Das Standbild des Generals von Zieten (1699-1786) am U-Bahnhof der ehemaligen Mohrenstraße .
Sabine Gudath

BerlinSeit einigen Monaten beglücken der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und die Bundeskulturstiftung ein an der Stiftung Stadtmuseum angesiedeltes „erinnerungskulturelles Projekt“ (Lederer) mit 3,1, Millionen Euro in fünf Jahren. Projektstellen erhalten aus diesen Mitteln auch das Grüppchen Berlin Postkolonial e.V. und weitere assoziierte Vereinigungen. Die mit Steuermitteln gepäppelten Aktivisten bezeichnen sich als „zivilgesellschaftliches Bündnis Decolonize Berlin“. Öffentlich wirksam betreiben sie zum Beispiel die Ausmerze des 300 Jahre alten Namens der Mohrenstraße in Berlin-Mitte.

Bereits 2018 wurde Berlin Postkolonial im Rahmen im Rahmen einer „Förderung zeitgeschichtlicher und erinnerungskultureller Projekte“ von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa mit knapp 20.000 Euro unterstützt und hat davon jetzt zwei Broschüren mit dem Reihentitel „Grenzgänger*innen. Schwarze und osmanische Präsenzen in der Metropole Berlin um 1700“  herausgebracht. Abgesehen davon, dass Berlin damals keine Metropole war, fragt sich: Wer sind „schwarze und osmanische Präsenzen“? Gibt es schwarz-osmanische Präsenzen? Ist Tahir Della, der staatlich bezahlte Promotor für Dekolonialisierung in Berlin, eine solche Präsenz?

Della (58) ist in München geboren, hat sich früher im politisch-islamischen Umfeld betätigt und spricht gepflegtes Oberbayerisch. All das macht ihn zum „osmanischen Menschen“ – gewissermaßen zum osmanischen Reichsbürger. Nach der durch und durch völkischen Logik der Decolonizer müssten dazu auch ich sowie meine Kinder und Kindeskinder zählen. Denn tatsächlich anders als Della blicke ich auf osmanische Vorfahren zurück, die im Zuge der Türkenkriege 1686 gefangengenommen wurden.

Nach Ansicht von Postkolonial e.V. legt also nahe, dass auch ich einer jener „Osman*innen“, deren „historische Erinnerung“ wegen der schändlichen Ehrung von „in der Regel heterosexuellen, christlichen, vermögenden, einflussreichen Männern“ mit Füßen getreten wird. Außerdem beleidigen mich angeblich einige Straßennamen im Wedding, die Spezialisten an die Türkenkriege des 17. Jahrhunderts erinnern könnten. Ich bin der Musterfall eines traumatisierten Nachkommen „der ersten großen Verschleppungswelle von Osman*innen“ – ein Opfer.

Folgerichtig wird in einem der beiden Hefte versucht, das vermeintlich traurige Schicksal meiner Vorfahren auf 42 Seiten zu beleuchten: „Familie Aly ab 1686“, verspricht die Überschrift. Der Aufsatz berichtet von Marusch, die 1691 in Spandau getauft wurde und 1694 - im sechsten Monat schwanger - Friederich Aly, „Laquai bei der Gnädigsten Kurfürstin“, im Berliner Dom heiratete. Sie gebar sieben Kinder, und die Gebeine der 1716 verstorbenen Eheleute Aly ruhen noch heute auf dem Friedhof der Parochialkirche.

Allerdings stimmt an der Geschichte, wie sie die Postkolonial-Osman*innen erzählen, vieles nicht. Denn die angebliche Autorin Nicola Lauré al-Samarai und der angebliche Rechercheur, der Historiker Christian Kopp, bezeichnen einen Christian Friedrich Aly, der 1692 in der Nähe von Stendal getauft wurde, als kurfürstlichen Bediensteten und phantasieren über dessen Leben. Der echte Kammertürke Friederich Aly aber erhielt die Taufe am 6. Januar 1693 im Berliner Dom. Paten waren der Kurfürst und die Kurfürstin. Eben dieser Aly heiratete Marusch 1694, die seit ihrer Taufe Sophia Henriette hieß.

Wie so viele Plagiatoren verraten sich die von „Postkolonial“ durch Fehler, die sie abschreiben. Außer eingestreuten politisch-identitären Zusätzen haben sie nichts Eigenes zu bieten. Wo aber schrieben sie so geist- und hemmungslos ab? Die Auflösung folgt in der nächsten Kolumne.

Anmerkung der Redaktion vom 22.9.2020: In den ersten drei Absätzen wurden einige Angaben zum Erinnerungsprojekt des Berliner Senats und der Kulturstiftung des Bundes, zur Rolle des Vereines Berlin Postkolonial in diesem Projekt sowie zur Person von Tahir Della nachträglich verändert.