Umfangreichen Verbindungen, die über Prostituierte bis zu Senatsangestellten und der politischen Polizei gehen“:  Gerhard Eisenkolb hatte einen heißen Draht zum MfS.
Foto: imago/Gerhard Leber

BerlinGerhard Eisenkolb war nie um große Worte verlegen. So brüstete sich der einstige Bild-Journalist und spätere Krimiautor damit, sein erstes, das 1973 in einem Wiener Verlag veröffentlichte Buch „Die 14 Stunden des Peter David“ in nur zwei Wochen geschrieben und in weiteren 14 Tagen korrigiert zu haben. Er habe mit dem Roman beweisen wollen, „dass jeder Reporter wirklich ein großes Buch in der Schublade habe und auch fähig sei, es zu schreiben“.

Nun sei einmal dahingestellt, ob die temporeiche, mit viel Sex und Machogehabe angereicherte Story um einen Reporter, der sich im Netz westlicher und östlicher Geheimdienste verstrickt, ein großes Buch ist. Unbestritten bleibt, dass „Die 14 Stunden des Peter David“ seinerzeit ein Bestseller war und von vielen Menschen gelesen wurde. Und zwar nicht nur im Westen, sondern auch in Ost-Berlin – wenn auch dort nur von einigen wenigen Offizieren in der Zentrale des DDR-Staatssicherheitsdienstes. Denn Eisenkolb, damals leitender Polizeireporter bei Springers Bild-Zeitung in West-Berlin, hatte es mit seinen Geheimdienstrecherchen sehr genau genommen und sich der Stasi 1970 als Informant angedient.

Sein kurzes, aber für die Stasi nicht unergiebiges Intermezzo als Kontaktperson (KP) „Kapitän“ war bislang unbekannt. Erst jetzt, drei Jahre nach dem Tod des Journalisten und Autors im Mai 2017, ist das mehr als 300 Seiten dicke MfS-Dossier von „Kapitän“ aufgetaucht.

"Umfangreiche Verbindungen bis zur politischen Polizei"

Der am 13. Januar 1945 in Karlsbad geborene Eisenkolb hatte 1968 bei der Bild-Zeitung begonnen, wo er bald Karriere machte und zum leitenden Polizeireporter aufstieg. In den Stasi-Akten wird er als selbstsicher, intelligent und von sich eingenommen charakterisiert. Begeistert war das Ministerium für Staatssicherheit offenbar von den Möglichkeiten, die eine Quelle wie er bot: „Seine umfangreichen Verbindungen, die über Prostituierte bis zu Senatsangestellten und der politischen Polizei gehen, lassen erkennen, dass er persönlich und auch beruflich in allen Sphären des gesellschaftlichen Lebens der sogenannten Frontstadt Westberlin sich zurechtfindet“, heißt es in dem Dossier.

Wenn man sich durch die im „Kapitän“-Dossier gesammelten Treffberichte, Wortprotokolle und die von Eisenkolb eigenhändig unterschriebenen Honorar-Quittungen arbeitet und danach sein Erstlingswerk über den Möchtegern-Agenten „Peter David“ liest, ergeben sich verblüffende Déjà-vu-Effekte. Etwa bei Eisenkolbs erster Kontaktaufnahme mit der Stasi am 28. Januar 1970, die sich fast genauso abspielt wie bei Peter David im Roman: In der Realität und im Buch geben sich Eisenkolb/David bei einer Fahrt auf der Transitstrecke den Kontrollkräften als Bild-Reporter zu erkennen und lassen sich ein dickes Adressbuch mit der Aufschrift „Bild-Zeitung“ zur Durchsicht abnehmen, das sie „zufällig“ dabei haben. Wie zu erwarten wecken die darin notierten Personendaten, Telefonnummern und Anschriften das Interesse der Stasi-Leute. In einer im Stasi-Jargon „Filtrierungsgespräch“ bezeichneten Unterhaltung stellen Eisenkolb/David anschließend wertvolle Informationen in Aussicht, wenn sie an zuständige Gesprächspartner vermittelt werden.

Auch der erste richtige Geheimdiensttreff mit zwei Stasi-Offizieren, den Eisenkolb seinen Romanhelden erleben lässt, läuft so ähnlich ab wie in der Realität. Bei dem fiktiven Bild-Reporter Peter David sind es die Stasi-Offiziere Lewandowski und Huber, die den Romanhelden an der Autobahnabfahrt Michendorf mit ihrem Wartburg abholen und in einen brandenburgischen Dorfkrug kutschieren. In der Realität traf Eisenkolb am 7. Februar 1970 die beiden MfS-Mitarbeiter Kowalewski und Heuer in Michendorf, wo sie ihn in einen Skoda einsteigen ließen, der sie in die rund zehn Autominuten entfernte Gaststätte „Müller“ in Caputh brachte.

„Großes Buch in der Schublade“: Gerhard Eisenkolb.
Foto: Archiv Stasi

Was den Inhalt des in dem Dorfgasthaus stattgefundenen Gesprächs betrifft, gibt es allerdings gravierende Unterschiede zwischen Fiktion und Realität. Während der Romanheld David lediglich erläutern muss, warum er der Stasi helfen will – Geld und Karriere – und auch bei späteren Zusammenkünften kaum relevante Informationen preisgibt, kam Eisenkolb bei seinem realen Tête-à-Tête mit den Stasi-Offizieren gleich zur Sache und lieferte bereitwillig erste detaillierte Informationen über Fluchthelferorganisationen in Westberlin und eine Kollegin aus der Bild-Redaktion, die „ihre körperlichen Vorzüge in den Dienst ihrer journalistischen Tätigkeit stellt“ und „umfangreiche intime Beziehungen zur politischen Polizei“ unterhält, wie der Stasi-Bericht den Reporter zitiert.

Spitzelhonorar: 3000 DM

Bei sechs weiteren Treffs bis in den August 1970 hinein machte „Kapitän“ laut Stasi-Dossier genaue Angaben über Personal und Arbeitsweise in der Bild-Redaktion. Er übergab Fotos von Bild-Kollegen, die er bei einer Redaktionsfeier gemacht hatte. Auch nannte er die Namen mehrerer Beamter der politischen Polizei und des Landesamtes für Verfassungsschutz und lieferte dazu kurze Charaktereinschätzungen. Mehrmals nannte Eisenkolb dem MfS Namen und Anschriften von Fluchthelfern in West-Berlin und informierte über anstehende Ausschleusungen von DDR-Bürgern. Dass seine Angaben Folgen haben könnten für die betroffenen Personen, war Eisenkolb dabei offenbar klar: „Kapitän“ habe darum gebeten, so heißt es im Stasi-Dossier, „alle Maßnahmen unsererseits so durchzuführen, dass der allerwenigste Verdacht auf ihn fallen könnte“. Als Spitzelhonorar kassierte der Reporter knapp 3000 D-Mark von der Stasi.

Doch obgleich sich seine Informationen bei Überprüfungen als korrekt herausstellten, wuchs in der MfS-Zentrale in Berlin-Lichtenberg das Misstrauen gegen den so auskunftswilligen Springer-Journalisten. Was auch an seinen Artikeln in der Bild-Zeitung lag, in denen Eisenkolb weiterhin die linke Studentenbewegung kriminalisierte und über vermeintliche Agentenmorde der Stasi in Westberlin berichtete. War der „Kapitän“ womöglich ein vom Gegner entsandter Provokateur?

Nach einem letzten, inhaltlich für die Stasi und finanziell für Eisenkolb eher unergiebigen Treff am 13. August 1970 ließ sich der Bild-Reporter in Ostberlin nicht mehr sehen. Das MfS holte zum Gegenschlag aus. In einem konspirativen Objekt bei Berlin hatte man die Gespräche mit „Kapitän“, in denen dieser über die Praktiken seines Verlages plauderte, heimlich mit Kamera und Mikrofon aufgezeichnet. So erläuterte er einem Stasi-Bericht zufolge die Vertragsbeziehungen Westberliner Zeitungsredaktionen mit kommerziellen Fluchthilfeorganisationen, beschrieb detailreich die engen und nicht selten finanziell geförderten Beziehungen seines Zeitungshauses zu Geheimdienstlern und Polizeibeamten sowie „die gezielte Hetzkampagne der Bild-Zeitung gegen die APO“. Er ging laut Stasi-Bericht auch auf die enge Freundschaft zwischen Springer und dem CSU-Chef Franz Josef Strauß ein und auf deren Absprachen über das Vorgehen gegen die sozialliberale Bundesregierung in Bonn.

Das Bild- und Tonmaterial übergab die Stasi dem DDR-Fernsehen. Heinz Grote, damals einer der Chefkommentatoren des DDR-Fernsehens, sollte es für eine Dokumentation verwenden, die den Zeitungskonzern als „integrierenden Bestandteil des Rechtskartells und des militärisch-industriellen Komplexes“ der Bundesrepublik darstellen sollte, der „mit kriminellen Methoden und Mitteln zur Torpedierung positiver Ansätze in der Deutschland- und Ostpolitik der SPD/FDP-Regierung“ anstifte. Eisenkolb selbst sollte darin als abschreckendes Beispiel für das „moralisch-geistige Gesicht leitender Springer-Mitarbeiter“ auftauchen.

Der Film wurde fertiggestellt, aber nie gezeigt – was vermutlich auch mit dem Roman „Die 14 Stunden des Peter David“ zu tun hat, der im Dezember 1972 als Vorabdruck im Stern erschien. Beim Lesen dürfte es der Stasi geschwant haben, dass Eisenkolb – der inzwischen bei Bild ausgeschieden war – jederzeit behaupten könne, er habe der Staatssicherheit nur Lügen aufgetischt, weil er die Methoden des Geheimdienstes ausspionieren wollte. Wie glaubwürdig wäre so ein Kronzeuge noch in einem Film über Springer?

In die DDR kehrte Eisenkolb nie mehr zurück. Er schrieb weiter Krimis und Spionagereißer, die er teilweise unter Pseudonym veröffentlichte. Sie trugen Titel wie „Gute Freunde von drüben“, „Geliebte Spionin“ oder „Mord am Bahnübergang“. Der Film über ihn und den Springer-Konzern wanderte 1973 zurück ins Archiv der MfS-Abteilung Agitation. Dort ist er laut Auskunft der Stasiunterlagen-Behörde bis heute unauffindbar.