BerlinWeihnachten ist ein Fest der Geheimnisse und der Ansprachen. Das ist auch im Corona-Jahr nicht anders. Allerdings haben die Ansprachen bereits vor Wochen begonnen, und sie werden nicht mit Heiligabend enden: Gemeint sind Reden von Regierungschefs und Staatspräsidenten, von Kirchenführern und Ärztevereinigungen: Abstand, Händewaschen, Mund-Nasen-Schutz. AHA heißt die neue Parole. Politiker aller Couleur beschwören die Menschen, sie mögen sich wohlverhalten. Es bleibt nicht bei den Reden: Der politische Raum ist weit in den privaten Raum vorgedrungen. Jesus hätte unter Pandemie-Regeln nicht Mensch werden können. Die Hirten hielten keinen Abstand, und die Heiligen Drei Könige kamen aus mehr als zwei Haushalten. Unser soziales Leben ist wie in eine andere Zeit verrutscht. Wir atmen erleichtert auf, wenn wir aus Berliner Polizeikreisen munkeln hören: Die Sicherheitsbeamten werden am Heiligen Abend darauf verzichten, in den Wohnungen zu kontrollieren, wer sich da versammelt. Den Reden der Politiker folgen Taten. Gefühlige Worte reichen nicht zur Durchsetzung. Die Maßnahmen sind teilweise widersprüchlich. Es erfordert ein gewissenhaftes Studium, um sie befolgen zu können.

Die Eingriffe in die Privatsphäre werden mit dem Ernst der Lage gerechtfertigt. Covid-19 ist eine gefährliche Krankheit, vor der die Gesellschaft sich und andere schützen muss. Das stimmt. Vor allem die Alten und Kranken müssen besonders geschützt werden. Das stimmt. Auch junge Menschen können erkranken, mit ernsthaften Verläufen und langfristigen Folgen. Das stimmt. Das Gesundheitswesen darf nicht überlastet werden. Das stimmt ganz besonders.

Allerdings dürfen die Reglementierung des Alltags, die mittlerweile weitgehend zentrale Steuerung der Wirtschaftsprozesse, die fortgesetzte Störung des Unterrichts an Schulen und Universitäten, die Beschränkung der Reise- und Bewegungsfreiheit sowie die Aufgabe der informationellen Selbstbestimmung nicht zum Dauerzustand werden. Im Frühjahr schien es so, als würde der Lockdown einige Wochen dauern. Daraus wurden einige Monate. Im Hinblick auf bestimmte Dinge wie Veranstaltungen oder Reisen zeichnet sich ab, dass uns die Maßnahmen und Einschränkungen über Jahre begleiten sollen.

Die Einschränkungen sind so massiv, dass auch Appelle an die Regierungen der Welt seitens der Bürger zwingend geboten sind. Dies ist schon deshalb wichtig, weil es nicht das letzte Virus seiner Art sein wird. Es stellen sich mehrere Fragen, etwa: Wann beginnt der Umbau des Gesundheitssystems, so dass die Gemeinschaft ausreichend Ressourcen für die notwendigen Reserven bereitstellt? Das größte Problem ist die Tatsache, dass das aktuelle Gesundheitssystem auf maximale Bettenauslastung angelegt ist – wie die Tourismusindustrie. Doch ein Krankenhaus ist kein Hotel. Niemand kommt freiwillig, wegen der schönen Landschaft oder aufgrund eines Werbespots. Die alternde Gesellschaft muss sich von der Profitmaximierung im Gesundheitssektor verabschieden.

Eine weitere Frage: Wie soll der Umgang mit Pandemien künftig global erfolgen? Die Corona-Krise hat gezeigt, dass eine nationale Reaktion auf internationale Probleme immer unzureichend und daher fehleranfällig ist. In fast allen Staaten sind die demokratischen und rechtlichen Strukturen in der Pandemie über die Maßen strapaziert, zum Teil ausgehebelt worden. Das kann nicht der Endzustand sein, weil er entweder zur Anarchie, zum Chaos oder zur Diktatur führt. Es ist eine Art „global governance“ zu entwickeln – die auch Transparenz herstellen muss.

Dies führt zum letzten Punkt, dem Geheimnis: Wir müssen wissen, woher das Virus gekommen ist – um eine Wiederholung der Pandemie zu verhindern oder wenigstens einen global verbindlichen Katastrophenplan zu entwickeln. Im Januar soll eine internationale Kommission nach China aufbrechen, um den Ursprung des Virus zu untersuchen. Derzeit deutet alles darauf hin, dass es sich um eine Übertragung aus dem Tierreich handelt. Deshalb wird die Kommission der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch zunächst nach Wuhan reisen. Allerdings haben Teilnehmer der Reise schon durchklingen lassen, dass es kein Ergebnis geben wird. Denn das Virus selbst ist ein Politikum geworden. Was wir aber brauchen, ist die gemeinsame Entschlossenheit zur Aufklärung. Diese bis zum Ende zu leisten, ist kein Geschenk der Regierungen an ihre Völker. Es ist ihre Pflicht.

Wir wünschen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein frohes Fest und gesunde Tage.