Martin Schulz (links), ehemaliger Kanzlerkandidat der SPD, und Olaf Scholz, Vizekanzler, Bundesfinanzminister und designierter Kanzlerkandidat der SPD, auf einer Wahlkampfveranstaltung zur Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen 2020.
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WürselenEs dauert gut 50 Minuten, bis das Thema auf die K-Frage kommt. Er hoffe ja sehr, sagt ein Herr aus dem Publikum, dass Olaf Scholz der nächste Bundeskanzler werde. Aber ob das mit der Kandidatur jetzt nicht doch sehr riskant gewesen sei. „Habt ihr nicht aus der Sache mit Martin gelernt, dass es nicht gut ist, wenn man so was zu früh verkündet?“ Man wisse doch, wie das laufe. Beim Martin sei das ja auch so gewesen – „und dann war er verbraucht“. Warum also, sei man so früh vorgeprescht?

„Der Martin“, das ist Martin Schulz, ehemaliger Bürgermeister von Würselen, ehemaliger Europapolitiker, ehemaliger SPD-Kanzlerkandidat. Das Drama um seine Kandidatur, mit der die Partei vor dreieinhalb Jahren zu einem ungeahnten Höhenflug ansetzte, nur um bei der Bundestagswahl dann krachend zu scheitern, steckte den Sozialdemokraten lange in den Knochen. Bis heute sind sie bei der SPD ein wenig fassungslos, dass etwas, das so vielversprechend begann, so tragisch enden konnte.

Inzwischen ist Schulz noch Mitglied des Bundestages. Er hat den Bundesfinanzminister und designierten SPD-Kanzlerkandidaten in seinen Wahlkreis nach Würselen nahe Aachen eingeladen, um mit Lokalpolitikerinnen, Unternehmerinnen und Unternehmern über die Folgen der Corona-Krise zu diskutieren. Schulz steht neben Scholz, als die Frage nach dem Zeitpunkt der Kandidatur gestellt wird, und lächelt souverän. Die Antwort überlässt er Scholz.

Man habe ja gerade aus der letzten Wahl gelernt, dass man den Kandidaten nicht früh genug nominiert habe, sagt der. Martin Schulz‘ Kandidatur sei damals erst im Januar 2017 verkündet worden, ein Dreivierteljahr vor der Bundestagswahl. Das sei zu spät gewesen. Deshalb jetzt der frühere Termin. „Wenn man über ein Jahr im Fokus der Aufmerksamkeit steht, wird man in alle Richtungen ausgeleuchtet. Aber das ist ein Teil der Demokratie und das ist in Ordnung.“ Jeder, sagt Scholz, solle sich ein Bild davon machen können, „wer wir sind, und was wir für dieses Land tun wollen“.

Zu diesem Zeitpunkt hat Scholz schon fast eine Stunde mit den Gästen aus dem Landkreis diskutiert. Ein Gastwirt sorgt sich um die Zukunft seines Lokals, ein Lederwarenhändler erzählt, wie er kurz davor gestanden habe, sein Haus verkaufen zu müssen, um das Geschäft zu retten. Und was, fragt einer, sei eigentlich mit dem Karneval? Was für den Rest der Republik schwer verständlich scheint, treibt nicht nur die Anwesenden um. Tausende Arbeitsplätze hängen in der Region an dem bunten Narrenfest.

Scholz sagt Sätze wie: „Wenn wir etwas aus der Krise gelernt haben, dann doch, dass alles miteinander zusammenhängt. Keiner kann das allein schaffen.“ Und: „Um nach der Krise wieder auf die Beine zu kommen, brauchen wir nicht nur einen starken Staat, wir brauchen Solidarität.“ Es könne nicht sein, dass Pflegeberufe jetzt beklatscht, später aber genauso schlecht bezahlt würden, wie vor der Krise. Nötig seien bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne. Ihm sei außerdem klar, dass viele Unternehmen noch lange Hilfe benötigen werden. „Aber ich kann Ihnen versprechen: Wir können durchhalten, und wir werden es auch.“

Olaf Scholz, der Mann aus dem Norden, dem nicht selten hanseatische Kühle vorgeworfen wird, zeigt, dass er zumindest im Kleinen beherrscht, was er im Großen verspricht: Die Wirtschaft mit dem Sozialstaat versöhnen, Antworten geben, Lösungen präsentieren.

Er muss sie ja hier und heute noch nicht umsetzen, auf dem Gelände eines Touristikunternehmens im Industriegebiet Würselen, bei einem Treffen, das irgendwie familiär wirkt, und so, als habe sich erst am Morgen jemand spontan entschlossen, die Gesprächsrunde zu organisieren. In der Halle, in der heute Klappstühle stehen und ein paar in weiße Schlauchhussen gewandete Stehtische, werden sonst die Busse des Unternehmens gereinigt. Mehr Bodenständigkeit geht nicht.

Nach der Diskussionsrunde wird Scholz von Journalisten umringt. Martin Schulz steht dabei ein wenig abseits, überlässt dem Parteifreund die Bühne. Was ist das für ein Gefühl, hier gemeinsam mit Olaf Scholz aufgetreten zu sein, dem neuen Hoffnungsträger, der er einmal selbst gewesen ist? Schwingt da nicht auch ein bisschen Wehmut mit? „Nein, gar nicht“, die Antwort kommt prompt, da ist Schulz ganz Profi. „Ich hatte ja lange genug Zeit, mich damit zu beschäftigen. So eine Wahlniederlage steckt man irgendwann weg. Und dann geht es weiter.“ Es sei kein Geheimnis, dass es in der Vergangenheit auch Spannungen zwischen ihnen beiden gegeben habe. „Aber ich muss anerkennend sagen: Er macht eine großartige Arbeit.“

Jetzt gehe es außerdem nicht um persönliche Befindlichkeiten, sondern darum, was das Beste für das Land sei. Das, findet Schulz, ist Olaf Scholz.

Schon zuvor, auf die Frage des besorgten Unternehmers, ob man sich nicht zu früh mit der Kandidatur vorgewagt habe, hat er das schon gesagt. Und: „Man muss in einer Partei nicht immer in allem einer Meinung sein. Aber wir haben jetzt die Pflicht, Geschlossenheit zu zeigen und hinter unserer Parteispitze zu stehen.“ Zumindest an diesem Nachmittag, im Gewerbegebiet von Würselen, hat das ziemlich gut funktioniert.