Deutschland gehört mit sieben anderen Staaten zum Netzwerk Eurotransplant. Sechs dieser Partner haben die Widerspruchsregelung.
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BerlinFalls jemand in den Winterferien die Hahnenkammabfahrt hinunterfegen will, hier ein Hinweis: Zu selbstbewusste Urlauber könnten bei der Heimreise so herzlos sein, wie sie nie im Leben waren, nicht mal gegenüber Schwiegermutter. In Österreich ist man nämlich automatisch Organspender. Dort gilt die Widerspruchsregelung. Wer sich nicht gegenteilig geäußert hat, ist voll dabei. Oder eben leer, hinterher. Ja, das gilt auch für Ausländer. Nein, Angehörige werden nicht befragt. Wer keinesfalls in anderen Leibern weiterleben will, sollte also, bevor er auf der „Streif“ die Skibrille anlegt, das Wiener Widerspruchsregister verständigen oder sich „Vollständig wieder schließen!“ auf den Brustkorb schreiben.

Ich mache mir da keine Sorgen. Meine alpinen Ambitionen sind noch geringer als das Talent. Außerdem finde ich das Verfahren vorbildlich. Alle werden informiert, jeder hat die Wahl, und wer schweigt, dem ist’s egal. Keine Lunge wird verbuddelt oder verbrannt, nur weil jemand zu bequem war, sich rechtzeitig über deren posthumen Verbleib zu äußern. Das ist meine Vorstellung von Ethik. Die Bundestagsmehrheit hat eine andere. Das Parlament lehnte es soeben ab, wie die Nachbarn zu verfahren. Der Staat, hieß es in der Debatte, würde damit das Selbstbestimmungsrecht seiner Bürger verletzen. Er missbrauche sie als Ersatzteillager, schände das freiheitliche Menschenbild und spucke auf Rechte wie Werte. Solch hohe Töne mögen ja respektabel klingen, wiewohl im Plenarsaal etwas mehr als auf einer Dialysestation.

Zahl der Organspender ist in Deutschland niedrig 

Stärker noch beeindruckte mich ein Kommentar der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Dass in anderen Ländern die Zahl der Spender höher ist, weil ethische Bedenken weniger verbreitet sind oder für den Staat weniger ins Gewicht fallen, kann kein Argument dafür sein, es diesen Ländern gleichzutun.“ Nun, Deutschland gehört mit sieben anderen Staaten zum Netzwerk Eurotransplant. Man hilft sich, für Spenderorgane passende Patienten zu finden. Sechs dieser Partner haben die Widerspruchsregelung. Alle liegen sie im Spenderaufkommen deutlich vor Deutschland.

Auch 2019 haben Deutsche wieder mehr Organe aus dem Ausland erhalten als sie dorthin abgaben. Demnach, und das ist die schlechte Nachricht für hiesige Empfänger, stammt die neue Niere womöglich aus einem Land minderer Moral, fragwürdiger Werte und mangelnder Selbstbestimmung, wo man bedenkenlos Kaldaunen plündert, aus einem zivilisationsfernen Gemeinwesen wie Belgien, Slowenien oder eben Österreich. Das ist keine Polemik, sondern komplettiert nur die Argumentation.

Auch bei anderen ethischen Großbaustellen hat Deutschland seine Stärken traditionell eher auf der piekfeinen Seite. Weil die Nation deren Nutzung nicht länger verantworten kann und der Welt ein Beispiel geben will, steigt sie aus mehreren Grundenergieträgern gleichzeitig aus. Zum Jahreswechsel wurde das Kernkraftwerk Philippsburg 2 abgeschaltet. Deshalb ginge im Ländle bei Windstille nicht gleich das Licht aus, versicherte der Stuttgarter Umweltminister und verwies auf vermehrte Energieimporte, vor allem aus Frankreich. Muss man hier noch erwähnen, welcher Technologie drei von vier französischen Megawattstunden entstammen? Ach, es ist schon ein Segen, dass andere Länder viel gewissenloser sind.