Jens Plötner hat in der vergangenen Woche gemeinsam mit dem Bundeskanzler Kiew besucht und stand auch an seiner Seite, als sie den Vorort Irpin besuchten, wo die russischen Soldaten viele Zivilisten töteten. Dennoch scheint das Erlebnis den wichtigsten außenpolitischen Berater des Kanzlers nicht nachhaltig beeindruckt zu haben. Zumindest nicht, was die Waffenlieferungen in die von Russland überfallene Ukraine betrifft. Plötner findet es offenbar ebenso wichtig, sich mit dem künftigen Verhältnis zu Russland zu befassen.

Das erklärte er am Montagabend auf einer Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Wörtlich sagte er: „Mit 20 Mardern kann man viele Zeitungsseiten füllen, aber größere Artikel darüber, wie in Zukunft unser Verhältnis zu Russland sein wird, gibt es weniger.“ Das aber sei eine „mindestens genauso spannende und relevante Frage“, über die man diskutieren und wozu es auch mal einen öffentlichen Diskurs geben könnte.

Panzer für die Ukraine oder Verständnis für Russland: Schlagabtausch zwischen FDP und SPD auf Twitter

Den öffentlichen Diskus hat er jetzt – allerdings eher in Reaktion auf seine Ausführungen. Bereits kurz nach der Veranstaltung gab es heftige Kritik auf Twitter. So twitterte die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, diese Aussagen „offenbaren ein Denken, das uns in den letzten Jahrzehnten in diese furchtbare Situation gebracht hat“. Die FDP-Politikerin stellte fest: „Es ist doch nicht die Zeit, um liebevoll über Russland nachzudenken, sondern der Ukraine zu helfen.“

Die Antwort erhielt sie prompt vom SPD-Linken Ralf Stegner. Die „Haltung von Jens Plötner ist sehr vernünftig“, antwortetet er und keilte sogleich zurück: „Ernsthaftigkeit, wenn es um Krieg und Frieden geht, darf auch von forschen ‚Kämpferinnen‘ erwartet werden.“

Der 54-jährige Plötner ist seit Dezember 2021 außen- und sicherheitspolitischer Berater von Bundeskanzler Olaf Scholz. Zuvor war er im Auswärtigen Amt beschäftigt. Dort hatte er unter den SPD-Außenministern Frank-Walter Steinmeier und Heiko Maas wichtige Posten inne. So leitete er das Ministerbüro Steinmeiers, den er auch zu den Verhandlungen über das Minsker Abkommen begleitete. Auch für Maas war Plötner einer der engsten Mitarbeiter. Mittlerweile leitet er die Abteilung 2 im Bundeskanzleramt: Außen-, Sicherheits – und Entwicklungspolitik.

Interviews gibt Plötner so gut wie gar nicht, weshalb die Veranstaltung am Montagabend eine seltene Gelegenheit war, sich einen persönlichen Eindruck von ihm zu verschaffen. Der Spitzenbeamte ist ähnlich wie sein Chef eher spröde. Die Tatsache, dass sich die Bundesrepublik am Anfang einer Zeitenwende befindet, entlockt ihm kaum Superlative. „Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine zwingt uns zum radikalen Umdenken“, sagte Plötner zwar. Nach drei Monaten könne aber noch nicht jeder Politikbereich „runderneuert“ sein. Ihm ging es bei der Veranstaltung hauptsächlich darum, dass Europa seine eigenen Verteidigungsmöglichkeiten ausbaut – auch vor dem Hintergrund, dass 2024 ein US-Präsident gewählt werden könnte, dem die Sicherheit Europas kein Anliegen ist.

Doch es ging noch eine weitere Äußerung von ihm viral: So kündigte er an, dass man sich bei den anstehenden Gipfeltreffen von Europäischer Union und Nato dafür einsetzen werde, dass es in den verschiedenen Beschlüssen eine differenzierte Betrachtung Chinas gibt. „Ich glaube, es wäre ein Fehler, China und Russland in einen Topf zu werfen“, so Plötner. Er verwies dabei auf eine Rede des amerikanischen Präsidenten Joe Biden vor wenigen Tagen, die in dieser Hinsicht richtungsweisend gewesen sei. „Da kamen durchaus auch die kooperativen Elemente vor, die wir mit China brauchen“, sagte Plötner. „Es wäre total falsch, hier einen Antagonismus herbeizureden.“

Den Blick zurück will sich Plötner dagegen auf absehbare Zeit ersparen. So antwortete er auf die Frage, ob die Fehler der bisherigen Außenpolitik gegenüber Russland aufgearbeitet würden, eher ausweichend: „Das werden wir machen, aber wir kümmern uns jetzt um die nächsten 20 Jahre.“

Das dürfte eher nicht helfen, das Misstrauen zwischen Deutschland und der Ukraine abzubauen. Die Reise des Bundeskanzlers nach Kiew hatte sich nicht zuletzt deshalb so verzögert, weil die ukrainische Regierung den reisewilligen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier nicht empfangen wollte – als Reaktion auf die russlandfreundliche SPD-Außenpolitik der vergangenen Jahre. Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, fordert bereits seit Längerem eine Aufarbeitung dieser „außenpolitischen Katastrophe“.

Ukraine-Krieg: Der Kanzler spricht nicht davon, dass die Ukraine gewinnen soll

Die Ukraine argwöhnt, dass sich die Bundesrepublik auch jetzt noch eher Russland verpflichtet fühlt. Dazu gehört auch, dass Bundeskanzler Scholz zwar immer wieder betont, dass Russland gegen die Ukraine keinen Diktatfrieden erreichen dürfe, gleichzeitig der Ukraine aber keinen Sieg wünschen will.

Auch das Thema Waffenlieferungen hat in den vergangenen Wochen zu latenter Verstimmung zwischen Kiew und Berlin geführt. Lange gab es keine Lieferungen schwerer Waffen an die Ukraine. Das hatte auch etwas damit zu tun, dass im Bundeskanzleramt sehr darauf geachtet wird, dass Russland die Nato und die Bundesrepublik nicht als Kriegsteilnehmer definieren kann. Plötner gilt als der Erfinder des sogenannten Ringtausches, wonach andere Nato-Staaten ihre Panzer an die Ukraine abgeben und dafür aus Deutschland Nachschub erhalten. Das hat in der Praxis noch nicht funktioniert. Aber immerhin sind mittlerweile die ersten Panzerhaubitzen aus Deutschland in der Ukraine eingetroffen.