Bei einer Razzia beschlagnahmte Fässer Bier während der Prohibition
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New York Der Broadway in Manhattan hat schon viele große Feste gesehen: das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Konfetti-Parade für die Astronauten der Mondlandung oder die jährliche Neujahrsfeier am Times Square. Doch es gab wohl keine Party am „Great White Way“ – dem großen, neonlichtdurchfluteten Boulevard – wie jene, die in den ersten beiden Wochen des Jahres 1920 hier tobte. 

Angefangen mit der Neujahrsnacht zum Start der 20er-Jahre beging der Big Apple das größte Bacchanal seiner Geschichte. In jedem Café und jedem Restaurant floss der Alkohol in Strömen und rund um die Uhr. Die ganze Stadt wollte sich besaufen, alle Vorräte mussten raus. Denn am 17. Januar 1920 begann die rund 13 Jahre lang währende Trockenzeit in den USA, die als Prohibition in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Die Bewegung für das Alkoholverbot in Amerika hatte allerdings schon rund 50 Jahre zuvor angefangen. Mit dem Wachstum der Städte und den großen Einwanderungswellen nach dem amerikanischen Bürgerkrieg wurde auch der Alkoholkonsum in den amerikanischen Städten zum sichtbaren und spürbaren Problem. Es entstanden überall Bars und Saloons – und der grassierende Alkoholismus vor allem unter arbeitenden Männern drohte Familien zu zerstören.

Progressive Frauen gegen den Alkoholismus

An vorderster Front im Kampf gegen den Alkoholismus in Amerika standen progressive Frauen, die neben dem Alkoholverbot auch das allgemeine Wahlrecht für Frauen forderten. Eine der wichtigsten Organisationen in diesem Kampf war die Women’s Christian Temperance Union mit ihrer Vorkämpferin Carrie Nation. Die temperamentvolle Nation hatte die Angewohnheit, in Bars zu stürmen, die seinerzeit noch keine Frauen duldeten, und mit dem Wurf eines Ziegelsteins das gesamte Flaschensortiment zu zerstören.

Keiner der verdutzten Anwesenden traute sich, etwas gegen die resolute Frau zu unternehmen. Der endgültige Schub, das Gesetz zu verabschieden, kam allerdings erst durch den Ersten Weltkrieg. Die Notwendigkeit, landwirtschaftliche Ressourcen zu sparen, lieferte den Prohibitionisten schlagkräftige Argumente. Und trotzdem waren selbst sie überrascht, als beide Häuser des Parlaments den Gesetzesentwurf mit überwältigender Mehrheit verabschiedeten. So brach ab Ende des Jahres 1919 eine richtig gehende Panik aus.

Wohlhabende Trinker versuchten, Inventar für ein ganzes Leben aufzukaufen. Vornehme Damen in New York ließen sich durch die Stadt fahren und luden den Kofferraum so voll, wie es nur irgend ging. Die Panik stellte sich freilich als unbegründet heraus. Wie man heute weiß, wurde während der Prohibition mehr getrunken als je zuvor – die mit dem Verbot einhergehende Verknappung setzte offenbar ein ungeheures Bedürfnis frei.

Speakeasies als Folge vom Verbot

In US-amerikanischen Städten entstanden an jeder Ecke die Speakeasies – Hinterzimmer und Hinterhofkneipen in denen illegal ausgeschenkt wurde. In Schwarzenvierteln wie Harlem wurden die Speakeasies zu den wichtigsten Brutstätten des Jazz. Auf dem Land begann jeder Bauer, Moonshine zu destillieren – jene berüchtigten, hochprozentigen Whiskeysorten, die schwere körperliche Schäden hinterlassen konnten. An den Grenzen blühte der Schmuggel.

So floss aus Haiti, den Bahamas und Kuba in rauen Mengen der Rum in die Kasinos von Miami Beach, die durchweg von der Mafia kontrolliert wurden. Die Oberschicht von der Ostküste reiste im Herbst an, überwinterte und schuf so das elegante Miami, das man heute kennt. Als Franklin D. Roosevelt 1933 zum Präsidenten gewählt wurde, war die Prohibition zu einem Treppenwitz geworden. Die US-amerikanische Öffentlichkeit und die Politik waren sich einig, dass man den Verfassungszusatz wieder abschaffen muss.

20.10.1930, USA, New York: Die Bandenmitglieder Ed Diamond (l-r), Jack Diamond, Fatty Walsh und Charles "Lucky" Luciano stehen neben einander.
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Prohibition war Nährboden für organisierte Kriminalität

Laut der Historikerin Lisa McGirr von der Harvard-Universität hatte die Prohibition dennoch weitreichende Konsequenzen. Zum einen war sie der Nährboden für das Erblühen der organisierten Kriminalität, die sich nach 1933 lediglich auf andere Geschäfte verlagerte. Zum anderen beförderte sie die Reaktion darauf – die Ausweitung des Polizeiapparates auf die Dimensionen, die man heute kennt.
Viel gelernt, meint Historikerin McGirr, hätten die USA aus der Erfahrung jedoch offenbar nicht.

So sei die Kriminalisierung von eher weichen Drogen wie Marihuana und der mit extremem Aufwand und extremer Brutalität geführte Krieg dagegen ähnlich vergeblich gewesen wie die Prohibition. Erst jetzt, nach 40 Jahren, bewegt man sich in Washington und in vielen Einzelstaaten hin zu einer Entkriminalisierung. Dabei hat man vollkommen die gesundheitlichen und sozialen Gefahren des Alkohols aus dem Blick verloren.

Alkohol spielt bei einem Drittel aller Gewaltverbrechen eine Rolle und ist für zehn Prozent der Todesfälle in Amerika verantwortlich. Für Prävention und Aufklärung mangelt es jedoch an Mitteln. Vielleicht kann jedoch die jüngste Drogenepidemie in den USA endlich ein Auslöser für ein Umdenken sein. Das größte Drogenproblem in den Vereinigten Staaten sind heutzutage völlig legale Opiate. Mit Kriminalisierung kommt das Land da von Anfang an nicht weit.