Wien - Natürlich ist es nicht besonders charmant, einer Damen im Herbst ihres Lebens zu sagen, sie sei ein Fall für das Museum. Selbst für den mitunter morbiden Wiener Schmäh wäre das eine Spur zu derb.

Doch für Monika Salzer ist die Anfrage aus dem neuen Haus der Geschichte Österreichs gleichermaßen amüsant und anerkennend. Wenn die Ausstellung hinter dem berühmten Balkon der Hofburg am Wiener Heldenplatz am 10. November zum 100. Jahrestag der Republikgründung offiziell öffnet, dann wird ihre Bewegung „Omas gegen Rechts“ gerade zwölf Monate alt sein.

Für ihr Symbol – die roten Strickmützen mit weißem Button – könnte es keinen besseren Platz geben als der Ort, an dem die Alpenrepublik sich ein neues Geschichtsverständnis erarbeiten will. Und, ja auch, an dem Hitler 1938 den Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland ausrief.

„Wir sind nicht nutzlos“

Damit die Geschichte nicht noch einmal eine fatale Wendung bekommt, geht Monika Salzer streitlustig mit ihren Mit-Omas auf die Straße. Mit auffälliger Symbolik will die 70-Jährige gemeinsam mit anderen älteren Damen ihre Stimme gegen die politische und gesellschaftliche Entwicklungen im Land erheben. Sie verstehen sich als zivilgesellschaftliche und überparteiliche Initiative, aber dennoch sehen sie in der neuen Bundesregierung eine Gefahr für den Zusammenhalt.

Deshalb sind sie als kleine Gruppe bei der ersten Großdemonstration gegen die türkis-blaue Bundesregierung am Anfang des Jahres mit auf die Straße gegangen. Zu acht waren sie auf dem Heldenplatz mit ihren roten Mützen und haben ihr „Oma gegen Rechts Lied“ gesungen. „Das ist gut angekommen“, erzählt Monika Salzer im großmütterlichen Ton. „,Ihr seid cool‘, haben junge Menschen zu uns gesagt“, sagt sie amüsiert.

Auch BBC berichtete

In nahezu jedem Zeitungstext über diesen Protestzug wurden sie erwähnt. Selbst die BBC berichtete über die „Grannies“. Die Gruppe wuchs rasch an. Und dieser enorme Zulauf überrascht Salzer doch ein wenig. „Ich habe die Bewegung am 16. November 2017 als geschlossene Facebook-Gruppe gegründet“, erzählt sie, „und dachte nicht, dass sie solch einen Zuspruch bekommen wird. Mir war aber klar, dass es Interesse geben könnte.“ Die Gruppe ist immer noch geschlossen und Administratorinnen entscheiden, ob jemand hinzukommen darf.

Aber inzwischen kündigen die Damen ihre Proteste und Veranstaltungen auf der Oma-Homepage an. Schon nach zwei Wochen nach dem Start waren sie beim Gedenkmarsch für die verstorbene Menschenrechtsaktivistin Ute Bock 200 rotmützige „Omas“. Mittlerweile hat die Gruppe Kultstatus und mehr als 3300 Mitglieder. Es gibt Ableger in jedem Bundesland und sogar Untergruppen in Deutschland, etwa in Berlin, Bremen und Frankfurt.

„Wir sind auch lieb“

Dass sie sich selbst „Omas“ nennen und dies plakativ demonstrieren, ist ein Teil der öffentlichen Wirksamkeit. Despektierlich sehen sie das nicht. „Das ist doch ein Ehrentitel“, sagt Salzer. „Außerdem sind wir doch auch lieb.“ Wenn die Damenriege auftaucht und Haltung zeigt, erwartet man Wut vergebens. Die evangelische Pfarrerin im Ruhestand ist selbst mehrfache Großmutter. Es geht ihnen um den Wandel des Begriffs und um einen sinnvollen Einsatz ihrer Zeit. „Die jungen Menschen sind stark eingespannt“, sagt Salzer. „Wir sehen uns als Vertreter dieser Generation.“ Sie hält inne. „Wir wollen für unsere Enkelkinder etwas Gutes machen, haben keine kleinen Kinder mehr, sind nicht mehr im Job so eingespannt und haben Zeit.“

Gemeinsam mit der Journalistin Susanne Scholl organisiert Salzer die Omas, und die Lust an der Rebellion spielt dabei eine große Rolle. So wie sie es waren in den 60er- und 70er-Jahren. Gegen Rassismus, Sozialabbau, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit. Es gehe ihnen darum, junge Menschen wieder zu politisieren. „Uns älteren Frauen wird die Nützlichkeit abgesprochen“, sagt Salzer und zitiert einen Twitter-Kommentar des Salzburger Identitären-Chefs: „Wenn man länger lebt, als man nützlich ist und vor lauter Feminismus nie stricken lernte. Meine Oma schämt sich für euch.“ Dabei hätten sie doch alle längst etwas geleistet und müssten nichts mehr schaffen, empört sie sich.

Workshop-Tour durch Österreich

Dieser Ton passe aber zum roten Faden der Regierung. Man bekomme mit, wie plötzlich Grenzen in der Gesellschaft überschritten würden, die viele Jahrzehnte in Stein gemeißelt schienen, betonten die Organisatorinnen zuletzt immer wieder. Deshalb sei innerhalb der Gruppe auch ein wichtige Fragestellung, wie man das bürgerliche Publikum erreichen könne, erklärt Salzer.

Es gehe nicht darum, ein kritisches Bild zu entwerfen, sondern für die Probleme zu sensibilisieren. Die meisten Mitstreiterinnen sähen sich in der Tradition der „Heldinnen, die vor 100 Jahren für die Gleichstellung der Frauen“ gekämpft hätten, erzählt Salzer.

Die Popularität wollen sie nutzen und touren daher seit Wochen mit kleinen Workshops durch Österreich. Eine Handvoll Omas demonstrierte Ende Mai in Berlin auch gegen die AfD mit. Man hilft, wo man kann und muss.