Madrid - Es ist Vormittag, die Sonne scheint über die Bergkette. Unterhalb des Kilometersteins 13, nicht weit von dem nordspanischen Bergdorf Villanueva de Valdueza entfernt, gräbt ein kleiner Bagger sich langsam durch den Schieferboden. Der 28-jährige Archäologe René Pacheco blickt konzentriert in die gut ein Meter tiefen Furchen. Jede Erdschicht, die die Baggerschaufel abträgt, kann einen Hinweis geben, kann Knochen freilegen, Reste von Kleidungsstücken, Knöpfe, Patronenhülsen.

76 Jahre ist es her, seit General Francisco Franco gegen die spanische Republik putschte, bis 1975 herrschte sein faschistisches Regime. Bauern, Intellektuelle, Andersdenkende – Francos Milizen trieben sie zu Tausenden auf Lastwagen, folterten und mordeten, verscharrten die Leichen vor den Toren der Städte. Heute, 37 Jahre nach dem Tod des Diktators, liegen noch immer geschätzte 150 000 Opfer in anonymen Massengräbern. Der 1977 geschlossene „Pakt des Schweigens“ sollte Spaniens Politik und Gesellschaft in demokratische Bahnen lenken, der Preis dafür war die Tabuisierung der Vergangenheit. Vor ein paar Jahren begannen die Enkel der Ermordeten, das Schweigen zu brechen, in das sich Spanien seit dem Ende der Franco-Zeit hüllt. Sie fordern ein Ende der Straflosigkeit für die Täter.

Spurensuche in den Dörfern

Der Verein zur Wiedergewinnung des historischen Gedächtnisses, ARMH (Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica), kümmert sich seit mehr als zehn Jahren um Menschen, die Angehörige aus den Massengräbern bergen wollen und bei den Behörden auf taube Ohren stoßen. Mithilfe von Freiwilligen recherchiert der Verein die Fälle, dokumentiert sie, gräbt die Toten aus und informiert die UN-Arbeitsgruppe für gewaltsames Verschwindenlassen. Der Staat macht keine Anstalten, die Exhumierungen in behördliche Hände zu legen. „Wir bekommen Zuschüsse für ein paar Ausgrabungen im Jahr“, sagt Marco González, Vizepräsident des ARMH, „doch eigentlich sollte das Aufgabe des Staates sein.“

González und seine Kollegen begeben sich auf Spurensuche in die Dörfer. Viele Menschen haben jahrelang geschwiegen, doch langsam brechen die Familiengeschichten auf. So wie die von Adriana Fernández. Die 48 Jahre alte Argentinierin ist die Enkelin des Korbflechters Antonio Fernández aus Villanueva de Valdueza, genannt „El Cesterín“. Am 9. Oktober 1936 wurde er von Franco-Milizen ermordet und oberhalb des Dorfes an einem Hang vergraben.

Es ist der Berghang nahe des Kilometersteins 13, auf den an diesem Morgen die Sonne scheint. Adriana Fernández steigt mit ihrem 76-jährigen Vater Constantino und ihrem Onkel Antonio aus dem Auto. Die drei sind eigens aus Buenos Aires angereist. In Don Constantinos Gesicht sieht man, dass er im Geist die Jahre zurückblättert. Dann zeigt er Richtung Tal und sagt: „Da hinten liegt mein Vater. Ich bin noch oft als Junge hier vorbeigegangen, wenn ich die Kühe zur Weide gebracht habe.“ Und er sagt, was in diesen Tagen alle in Villanueva de Valdueza sagen: „Das Gras wuchs an der Stelle immer höher und grüner als in der Umgebung.“ Bauer Rodríguez, der bei der Suche nach „El Cesterín“ dabei ist, glaubt, dass hier viele von den Franquisten getötet wurden. „Vorn an der Wegbiegung liegen noch fünf oder sechs, direkt unterhalb der Straße, weiter unten Richtung Dorf noch ein paar mehr. Alle kamen aus den Dörfern der Umgebung.“

"Todesursache: Bekämpfung des Marxismus"

Aber Constantino, der als 17-Jähriger mit seinem Bruder nach Argentinien auswanderte, war lange ahnungslos. Man hatte ihm gesagt, sein Vater sei wegen eines Nachbarschaftsstreits gestorben. Mehr als 70 Jahre vergingen, bis er die Wahrheit erfuhr. Es war seine Tochter Adriana, die ihn darauf stieß. Sie hatte sich in Argentinien mit dem Thema Menschenrechtsverletzungen beschäftigt. Und begann, Parallelen zu Spanien ziehen. „Vor zwei Jahren kamen mir Zweifel an der Version mit dem Nachbarschaftsstreit“, erzählt sie. Ihre Familie reagierte auf eine Art, die sie aus der argentinischen Geschichte zur Genüge kannte: „Er hatte mit Politik nichts zu tun!“ , hieß es.

Adriana Fernández nahm Kontakt zum ARMH auf, bat um eine Recherche vor Ort. Man wurde bald fündig. Die Sterbeurkunde von „El Cesterín“ trägt die Registernummer 5324, steile Buchstaben quittieren knapp: „Gestorben: auf dem Feld. Bestattungsort: –. Todesursache: Bekämpfung des Marxismus.“

„Es heißt, mein Großvater habe einen Dorfbewohner vor den Franquisten gewarnt“, sagt Adriana. „Sie holten ihn vor den Augen seiner Frau und seiner beiden kleinen Söhne ab.“ Constantino war zwei Jahre, der Bruder zwei Monate alt. „El Cesterín“ leistete keinen Widerstand, als seine Mörder ihn abführten. Noch in der Nacht wurde er am Straßenrand oberhalb des Dorfes erschossen. Er war 24 Jahre alt.