Fast 37 Jahre nach dem blutigen Überfall auf die Wiener Opec-Konferenz beginnt am Freitag der wohl letzte Strafprozess gegen einen der angeblichen Mittäter. Die heute 79-jährige Sonja Suder soll damals als Mitglied der „Revolutionären Zellen“ (RZ) Waffen und Sprengstoff für die Kommandooperation nach Wien transportiert haben.

Vor dem Landgericht Frankfurt am Main muss sie sich deshalb wegen Beihilfe zum Mord verantworten. Ihr wie ihrem mitangeklagten 70-jährigen Lebensgefährten Christian Gauger werden zudem Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und die Beteiligung an drei Brandanschlägen der RZ vorgeworfen, die Mitte der 70er Jahre Sachschäden verursachten. Die Angeklagten bestreiten alle Vorwürfe.

Gaddafi als Auftraggeber

Am 21. Dezember 1975 hatte ein Kommando unter Führung des venezolanischen Topterroristen Carlos die Konferenz von Erdölministern der Opec-Länder in Wien überfallen. Bei der zweitägigen Operation wurden drei Menschen getötet. Sehr wahrscheinlich gab der damalige libysche Staatschef Muammar al Gaddafi den Auftrag.

Zum Kommando von Carlos gehörte auch das RZ-Mitglied Hans-Joachim Klein. Klein, der sich 1976 vom Terrorismus öffentlich lossagte und bis zu seiner Festnahme 1998 unerkannt in Frankreich lebte, musste sich im Jahr 2000 wegen der Mordaktion vor Gericht verantworten. Er wurde dank der Kronzeugenregelung zu neun Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er die Hälfte absaß.

In dem jetzt in Frankfurt anstehenden Verfahren wird Klein nun abermals als Kronzeuge der Anklage auftreten. In seinen Vernehmungen nach der Festnahme 1998 hatte er behauptet, Sonja Suder habe ihn im Herbst 1975 für die Opec-Aktion rekrutiert. Als sich kurz vor dem Überfall die avisierte Waffenlieferung aus Libyen verzögerte, sei es auch Suder gewesen, die mit dem Auto Waffen und Sprengstoff der RZ aus Frankfurt nach Wien geschafft habe. Verwendet habe man letztlich aber nur den Sprengstoff, betont Klein.

Ob das für eine Verurteilung ausreichen wird, ist jedoch höchst fraglich. Beweise, die Kleins Aussage stützen würden, gibt es nicht – nicht zuletzt wegen katastrophaler Fehler der Wiener Polizei bei der Spurensicherung 1975. Und so hat die Frankfurter Staatsanwaltschaft nicht mehr als die Aussage ihres Kronzeugen in der Hand.

Das allerdings ist schon einmal, vor zwölf Jahren, schief gegangen. Damals hatten sich die Frankfurter Ankläger ebenfalls auf Kleins Behauptungen verlassen und den RZ-Aktivisten Rudolf Schindler wegen dessen angeblicher Beteiligung am Opec-Überfall angeklagt. Der Angeklagte wurde jedoch freigesprochen. Klein habe, so die damalige Vermutung des Gerichts, wohl nicht bewusst die Unwahrheit gesagt, sich aber vermutlich falsch erinnert.

Dass fast vier Jahrzehnte nach der Terroraktion von Wien überhaupt noch zu diesem Prozess kommt, ist eine Folge der Regelung über den europäischen Haftbefehl. Denn die beiden Angeklagten Suder und Gauger hatten bereits im August 1978 Deutschland illegal verlassen und waren in Frankreich untergetaucht. Dort schlugen sie sich als Flohmarkthändler durch und lebten mit gefälschten Schweizer Pässen in der Nähe von Lille.

Im Jahr 2000 aber wurden die beiden aufgrund eines internationalen Haftbefehls aus Deutschland in Paris festgenommen. Sie saßen drei Monate in Untersuchungshaft, dann kamen sie frei. Die Richter erklärten, die Taten seien nach französischem Recht verjährt. Von nun an lebten die beiden ganz offiziell, unter richtigem Namen, in Paris und beantragten bei deutschen Behörden ihre Renten.

Keine Erinnerung mehr an die Tat

Im Sommer 2007 wurden sie jedoch wieder festgenommen. Ein französischer Richter eröffnete ihnen, dass die Bundesrepublik Deutschland nun einen europäischen Haftbefehl beantragt habe, der nach dem Recht der Europäischen Union (EU) eine bedingungslose Auslieferung von Staatsbürgern an ihr Heimatland vorsehe.

Sie kamen zwar vorerst wieder auf freien Fuß, fochten durch alle Instanzen den neuen Haftbefehl an – doch ohne Erfolg: Am 14. September 2011 wurden Suder und Gauger nach Deutschland ausgeliefert und in Untersuchungshaft genommen. Der schwer kranke Gauger wurde nach einigen Monaten wieder entlassen. Suder sitzt bis heute im Gefängnis, weil das Gericht bei der 79-Jährigen eine besonders hohe Fluchtgefahr zu erkennen glaubt.

Wann der jetzt anstehende Prozess enden wird, ist nicht absehbar – wegen der Erkrankung Gaugers kann nur zweimal pro Woche wenige Stunden lang verhandelt werden. Der 70-Jährige hatte nach einem Herzstillstand vor 14 Jahren sein Gedächtnis verloren. Seitdem hat er keine sichere Erinnerung mehr an die Zeit, um die es im Prozess gehen wird.