Der Befehlshaber der estnischen Armee, Martin Herem, hat erklärt, was bei einer russischen Blockade des Baltikums passieren würde. In einem Gespräch mit dem litauischen Sender LRT präzisierte er die Verteidigungspläne der baltischen Staaten. Konkret geht es um eine Vergeltungsblockade auf die sich die Balten vorbereitet haben.

„Sollte Russland die Suwalki-Lücke blockieren, geschehe dasselbe mit dem finnischen Golf und der Millionenmetropole St. Petersburg“, so der Generalleutnant. Der Suwalki-Korridor ist die einzige Landverbindung zwischen den baltischen Ländern und dem Rest der EU- und Nato-Mitgliedstaaten.

Der 65 km lange Landstrich ist militär-strategisch einer der sensibelsten Regionen in Europa. Infolge der russischen Invasion in der Ukraine beschäftigen sich Militärs und Politiker in Litauen, Lettland und Estland verstärkt mit russischen Angriffsszenarien auf den Verbindungskorridor.

„Russland braucht die Suwalki-Lücke nicht nur, um das Baltikum vom Rest der Nato zu isolieren, sondern um eine Verbindung mit Kaliningrad herzustellen“, sagte Herem. Die Suwalki-Lücke ist von der russischen Exklave Kaliningrad und belarussischem Territorium umschlossen. Jedoch betont der Offizier den Bündnisfall, der nach Artikel 5 des Nato-Vertrags bei einem Angriff auf Suwalki eintreten würde. „Wir sind ein Einsatzgebiet. Wenn einer von uns angegriffen wird, dann hat das Auswirkungen auf die anderen“, so Herem.

Russische Talkshow: „Über Nacht Besatzung des Baltikums und Gotlands“

Die Suwalki-Lücke ist auch im russischen Staats-TV mehrfach Thema gewesen. In einer Sendung des Kreml-Propagandisten Wladimir Solowjow wurde dem Baltikum mit nuklearer Vernichtung gedroht. In einer weiteren Talkshow im russischen Fernsehen im März 2022 wurde eine russische Besatzung des Baltikums minutiös durchgespielt, wobei der Blockade des Suwalki-Korridors eine große Bedeutung beigemessen wurde.

Martin Herem war einer der wenigen ranghohen Militärs, die schon einen Monat vor Beginn der russischen Invasion, öffentlich über den Krieg gesprochen haben. Einem estnischen Radiosender habe er im Januar 2022 gesagt, dass „alles auf einen bewaffneten Konflikt hindeute und Russland nicht einmal mehr nach Vorwänden für seine Operationen suche“.

Der estnische Militärhaushalt beträgt 645 Millionen Euro, was ungefähr 2,3 Prozent des BIP entspricht. Somit befindet sich das baltische Land im oberen Viertel bezüglich der Militärausgaben aller Nato-Mitgliedstaaten. Das Bündnis empfiehlt die Verteidigungsausgaben auf mindestens zwei Prozent des nationalen BIP festzulegen. Gestern reichten die Ostseeanrainer Schweden und Finnland ihre Nato-Mitgliedschaft in Brüssel ein. Somit wäre die Ostsee und der finnische Meerbusen mit Ausnahme der Russischen Föderation von Nato-Mitgliedern umgeben.