Ein Bild aus besseren Tagen. 1994 havarierte die estnische Ostsee-Fähre „Estonia“ vor der Südküste Finnlands. Beim Untergang starben 852 Menschen. Es ist ein Vierteljahrhundert her – doch viele Opfer und Angehörige kommen nicht zur Ruhe. 
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Berlin26 Jahre nach dem Untergang der Ostseefähre „Estonia“ könnte es neue Untersuchungen zur Ursache der Katastrophe geben. Anlass ist eine fünfteilige TV-Dokumentation des Senders Discovery Channel, in der kürzlich gedrehte Unterwasseraufnahmen des in 80 Meter Tiefe liegenden Wracks der Fähre zu sehen sind. Die Aufnahmen zeigen erstmals ein großes Loch im Schiffsrumpf, das für den Untergang der „Estonia“ ursächlich gewesen sein könnte. Die Regierungen von Estland, Finnland und Schweden haben daraufhin erklärt, die neuen Informationen verifizieren zu wollen.

Für die Dokumentation „Estonia – Der Fund, der alles verändert“ war ein mit Spezialkameras ausgestatteter Tauchroboter eingesetzt worden, der das Wrack am Boden der Ostsee filmte. Die Aufnahmen zeigen einen vier Meter langen und 1,20 Meter breiten Riss im Schiffsrumpf auf der Steuerbordseite. Wie dieser Riss entstanden sein könnte, ist bislang noch unklar.

Neue Aufnahmen zeigen ein großes Loch im Schiffsrumpf, das für den Untergang der „Estonia“ ursächlich gewesen sein könnte.
Foto:  AFP/dplay

Der frühere estnische Generalstaatsanwalt Margus Kurm, der zwischen 2000 und 2009 auch die „Estonia“-Untersuchungskommission leitete, vermutet als Ursache eine Kollision der Fähre mit einem anderen schwimmenden Objekt, vermutlich einem U-Boot, da sich das Leck unterhalb der Wasserlinie befindet. Ein anderer Grund für das Loch im Rumpf könnte aber auch die Explosion einer oder mehrerer Sprengladungen sein. Überlebende hatten in ihren Befragungen von Explosionsgeräuschen an Bord kurz vor dem Untergang gesprochen.

Im November 1994 wurde eine Bugtür der Fähre geborgen.
Foto: AP/Jaakko Aiikainen

Der Untergang der von Tallinn nach Stockholm fahrenden „Estonia“ in den frühen Morgenstunden des 28. September 1994 gilt als das schwerste Schiffsunglück der europäischen Nachkriegsgeschichte. 852 Menschen starben, nur 137 Passagiere und Besatzungsmitglieder konnten gerettet werden. Die meisten der Opfer befinden sich noch im Wrack, weshalb es zum Seegrab erklärt wurde. Aus diesem Grund haben schwedische Ermittler jetzt auch ein Verfahren gegen die Dokumentarfilmer eröffnet, denen sie wegen des Einsatzes eines Tauchroboters am „Estonia“-Wrack Störung der Totenruhe vorwerfen.

Als offizielle Ursache des Untergangs gilt bis heute der Abriss der Bugklappe des auf der deutschen Meyer-Werft gebauten Schiffes. Umstritten war bislang lediglich, ob dafür ein Konstruktionsfehler oder mangelnde Wartung durch die Reederei verantwortlich waren. Die Möglichkeit, dass die Bugklappe durch eine Explosion an Bord oder eine andere Einwirkung von außen abgerissen sein könnte, hatten die Ermittler bislang ausgeschlossen. Allerdings gab es von Beginn an Zweifel an der Unvoreingenommenheit der Behörden. So fehlten in später veröffentlichten offiziellen Filmaufnahmen des Wracks vom Ostseeboden Bilder vom Rumpf – dem Teil des Schiffes also, an dem jetzt das Loch gefunden wurde.