Oscar-Preisträgerin Meryl Streep: "Die Rollen gehen nicht aus"

Meryl Streep ist eine Klasse für sich. Seit Jahrzehnten gehört die 62-Jährige zu den gefragtesten Schauspielerinnen Hollywoods. Das liegt auch daran, dass sie mit ihren Rollen zu einer Einheit verschmilzt. Eine Diva ist Streep aber nicht. Beim Interview im Greenwich Hotel in New York geht es fast familiär zu. Sie bietet Tee an und nimmt sich auch sonst in ihrer Rolle als Star nicht zu ernst. Genauso wenig wie am vergangenen Sonntag, als sie ihren dritten Oscar mit den Worten entgegennahm: „Ich kann halb Amerika stöhnen hören: ,Oh nein, nicht die schon wieder!‘“

Wenn man so viele Auszeichnungen wie Sie erhalten hat, braucht man da noch weitere Preise?

Ich bin gierig. Natürlich will ich noch mehr Auszeichnungen. Ich scherze selbstverständlich.

Was bedeuten Ihnen Preise und Nominierungen noch?

Ich bin immer sehr glücklich darüber. Und die Preise, die mir von Kollegen und Menschen aus dem Filmgeschäft verliehen werden, bedeuten mir sehr viel. Denn das heißt, dass Menschen, die ich selbst bewundere, meine Arbeit schätzen. Obwohl ich andererseits diesen Wettbewerbsgedanken im Filmgeschäft überhaupt nicht mag. Es gibt so viele wundervolle Filme, die weder nominiert, noch ausgezeichnet werden. Aber um öffentliche Aufmerksamkeit zu bekommen, hoffen alle auf einen Oscar.

Und alle guten Filme starten auf einmal in der „Oscarsaison“.

Die Filme nehmen sich gegenseitig die Zuschauer weg und für den Rest des Jahres kann man keine guten Filme mehr sehen. Ich frage mich, wie lange Filmemacher bei diesem komischen System noch mitspielen. Plötzlich reden wir über Kunst in Sportkategorien. Bin ich Erster geworden, oder gehöre ich zu den Verlierern? Das gefällt mir nicht.

Steigt das Selbstbewusstsein einer Schauspielerin mit der Anzahl der gewonnenen Preise?

Nein. Sie haben eher das Gegenteil bewirkt. Denn der Erwartungsdruck erhöht sich immer mehr und ist irgendwann enorm. Doch Angst ist auch ein guter Treibstoff für Künstler.

In Ihrem neuen Film „The Iron Lady“ spielen Sie Margaret Thatcher nicht nur, Sie werden Thatcher. Wie gelingt es Ihnen so komplett in eine Figur einzutauchen?

Mich haben gerade die Widersprüche Ihrer Persönlichkeit neugierig gemacht. Einerseits wurde sie für ihre Politik regelrecht gehasst. Was hat sie so stark gemacht, dass sie sich von dem enormen Widerstand und den vielen Krisen nicht hat unterkriegen lassen? Was für eine Frau ist das? Und sie hat immer an ihren Überzeugungen festgehalten. Das finde ich faszinierend. Ich wollte den Menschen in dieser öffentlichen Figur finden.

Was haben Sie dabei über sich selbst gelernt?

Eine interessante Frage. Warum sind diese „Biopics“, die Verfilmungen von Biografien bekannter Persönlichkeiten, so erfolgreich? Ich glaube, wir erzählen diese Geschichten, um die Geschichte unseres eigenen Lebens zu erzählen. Ich lerne mich mit jeder Rolle noch besser kennen. Oft sind es Kleinigkeiten. Aber auch Kleinigkeiten sind wichtig.