Schon die ersten Verhandlungen vor Gericht zeigen, dass dieser Fall ein Ausnahmefall für die Juristen werden wird. Normalerweise wird in Südafrika an einem Tag entschieden, ob ein Angeklagter auf Kaution freigelassen wird. In Pretoria stand auch nach drei langen Gerichtsverhandlungen noch immer nicht fest, ob der wegen Mordes angeklagten Spitzensportler Oscar Pistorius gegen Kaution freikommt oder nicht. Mehrmals wurde eine Entscheidung vertagt.

Anklage und Verteidigung haben für diesen Prozess auch namhafte Juristen engagiert. Männer, die genau wissen, dass es auf jedes Detail ankommen kann. Zu den vier wichtigen Personen der Verteidigung gehört Kenny Oldwage. Er erreichte vor drei Jahren den Freispruch des Fahrers, durch dessen Wagen die Enkelin von Nelson Mandela getötet worden war.

Als Forensiker holte Pistorius Reggie Perumal, der im Fall des mysteriösen Todes vom Simbabwes früherem Armee-General Solomon Mujuru Ansehen erlangte. Für Öffentlichkeitsarbeit wurde Stuart Higgins (früherer Sun-Reporter in England) verpflichtet, der auch für British Airways, den FC Chelsea und Manchester United tätig ist.

Widersprüche im Kreuzverhör

Der wichtigste Mann im Gerichtssaal aber ist der renommierte Jurist Barry Roux. Er hat den Ruf, immer dann in Südafrika gefragt zu werden, wenn es für Wohlhabende heikel wird. Im Fall Pistorius soll er umgerechnet etwa 5 000 Euro für einen Verhandlungstag erhalten, spekulierten Zeitungen in Südafrika.

Roux’ Strategie bisher: Die Ergebnisse der Polizeiermittlungen in Zweifel ziehen. Sein Hauptgegner war der Chefermittler Hilton Botha. Der erschien am Donnerstag verspätet vor Gericht, weil es überraschende Nachrichten für ihn gegeben hatte. Er steht selbst unter dem Verdacht des versuchten Mordes. Die Polizei in Pretoria bestätigte, dass gegen Botha wegen siebenfachen versuchten Mordes ermittelt werde. Zwar sei der Fall aus dem Jahr 2011 zwischenzeitlich fallengelassen worden, er sei aber Anfang Februar wieder aufgenommen worden. Dabei geht es um einen Vorfall aus dem Jahr 2009, als Botha und andere Polizisten auf einen Kleinbus mit sieben Insassen geschossen hatten, um ihn an der Weiterfahrt zu hindern. Es ging um die Suche nach Verdächtigen in einem Mordfall. Botha reagierte überrascht: „Ich kann mit nur vorstellen, dass es etwas mit meiner Arbeit (im Fall) Oscar Pistorius zu tun hat“, erklärte er dem Fernsehsender eNCA.

Am Nachmittag teilte Polizeichefin Mangwashi Phiyega dann mit, dass ein neuer Chefermittler ernannt worden sei.

Werbeverträge ruhen

Das war nicht der erste Dämpfer für Botha bei den Verhandlungen. Die Verteidigung hielt ihm Mängel bei seiner Arbeit vor. Normalerweise tragen Polizisten am Tatort einen Schutz an ihren Schuhen, um der Spurensicherung die Arbeit nicht zu erschweren. Das ist in jedem Tatort zu sehen. Botha soll in Pistorius’ Villa ohne diesen Schutz herumgelaufen sein. Als es im Kreuzverhör um die Entfernung zwischen der Villa von Pistorius und dem Haus ging, in dem die Zeugin lebt, die angeblich Schreie des Opfers gehört hatte, musste Botha zugeben, dass er die Distanz nicht genau wisse, obwohl er das zunächst behauptet hatte.

Auch der Staatsanwaltschaft wurden Mängel nachgewiesen. Sie musste ihre Angaben zurücknehmen, es sei Testosteron von Pistorius gefunden worden. Erst die wissenschaftliche Analyse könne das klären, hieß es zuletzt. Verteidiger Roux hatte zuvor erklärt, bei dem mit Spritzen gefundenen Produkt handele es sich um ein „pflanzliches Heilmittel“, das sein Mandant nehmen dürfe. Erste Erfolge für die Verteidigung.

Im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit ist auch zu erkennen, dass ein erfahrener Journalist die Arbeit macht. Auf der Homepage des Sportlers geht es nicht mehr um die großen Erfolge, sondern nur noch darum, die Entwicklungen in dem Mordfall aus Sicht des Angeklagten zu schildern. Dass die wichtigen Sponsoren ihre Werbeverträge ruhen lassen, ist dort nicht zu lesen. (FR/BLZ)

Verteidiger nicht von Freispruch überzeugt

Sein Verteidiger Barry Roux gab in der Anhörung unterdessen zu erkennen, dass er nicht vollauf überzeugt ist, dass sein Mandant freigesprochen wird. „Weil er jenseits von dem gehandelt hat, was ein vernünftiger Mensch gemacht hätte, ist er dem Risiko ausgesetzt, wegen schuldhafter Tötung verurteilt zu werden“, sagte Roux vor Gericht über seinen Mandanten.

Der 26-jährige Pistorius, der mit spektakulären Sprints auf Beinprothesen zum Star wurde, hatte seine 29-jährige Freundin Reeva Steenkamp am Valentinstag in seinem Haus erschossen. Der südafrikanische Sportler beteuerte, dass es ein tragisches Versehen war und er sie für einen Einbrecher gehalten habe. (fr/blz/afp)