Toben mit Kindern: Das Bild ist von der Webseite von Original Play. Was unbedarft aussieht, sorgt auch die Kirchen und die Senatsverwaltung. Sie prüft ein Verbot.
Foto: Original Play

BerlinDie Bilder sind irritierend: Männer, die sich mit Kindern wälzen und auf Matten rollen, die schmusen, raufen, rangeln, die die Kinder zwischen ihre Beine nehmen, sie umarmen und ihnen so nah kommen, wie es eigentlich nur Eltern oder engste Freunde tun sollten.

„Original Play“ nennt sich das Spiel, das der 76-jährige US-Amerikaner Fred O. Donaldson erfunden hat. Nachdem das ARD-Magazin „Kontraste“ am vergangenen Donnerstag über die Methode berichtet hat, reagieren nun diverse Stellen alarmiert. Dem Bericht zufolge soll es im vergangenen Jahr in einer evangelischen Kita bei solchen „Spielen“ in Kreuzberg zu sexuellen Übergriffen gekommen sein. Die Eltern sollen von der Methode nichts gewusst haben. In Hamburg und Berlin sollen Missbrauchsfälle und sogar Vergewaltigungen angezeigt worden sein. Im „Kontraste“-Bericht erzählt ein Vater aus Berlin, dass sein Sohn von sexuellen und gewalttätigen Dingen berichtet und diese auch vorgespielt habe. Doch man glaube dem Kind nicht – weder die Kirche noch die Kitaleitung oder der Träger. Die Staatsanwaltschaft in Berlin hat die Ermittlungen wegen Mangels an Beweisen eingestellt.

„Das sind verstörende Bilder, die man auf der Webseite sieht“

Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, sagte der Berliner Zeitung: „Das sind verstörende Bilder, die man auf der Webseite sieht.“ Das sei ein Prüffall. „Ich empfehle, dass sich hier die Landesjugendämter unmittelbar einschalten sollten. Die sind von Amts wegen verpflichtet, wenn ein Verdacht geäußert wird“, sagte Hilgers. Viele Fragen blieben bisher aber ungeklärt. Der Kinderschutzbund prüfe die Methode und die Vorfälle und werde in den kommenden Tagen eine fundierte und fachliche Stellungnahme erarbeiten.

"Original Play"

Länder: "Original Play" – also das ursprüngliche Spiel – wird laut Webseite in Österreich, in Deutschland, in den Niederlanden, in Polen, in Schweden, in Griechenland und in Tschechien angewandt und unterrichtet.
Fred O. Donaldson: Der 76-jährige Erfinder des „Spiels“ ist Geograf und hat keinen pädagogischen Hintergrund. Er selbst bezeichnet sich als „Spiel“-Experte. Donaldson hat ein Buch über seine Methoden geschrieben.
Leitidee: Das Spiel das Zugehörigkeitsgefühl fördern und eine Grundlage für Lernen, Kreativität und Selbstentwicklung schaffen. Negative Verhaltensmuster sollen in neue Gewohnheiten umgewandelt werden.

Das „Spiel“, so jedenfalls heißt es auf der offiziellen Homepage von "Original Play", „versucht die Beziehungen zwischen Individuen und Gruppen zu verbessern, in dem Aggression und Gewalt zwischen Menschen durch Freundlichkeit und Liebe ersetzt werden und jedes Kind sich sicher und geliebt fühlt“. Ein Verein bietet Workshops für das alternative pädagogische Konzept an – auch in Berlin. 210 Euro kostet der zweitägige Workshop, der laut Webseite „ermutigen soll, sich für das ursprüngliche Spiel von Kindern zu öffnen und das Potenzial des Spiels im eigenen Leben wieder zu entdecken“. Mitte November wird in Friedrichshain der nächste derartige Workshop angeboten.

„Grenzüberschreitungen im Umgang mit Nähe und Distanz“

Auch die Kirche und die Diakonie haben sich zu "Original Play" geäußert. Wer die Kinder betreue oder anleite, mit ihnen spiele oder lerne, müsse immer mit den Eltern abgesprochen werden, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. Pädagogische Konzepte, die durch Externe in die Kindertageseinrichtungen eingebracht werden, müssten immer zur Voraussetzung haben, dass sie das Wohl des Kindes uneingeschränkt garantieren. „Daher warnen wir, die Methode Original Play zu praktizieren, da es zu Grenzüberschreitungen im Umgang mit Nähe und Distanz kommen könnte“, schreiben die Diakonie und die Evangelische Kirche in Deutschland.

Aus dem Familienministerium hieß es, dass das Phänomen bekannt sei, man sich aber noch nicht näher damit befasst habe. „Was die konkreten Fälle betrifft, die in der aktuellen Berichterstattung beschrieben werden, reichen die vorliegenden Informationen nicht aus, um eine fundierte Einordnung abgeben zu können“, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Grundsätzlich ließe sich jedoch festhalten, dass man es für problematisch erachte, wenn Kindern die Botschaft vermittelt werde, „intimer Körperkontakt mit Fremden sei wünschenswert“.

Senatsverwaltung prüft Verbot von "Original Play" in Berliner Kitas

Auch aus der Senatsverwaltung Bildung, Jugend und Familie heißt es, dass die Kita-Aufsicht "Original Play" aus Kinderschutzgründen ablehne. „Die Senatsverwaltung prüft gerade ein Verbot von "Original Play" in den Berliner Kitas. Denn es gibt Anhaltspunkte, dass es im Zusammenhang mit Original Play zu Kindeswohlgefährdungen kommen könnte“, sagte Sprecherin Iris Brennberger. Derzeit werde ein Schreiben zum Thema „Original Play“ an die Kitas vorbereitet. Allerdings sei der Senatsverwaltung aktuell keine Kita in Berlin bekannt, die "Original Play" anwende. Im Sommer 2018 hätte es Missbrauchsvorwürfe in einer Kreuzberger Kita gegeben. Die Kita-Aufsicht der Senatsverwaltung habe sich in diesem Zusammenhang mit dem Konzept "Original Play" auseinandergesetzt, da die Kita Elemente davon in ihren Alltag integriert hätte. Einige der Erzieher und Erzieherinnen hätten demnach entsprechende Fortbildungen gehabt. „Die Kreuzberger Kita hat – nachdem die Missbrauchsvorwürfe erhoben wurden – von dem Konzept Abstand genommen“, so Brennberger.

CDU will Dringlichkeitsantrag zur Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe stellen

Die CDU-Abgeordneten Burkard Dregger und Stefan Evers haben eine Anfrage an die Senatsverwaltung geschickt, in der sie wissen wollen, was die Verwaltung von den Vorfällen konkret wusste. Für die Plenardebatte am Donnerstag will die CDU-Fraktion zudem einen Dringlichkeitsantrag ins Abgeordnetenhaus einbringen, in dem der Senat aufgefordert wird, die Missbrauchsvorwürfe lückenlos aufzuklären. Zudem solle ein berlinweites Verbot von Kita-Spielen verhängt werden, deren pädagogisches Konzept Körperkontakt zwischen Kita-Kindern und fremden Erwachsenen vorsieht.