Berlin - Wenn der Bundestagswahlkampf ein Fahrradrennen wäre, dann müsste man Olaf Scholz aufrichtig dafür bewundern, dass er sich seine Kräfte bisher am besten eingeteilt hat. Während Annalena Baerbock und Armin Laschet sich mit sehr wechselndem Glück abstrampeln, fährt Olaf Scholz geradezu gemütlich im Windschatten mit. Und ist dann ausgeruht und präsent bei Gelegenheiten, wenn er ganz allein eine Runde drehen muss. Wie am Mittwochabend beim berühmten Brigitte-Interview.

Die Frauenzeitschrift holt sich die Kanzlerkandidaten in jedem Bundestagswahlkampf zum Gespräch. Und wie es die Zielgruppe verlangt, geht es vor allem um Persönliches. Das heißt, dass die Frage zum Cum-Ex-Skandal erst ganz zum Schluss kommt – und auch leider keine Zeit bleibt, kritisch nachzufragen. Dabei gab es wenige Stunden vor dem Brigitte-Talk ein durchaus wegweisendes Urteil zum Fall: Die Richter des Bundesgerichtshofes stellten fest, dass es sich bei den dubiosen Geschäften, bei denen der Staat mithilfe von Banken und privaten Geschäftsleuten um Milliardenbeträge betrogen wurde, tatsächlich um strafbare Steuerhinterziehung gehandelt habe.

Darüber wiederum konnte sich Scholz am Mittwochabend ganz doll freuen, weil es genau das erleichtert, was er seit Jahren nach eigener Aussage will: das Geld für den Staat zurückholen. Allerdings hatte man vor einigen Jahren bei der Hamburger Warburg-Bank darauf zunächst verzichtet. Ungeklärt ist, ob und wie weit Olaf Scholz an der Entscheidung mitgewirkt hat. Immerhin war er damals Bürgermeister in Hamburg.

Geschenkt. Beim Brigitte-Talk geht es um andere Dinge. Das Überraschende: Scholz wirkt bei seinen Antworten glaubwürdig, entspannt und streckenweise sehr sympathisch. Während Annalena Baerbock bei der gleichen Gelegenheit vor allem vorsichtig war und Armin Laschet manchmal schlicht keine rechte Antwort einfiel, antwortet Scholz bereitwillig und so spontan, dass er glaubhaft wirkt.

Dass er erst nach seinem 40. Geburtstag sportlich wurde und das vor allem, weil seine Frau dafür gesorgt hat, hat er schon mal erzählt. Aber er wirkt darüber immer noch so begeistert, dass sich die Geschichte tatsächlich noch nicht abgenutzt hat. „Ich hab im Park kaum zwei Runden geschafft, aber mittlerweile geht viel mehr“, erzählt er freimütig und lacht. Er läuft ohne Musik, ohne Messgeräte oder App und denkt dabei auch nicht viel nach, sagt er. „Viele joggen ja, um runterzukommen. Aber ich bin auch so ein sehr entspannter Mensch.“

Die Frage danach, ob seine Frau weiterarbeiten wird, wenn er denn Kanzler wird, weist er so empört zurück, dass sich die Redakteurin am Ende des Interviews dafür ausdrücklich noch mal entschuldigt. Olaf Scholz, der entspannte und entschlossene Feminist, der seine Regierung paritätisch besetzen will. Allerdings muss er dafür dann aber erst mal aus dem Windschatten heraus und das Rennen irgendwie nach Hause fahren.