Corona im Erzgebirge: „Die Leute werden immer ungehaltener und unzufriedener“

Die Inzidenzen im Erzgebirge liegen um 2000. Weihnachtsmärkte sind abgesagt, Touristen bleiben aus, Einheimische fühlen sich von der Politik verschaukelt.

Weihnachtsfrieden im Erzgebirge? Fehlanzeige. 
Weihnachtsfrieden im Erzgebirge? Fehlanzeige. imago/Bernd März

In der Adventszeit fährt man eigentlich ins Erzgebirge, um in Weihnachtsstimmung zu kommen. Man stöbert in den Läden und an den Verkaufsständen der Spielzeugmacher nach Nussknackern und Baumbehang, bestaunt die großen Pyramiden in den Dörfern und die Schwibbögen in den Fenstern, besucht Bergmannparaden, lauscht Chören und Turmbläsern, trinkt Glühwein auf Weihnachtsmärkten. Der Zauber des Advents.

In diesem Jahr aber, dem zweiten mit Pandemie, gibt es im Erzgebirge keinen Adventszauber. Die Weihnachtsmärkte sind abgesagt, Bergmannparaden finden online statt, Hotels sind geschlossen, Chorkonzerte und Blasmusik abgesagt. Die Straßen und Märkte in den Bergstädtchen sind leer wie nie. Welcher Tagestourist fährt schon in eine Region mit Inzidenzwerten um die 2000, einer Impfquote von 45 Prozent und Einheimischen, die lieber abends gegen die „Corona-Diktatur“ durch ihre Straßen ziehen, als sich impfen zu lassen? Schon wird die 2G-Regel in erzgebirgischer Mundart ganz anders übersetzt: „Geener gommt.“

Tobias Wenzel allerdings kann über ausbleibende Kundschaft nicht klagen. Er ist Bestatter in Marienberg, und gestorben wird bekanntlich immer. Die Sterbefallzahlen seien auf anhaltend hohem Niveau, formuliert der Obermeister der sächsischen Landesinnung sachlich. Wenzel, 54 Jahre alt, ein großer Mann mit kahlem Schädel, sagt auch, dass die Zahl der Corona-Toten bislang eher niedrig und nicht zu vergleichen sei mit der vor einem Jahr. „Noch nicht“, fügt er hinzu. Denn die vierte Welle im Erzgebirge habe ja erst Mitte November eingesetzt. „Die Krankenhäuser sind wieder voll und auch die Intensivstationen“, sagt er. „Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Sterbefallzahlen erneut stark ansteigen.“

Abschied in 2G oder 3G – weltliche Trauerfeiern mit strengeren Regeln

In den Krematorien sei man aber darauf besser vorbereitet als im vergangenen Jahr, die Anlagen seien über den Sommer in Schuss gebracht worden, Pläne für den Mehrschichtbetrieb lägen schon in den Schubladen. Und auch sein kleines Unternehmen neben dem Marienberger Friedhof sei darauf eingestellt. „Wir haben genug Hygieneartikel, Tests, Desinfektionsmittel und Masken im Lager“, sagt er. „Denn wir können es uns nicht leisten, wegen eines Corona-Falls das Geschäft 14 Tage lang dichtzumachen.“

Geärgert hat sich Wenzel über eine Verfügung des Sozialministeriums. „Die Kirche hat durchgesetzt, dass es eine unterschiedliche Behandlung von Trauergästen bei weltlichen und kirchlichen Trauerfeiern gibt“, sagt er. „Bei weltlichen gilt für das Betreten der Trauerhalle die 2G-Regel, das heißt, die Feier wird quasi als private Zusammenkunft eingestuft. Bei kirchlichen Trauerfeiern hingegen wird die 3G-Regel angewendet, also auch Nichtgeimpfte können dann in die Trauerhalle hinein.“

Er selbst habe vergangene Woche in Zöblitz eine Feier unter freiem Himmel abhalten müssen. Bei minus zwei Grad und eisigem Wind hätten die Trauergäste, weil sie keine kirchliche Feier wollten und nicht alle von ihnen geimpft waren, auf dem Friedhof im Freien am Sarg stehen müssen. „Was meinen Sie, wie so etwas ankommt bei den Menschen? Wir haben hier Angehörige gehabt, die sind zusammengebrochen, als wir ihnen sagen mussten, dass eine Feier in der Trauerhalle nicht möglich ist. Und dann wird geschimpft, zu Recht, auf die Regierung, auf die Sozialministerin. Und auf die Kirche, die sich doch eigentlich um Versöhnung und einen Ausgleich in der Gesellschaft bemühen sollte.“

Die Erzgebirgler leiden, weil alles abgesagt worden ist

Eine knappe halbe Autostunde weiter östlich, im Rathaus von Olbernhau, sitzt Bürgermeister Heinz Peter Haustein niedergeschlagen an seinem Schreibtisch. „Für uns Erzgebirgler ist Weihnachten die schönste Zeit“, sagt der FDP-Politiker, der auch schon mal zwei Legislaturperioden lang im Bundestag saß. „Und nun schauen Sie sich an, wie trostlos hier alles aussieht. Kein Weihnachtsmarkt, kein Glühwein, keine Touristen. Alles abgesagt vom Ministerpräsidenten, von heute auf morgen.“ Haustein, ein Hüne, der in sich zu ruhen scheint, schüttelt den Kopf. „Da wird völlig vergessen, was das für die Psyche der Menschen bedeutet. Die Leute werden immer ungehaltener und unzufriedener.“

Olbernhau hat knapp 11.000 Einwohner und eine aktuelle Sieben-Tage-Inzidenz von 1504,5. Das bedeutet, dass sich seit Monatsbeginn 160 Einwohner infiziert haben. „Die Leute werden krank, na klar, und in den Krankenhäusern gibt es kaum noch leere Betten“, sagt Haustein. „Aber das hätte man doch voraussehen können. Einen ganzen Sommer über hatte die Bundesregierung Zeit, sich darauf einzustellen.“

Stattdessen aber sei die Zahl der Intensivbetten im Vergleich zum Vorjahr bundesweit gesunken, weil man Pflegekräfte nicht halten konnte. Und Gesundheitsminister Spahn habe im Sommer noch gesagt, Boostern sei nicht nötig, der Impfstoff halte Jahre. Jetzt sollen bis Jahresende schnell noch 30 Millionen Menschen nachgeimpft werden.

Die Ärzte im Erzgebirge kommen mit dem Boostern nicht hinterher

„Hier in Olbernhau wird nun wieder ein Impfstandort aufgebaut“, erzählt Haustein. „Zwei Ärzte sitzen dann dort und impfen, aber mehr als 120 schaffen die nicht am Tag. Dann ist auch noch der Impfstoff knapp. Schon jetzt steht fest, dass es allein im Erzgebirge vier Monate dauern wird, um nur all jene zu impfen, die das wollen.“ Der Bürgermeister winkt ab, er hat sich für seine Verhältnisse direkt in Rage geredet. „Ich wundere mich, wie kurzsichtig die Politik handelt. Kein Wunder, dass die Menschen das Vertrauen verloren haben.“

Und dann sind wir wieder bei den Weihnachtsmärkten. Ende September hätten sich er und weitere Bürgermeister anderer Kommunen an die Landesregierung mit der Bitte um verbindliche Aussagen dazu gewandt, ob Märkte in diesem Jahr möglich sind, erzählt Haustein. „Wir wollten Planungssicherheit für die Handwerker und Händler. Bis Mitte November wurde uns gesagt, macht weiter mit den Vorbereitungen, es kann alles stattfinden. Und dann, als fast alle Buden aufgebaut und die Waren geordert waren, wurde von heute auf morgen alles abgeblasen.“

Er und einige seiner Kollegen hätten kurz darüber nachgedacht, die Weihnachtsmärkte doch zu öffnen. „Aber wir haben das nicht gemacht, wir sind ja staatstreu“, sagt Haustein mit feinem Lächeln. „Sonst bricht hier noch Anarchie aus.“ Aber Tatsache sei auch, dass die Leute immer ärgerlicher werden, gereizter. „Da staut sich was auf.“

Immer montagabends gibt es „Spaziergänge“ in Zwönitz

Was das heißt, lässt sich am Abend dieses Tages in Zwönitz besichtigen. Die 12.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Annaberg-Buchholz hat aktuell eine Inzidenz von 1689, das heißt, seit Monatsbeginn sind bei 200 Bürgern der Stadt Coronaviren festgestellt worden. In die Schlagzeilen geraten ist Zwönitz aber mit seinen sogenannten Spaziergängen, die Gegner der Anti-Corona-Maßnahmen seit März vergangenen Jahres jeden Montagabend in der Innenstadt unternehmen. In der Vergangenheit kam es auch schon mal zu gewalttätigen Übergriffen, einmal wurde Sachsens Ministerpräsident Kretschmer lautstark der Tod an den Hals gewünscht.

An diesem bitterkalten Montagabend aber ist der übliche Treffpunkt der „Spaziergänger“ abgeriegelt. Rund um den Marktplatz stehen Polizeiwagen, Beamte unterbinden den Zutritt. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt, bei dem die Einheimischen natürlich im Vorteil sind, weil sie die Gassen und Abkürzungen in ihrer Stadt besser kennen als die auswärtigen Polizisten.

„Freie Sachsen“ laufen mit, Reichsbürger, Anhänger der AfD

Schließlich finden sich doch an die Hundert „Spaziergänger“ zusammen, die meist schweigend durch die Straßen ziehen. Männer und Frauen sind dabei, die meisten von ihnen zwischen 30 und 60 Jahre alt. Bekannte Rechtsextreme von den „Freien Sachsen“ laufen mit, Reichsbürger, bekennende Anhänger der AfD, die zu den Spaziergängen in Mitteldeutschland zusammen mit anderen rechtsradikalen Gruppen aufgerufen hat. Ab und zu ruft eine junge Frau „Frieden, Freiheit, keine Diktatur“, aber niemand greift die Parole auf. Man spricht mehr miteinander, über 1933 und 1989 und wie die Diktaturen von damals der heutigen „Corona-Impf-Diktatur“ ähneln. Und wie mutig man doch selber sei, sich dem entgegenzustellen.

Hinter dem Zug, der sich unterwegs um etwa die Hälfte ausdünnt, laufen ein Dutzend Polizeibeamte mit Pistole und Helm am Gürtel. In einem Wohngebiet oberhalb des Marktes, wo schicke neue Einfamilienhäuser stehen – „Hier wohnen die Ärzte, die vom Staat fürs Impfen entlohnt werden“, ruft einer der Demonstranten – ist dann Schluss. Ausgerechnet in der Robert-Koch-Straße verhindert ein weiterer Polizeikordon das Weitermarschieren.

Eine halbe Stunde lang sind die „Spaziergänger“ eingekesselt. Dann eröffnet ihnen ein Beamter in höflichem Ton, dass Ordnungswidrigkeitsverfahren wegen des Verstoßes gegen die Corona-Schutzauflagen gegen sie eingeleitet werden, weshalb man nun ihre Personalien feststellen und sie fotografieren müsse. 250 Euro Strafe drohen den Teilnehmern. Einzeln werden die Demonstranten aus dem Kessel hinausgeführt. Widerstand gibt es keinen, nur verhaltene Drohungen. Dass man seine Pappenheimer kenne, ruft einer, und alle vor Gericht stellen werde, wenn es dann bald anders sein würde hierzulande. „So wie die hundertjährige KZ-Sekretärin“, ruft ein anderer.

Debatten mit dem Pfarrer über die angebliche „Meinungsdiktatur“

„Das sind dumme Leute“, sagt Pfarrer Michael Tetzner am nächsten Morgen. Wir sitzen im Zwönitzer Pfarramt, ein breiter Tisch zwischen uns. Tetzner ist ein Pfarrer, wie man ihn sich vorstellt – freundliches Lächeln, ein offener, gerader Blick und furchtlos, wenn es um die eigene Meinung geht. „Ich bin in einer Predigt einmal auf die Spaziergänge eingegangen und habe gesagt, dass diese Leute lügen würden, wenn sie unser Land als Diktatur bezeichnen. Und wer mit einer Lüge einen solchen Spaziergang beginnt, der ist nicht gut.“ Viele Gemeindemitglieder hätten ihm damals zugestimmt, sich bedankt, dass er das von der Kanzel aus gesagt habe, weil auch sie diese Demonstrationen als unerträglich empfinden.

Andere hätten ihm widersprochen, schließlich sei ja damit eine Meinungsdiktatur gemeint, die es hierzulande gebe. „Aber auch das sei unwahr, entgegnete ich darauf, denn man könne ja schließlich verschiedene Meinungen haben, ausdrücken und diskutieren. Ganz anders als noch in der DDR, was offenbar viele vergessen haben.“

Kürzlich erst hatte Tetzner wieder für Diskussionen in seiner Gemeinde gesorgt. In einem Gottesdienst verlas er den Bittbrief des Krankenhausseelsorgers Wilfried Warnat. Warnat, der im Erzgebirgsklinikum von Annaberg-Buchholz arbeitet, appelliert darin an die Menschen, sich impfen zu lassen. Dies sei der einzige Schutz, der es ermögliche, anstehende Operationen nicht zu verschieben und die Klinikangestellten zu entlasten, die an ihrer Leistungsgrenze arbeiten. „Bitte denken Sie in Gottes Namen an Ihre Mitmenschen – und denken Sie an sich!“, endet der Bittbrief des Seelsorgers.

Nicht in allen Kirchen im Erzgebirge wurde dieser Bittbrief verlesen. Viele Pfarrer lehnten das mit der Begründung ab, sie wollten den Graben zwischen Impfgegnern und -befürwortern nicht noch vertiefen und lieber den Frieden in ihrer Gemeinde wahren.

Michael Tetzner hat kein Verständnis dafür. „Wir sind in einer Situation, in der man nicht mehr länger schweigen kann, in der wir mitmachen, uns positionieren müssen“, sagt der Zwönitzer Pfarrer. Natürlich hätten ihm auch Mitglieder seiner Gemeinde entgegengehalten, dass die Impfung eine persönliche Entscheidung sei und die Kirche sich daraus zu halten habe. „Aber wenn wir hier im Erzgebirge eine so niedrige Impfquote haben und die Krankenhäuser Patienten ausfliegen müssen, weil sie keine Betten mehr haben, dann kann ich doch nicht wegschauen. Eine Impfung, das sagte ich auch in meiner Predigt, ist für mich ein Akt der Nächstenliebe.“ Das Serum biete keinen hundertprozentigen Schutz, so Tetzner, aber es trage dazu bei, dass die Krankheit glimpflicher verläuft und dass man kein Bett in einem Krankenhaus benötige. „Das ist für mich Nächstenliebe.“