Tröglitz - Ein alter Mann schiebt sein Rad die fast menschenleere Kopfsteinpflasterstraße herauf, am Lenker baumelt eine prall-gefüllte rote Plastiktüte, im Fahrradkorb liegt ein Sack Kartoffeln. Am Ende der Straße wandert sein Blick kurz zu dem eierschalenfarbenen Haus. Er wischt sich den Regen aus dem Gesicht, dann wendet er sich ab, steigt auf sein Rad und fährt weiter. Hier ist die Straße wieder eben.

Die Täter wurden nicht gefasst

Der „Schandfleck" des Ortes  - so wird das gelbe Haus im Gemeindeblatt bezeichnet. In der Nacht zum 4. April 2015 steckten unbekannte Täter das Mehrfamilienhaus  in Tröglitz in Brand. Das Feuer zerstörte den kompletten Dachstuhl, das Gebäude ist seitdem unbewohnbar. 40 Flüchtlinge sollten hier im Sommer vergangenen Jahres ein neues Zuhause finden. Ein Tröglitzer Ehepaar schlief in dem Haus, als die Flammen durchs Gebälk schlugen. Nachbarn warnten die Bewohner, die sich daraufhin in Sicherheit bringen konnten.

Nach dieser Nacht zum Karsamstag  brach ein Sturm  über den verschlafenen  2700-Einwohner-Ort im tiefsten Sachsen-Anhalt ein. Über einen Ort, der so verlassen, grau und traurig wirkt. Und es ist nicht nur der stete Nieselregen und der dreckige  Himmel an diesem Märztag, der das triste Bild trägt: Der Supermarkt mit dem verblassten „Frischmarkt“-Schriftzug  im Ortskern steht seit September leer, man blickt in eine staubige Halle, Putz bröckelt von den Fassaden vieler Häuser, Wohnungen stehen zum Verkauf.  Es gibt kaum Leben auf der Straße.

Der verrufene Ort

Tröglitz wurde in dieser  Nacht über Landesgrenzen hinweg zu einem Symbolort: Für Neonazis, für Rechtsradikalismus, für Ausländerhass, für den „braunen Osten“.  Er wurde in einem Atemzug mit Rostock-Lichtenhagen genannt, wo 1992 der Fremdenhass eskalierte und Neonazis mit Molotowcocktails ein Wohnheim für Vietnamesen in Brand setzten.

In Tröglitz gab es schon seit dem Januar 2015 sogenannte „Sonntagsspaziergänge“  mit bis zu 150 Teilnehmern, seitdem bekannt geworden war, dass Flüchtlinge in den Ort ziehen sollen. 

Organisiert wurden die flüchtlingsfeindlichen Demos von NPD-Kreisrat Steffen Thiel. So liefen nicht nur „besorgte Tröglitzer Bürger“ mit, sondern auch viele Rechtsradikale und Neonazis, die nicht aus der Umgebung kamen und die den Ort für sich instrumentalisierten.  Als Rechtsradikale eine Demo vor dem Haus des damaligen Ortsbürgermeisters Markus Nierth abhalten wollten und ihn bedrohten, trat  Nierth im März 2015 zurück. Er fühlte sich von den Behörden im Stich gelassen.

Ein Jahr ist das nun her. Inzwischen ist der offene Dachstuhl  des Hauses mit  Bitumenpappe abgedeckt, um das Innere vor Wind und Wetter zu schützen. Schutt und Müll liegt vor den Eingängen, das ganze Haus ist mit Absperrgittern abgeriegelt. "Dieser Platz wird zur Verhütung von Straftaten durch die Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Süd videoüberwacht", steht auf Hinweisschildern.