenbräu und Paulaner. Einen zentralen Anstich gibt es mangels Festzelt nicht, aber die meisten Wirtshäuser wollen am Samstag um 12 Uhr ein Fass Wiesnbier anstechen und ein „O’zapft is!“ ausrufen.

Für die Wiesn 2020 waren rund sechs Millionen Besucher aus der ganzen Welt erwartet worden. Mit wie vielen Besuchern rechnen Sie nun in den Wirtshäusern?

Wir haben da keine Zahl parat, auch bei der Wirtshaus-Wiesn müssen wir ja die Corona-Bestimmungen beachten. Bei uns im Klosterwirt haben wir von 430 Plätzen im Innenraum auf 220 heruntergefahren, im Biergarten finden nochmals 160 Gäste Platz.

Kann so ein Fest coronakonform überhaupt gelingen?

Generell haben alle Wirte ein Hygienekonzept, sonst dürften sie ja gar nicht öffnen. Wir sind höchst sensibilisiert, der Gesundheitsschutz ist ein wichtiger Faktor, damit die Menschen sich bei uns sicher fühlen können. Auch für die Wirtshaus-Wiesn gelten Laufweg-Konzepte, Abstandsregeln, wir haben Abtrennungen aus Plexiglas, Maskenpflicht abseits des Tisches. Jeder Gast muss sich registrieren, dazu arbeiten wir mit Apps und Zetteln, in die sich alle eintragen.

Wird auch nur ein Ansteckungsfall im Wirtshaus bekannt, werden viele fragen, warum man überhaupt feiern musste. Sind Sie darauf vorbereitet?

Generell sind wir natürlich auf solche Fragen vorbereitet. Wir bieten einen klaren Rahmen, der im Prinzip nicht viel mehr als ein Essen und Beisammensein mit Freunden und Familie beinhaltet. Unser Personal und die Restaurantleiter haben die Auflagen im Blick, aber wenn wir mal ehrlich sind: Mit Blick auf die Gästezahlen, die wir sonst haben, sind die wenigen Menschen, die wir nun bewirten dürfen, eher wie ein Kindergeburtstag. Diese Personenzahl stellt für uns keine Herausforderung dar.

In München und vielerorts in Bayern steigt die Zahl der Neuinfektionen derzeit wieder deutlich an. Da dürfte so ein Fest nicht von jedem positiv gesehen werden. Einige Ärzte haben sich bereits skeptisch bis sorgenvoll geäußert.

Wir können die Entwicklung nicht prognostizieren, sondern nur beteuern, dass wir das Thema ernst nehmen. Auch intern haben wir heftig diskutiert, wie wir solch eine Aktion bewerben und gestalten. Am Ende hoffen wir, dass die Leute essen gehen, eine tolle Zeit in München haben und durch unsere Aktion ihre guten Erinnerungen ans Oktoberfest bewahren. Bisher ist das Feedback der Gäste sehr positiv, wir haben schon viele Reservierungen, gerade für das erste Wochenende.

Was wünschen Sie sich für die Wiesn 2021?

Dass die Menschen wieder zur Normalität zurückkehren können – und damit auch zur Wirtshauskultur, die ein elementarer Teil unserer Lebensphilosophie ist. Für uns Bayern ist die Wiesn eine ganz wichtige Geschichte, das „Mia san mia“ ist hier tief verankert.