In Deutschland kann man sich erst nach einem Trennungsjahr scheiden lassen.
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BerlinZu Beginn des Lockdowns hörte man immer wieder, wie angenehm ruhig nun alles sei. Keine Termine und leicht einen sitzen - das Feiertagsmotto der Deutschen schien plötzlich überall und fast immer zu gelten. Am Vormittag wurde der Keller ausgemistet, am Nachmittag das erste Bier aufgemacht. Am Abend philosophierte man darüber, dass die Krise ja auch eine Chance sein könnte. Einige haben es gut ausgehalten im Lockdown - die nämlich, die sich in ihren eigenen Wänden wohl und sicher fühlen. Für viele andere wurden diese Pandemie-Wochen zum Albtraum.

Die Berliner Scheidungsanwältin Alicia von Rosenberg beobachtete schon in den ersten Wochen des Lockdowns, dass die Anfragezahlen bei ihr in die Höhe schnellten. „Fünf- bis zehnmal so viele Menschen wie sonst“, sagt sie, hätten  plötzlich ihren Rat gesucht - nicht wenige von ihnen hätten sich in einer verzweifelten Lage befunden. „Einige Klienten schienen sich direkt aus einem Streit heraus an mich als Anwältin zu wenden“, berichtet von Rosenberg. „Da war die Trennung dann wirklich nur wenige Stunden her - und die Leute suchten bereits nach rechtlichem Beistand für die Scheidung.“ Die Berliner Anwältin vermutet, dass viele dieser Scheidungswilligen mehr aus einem Affekt heraus handelten, vielleicht auch, weil sie es in der Enge daheim plötzlich nicht mehr miteinander aushielten.

Für Scheidungsanwälte wie von Rosenberg ist diese Entwicklung nicht ungewöhnlich. Meist folgen die Anfragen, die sie erhalten, einem einfachen Muster: Je mehr Zeit Paare miteinander verbringen, desto klarer wird auch, wo die Beziehung gerade steht - im Guten wie im Schlechten. Nach den Sommerferien zum Beispiel melden sich in jedem Jahr  besonders viele Menschen bei ihnen.

Und doch: In diesen Corona-Wochen ist etwas anders. Die Krise hat die Menschen nicht nur mit ihrem eigenen Partner, ihrer eigenen Partnerin konfrontiert, sondern auch grundsätzliche Fragen aufgeworfen. „Meine persönliche Vermutung ist: Diese unmittelbare Bedrohung durch das Virus hat wie ein Brennglas gewirkt. Viele haben sich auf das konzentriert, was ihnen wichtig ist - und dabei vielleicht auch gemerkt, dass sie ihre Lebenszeit eigentlich nicht in einer Beziehung verbringen wollen, die sie nicht glücklich macht“, sagt Alicia von Rosenberg.

Sie ist mit dieser These nicht alleine. Auch Werner Schulz, der jahrelang als Familienrichter in München gearbeitet und dort mehr als 2000 Ehen geschieden hat, glaubt, dass gerade diejenigen Ehen in Gefahr seien, die nur noch an der Oberfläche funktionieren. „Viele Eheleute schaffen es über Jahre hinweg, sich gegenseitig in Ruhe zu lassen und nicht groß auf die Nerven zu gehen – auch wenn die Ehe zerrüttet ist“, sagt Schulz, und man hört eine  gewisse Bewunderung heraus. Im Lockdown aber funktionierten diese Strategien nicht mehr. Man könne sich nicht mehr aus dem Weg gehen, und werde so auf eine Wahrheit gestoßen, die man mitunter jahrelang verdrängt hat: Diese Ehe, diese Beziehung funktioniert nicht mehr.

Die Berliner Sozialpädagogin Helga Richter hielt im Lockdown besonders solche Beziehungen für gefährdet, die keine gute Kommunikation eingeübt hatten. Richter redet ausführlich am Telefon; es gibt vieles, was sich für sie in diesen Wochen angestaut hat. „In dieser Krise gibt es ja sehr viel, über das man sprechen müsste“, sagt sie. „Man ist mit Ängsten konfrontiert, die man so vielleicht nicht kannte, und muss als Paar in einer völlig neuen, abgeschotteten Situation funktionieren. Das geht besser, wenn man gelernt hat, ehrlich miteinander zu sprechen.“ In Beziehungen, wo eine solche Kommunikation nicht möglich sei, stehe man in einer Krise oft ziemlich alleine da. Und das, obwohl der andere den ganzen Tag in derselben Wohnung ist.

Helga Richter; Trennungsberaterin.
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Wieviele Paare den Plan, sich scheiden zu lassen, tatsächlich umsetzen werden, ist ungewiss. In Deutschland darf sich nur scheiden lassen, wer zuvor ein Jahr getrennt gelebt hat. Für alle, die sich nach einem Lockdown-Streit über die eingängige Website scheidung.berlin an Alicia von Rosenberg wandten, steht dieses Trennungsjahr also noch aus. Da das deutsche Recht Paare eher ermutigen will zusammenzubleiben, ist es leicht, Scheidungsverfahren einzustellen oder zumindest ruhen zu lassen. Alicia von Rosenberg hat es in den vergangenen Wochen durchaus auch erlebt, dass ein Paar sein Scheidungsvorhaben stoppte - weil man durch die plötzliche Nähe während des Lockdowns wieder zueinandergefunden hatte. Andere werden vermutlich jetzt, wo ein Großteil der Einschränkungen aufgehoben ist, in ihre alte Normalität zurückkehren.

Doch auch wenn man all diese Effekte berücksichtigt, sind sich die Experten einig: Auf die deutschen Gerichte kommen enorm viele Scheidungen zu. Aus den 149.000 Paaren, die sich im Jahr 2019 scheiden ließen, könnten 2021 deutlich mehr werden.

Das liegt nicht nur an Paaren, die zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung Streit bekommen haben. „Die zweite Gruppe, die die Zahlen massiv in die Höhe treibt, hat völlig andere Motive“, berichtet von Rosenberg.  „Hier handelt es sich um Paare, die oft schon viele Jahre getrennt leben, es aber bisher nicht geschafft haben, sich scheiden zu lassen. Jetzt im Lockdown hatten sie plötzlich Zeit, die entsprechenden Papiere auszufüllen.“

Für Helga Richter, die in ihrer Praxis in Pankow sowohl Paar- als auch Trennungsberatung anbietet, ist eine Ausnahmesituation immer auch ein Test für eine Beziehung. Die besondere Lage während der Corona-Wochen habe besonders deutlich offengelegt, was auch vorher schon schiefgelaufen ist. „Ein typisches Beispiel aus meiner Praxis ist ein Mann, der zu Hause wenig macht. Was im Alltag vielleicht noch erträglich ist, entwickelt sich in der Lockdown-Situation zum Trennungsgrund“, beobachtet sie.

Auch die Anfragen bei Richter sind zuletzt deutlich gestiegen. Zu ihr kommen besonders oft Paare, die die Trennung für ihre Kinder so verträglich wie möglich gestalten möchten. „Ich würde mir wünschen, dass sich die Paare schon Hilfe holen, bevor alles kurz vor dem Zusammenbruch steht“, sagt Richter etwas ernüchtert. „Aber klar: Wer verheiratet ist und Kinder hat, schmeißt nicht alles hin, weil man einige Wochen zu Hause bleiben muss.“

Diese Beobachtung deckt sich mit der repräsentativen Umfrage zu „Corona-Scheidungen“, die Anwältin von Rosenberg Anfang Juni beim Unternehmen Civey in Auftrag gab. Von den 2500 Paaren, die  befragt wurden, erklärten besonders die 18 bis 29 Jahre alten Eheleute, dass sie sich während der Corona-Einschränkungen zur Scheidung entschlossen hätten. „Das sind Paare, die tendenziell noch keine Kinder und wenig gemeinsame Verpflichtungen haben“, vermutet von Rosenberg. Ihnen falle die Trennung leichter als älteren Paaren. „Wenn mehr auf dem Spiel steht, wendet man sich wohl erstmal an den Paartherapeuten, bevor man einer Scheidungsanwältin schreibt.“

Bei den Jungen aber hat die Corona-Krise wie Katalysator gewirkt: Mehr als zehn Prozent dieser Paare gaben in der Umfrage an, dass sie während der Lockdown-Wochen die Entscheidung getroffen hätten, sich scheiden zu lassen. Zum Vergleich: Insgesamt haben nur gut zwei Prozent der befragten Ehepaare während der Einschränkungen beschlossen, sich zu trennen.

Die weiteren Trends in der Umfrage sind weniger eindeutig. Es scheint, als ginge der Impuls zur Trennung eher von Frauen aus - und als sei das Leben in der Stadt ein Faktor, der die Scheidung etwas wahrscheinlicher mache. Was die Studie nicht offenlegt: aus welchen Gründen sich ein Paar zur Trennung entschließt und ob Corona nicht nur einer längst überfälligen Entscheidung den Weg bereitet hat.

In anderen Beziehungen hat der Lockdown schlimme Folgen gehabt. „Wir wissen aus anderen Studien, dass auch die Zahl der Vergewaltigungen, der Anzeigen wegen häuslicher Gewalt und Gewalt gegen Kinder in die Höhe geschnellt ist“, sagt von Rosenberg. Ob hinter ihren Anfragen solche Schicksale stehen, kann die Anwältin nicht  sagen. „Häufig sehe ich die Gründe nicht. Und ich beobachte eher, dass die Paare, die sich nun infolge der Corona-Pandemie scheiden lassen möchten, besonnen miteinander umgehen.“

Auch Trennungsberaterin Richter ist nicht mehr mit dem Vater ihrer Kinder zusammen. Auf ihrer Homepage lebensratinpankow.de erwähnt sie diesen Umstand wie eine Zusatzqualifikation. „Natürlich gibt es viele Fälle, in denen eine Trennung das Beste ist - gerade für die Kinder“, sagt Richter. „Wir sollten als Gesellschaft aufhören, Trennung mit Versagen gleichzusetzen. Denn auch wenn wir alle die heile Familie anstreben - manchmal ist es einfach richtig, aufzuhören. Außerdem können Kinder aus einer guten Trennung viel fürs Leben lernen.“ Wie gut oder schlecht Kinder eine Trennung der Eltern verarbeiten, hängt ihrer Meinung nach in erster Linie davon ab, ob Eltern einen mindestens respektvollen oder sogar freundschaftlichen Umgang miteinander schaffen.

Die Paarberaterin aus Pankow macht sich in den nächsten Monaten auf einiges gefasst. „Ich bin überzeugt, dass Corona für die Paare nicht vorbei ist. Viele arbeiten weiterhin im Homeoffice, und es ist absolut nicht ausgeschlossen, dass wir eine zweite Welle bekommen und wieder für längere Zeit drinnen bleiben müssen.“

Schwierig werde es vor allem dann, wenn Paare zu hohe Erwartungen hätten. „Niemand muss in einer solchen Extremsituation eine perfekte, harmonische Familie sein“, findet Richter. Stattdessen solle man sich auf die Basics besinnen und lernen, über die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu sprechen.

Ebenso wichtig: in der Balance bleiben. „Wer von sich weiß, dass er seinen Sport braucht, sollte alles daran legen, dass er genug Bewegung bekommt, wenn die Fitnessstudios geschlossen sind“, sagt die Paarberaterin. Ohnehin sei Sport eine gute Gelegenheit rauszukommen. „Letztendlich geht es darum, jedem Familienmitglied Freiräume zu ermöglichen. Das erscheint natürlich erstmal fast unmöglich, wenn alle miteinander in der Wohnung sitzen. Aber auch hier gibt es Möglichkeiten, besonders bei schönem Wetter.“

Und wer sich immer noch trennen will? Der sollte es vermutlich einfach tun.

Die belgische Psychotherapeutin Esther Perel, die mit ihrem Paar-Podcast „Where should we begin“ große Bekanntheit erlangte, fasst es so zusammen: „Vielen ist in diesen Wochen nochmal bewusst geworden, dass das Leben kurz ist. Und was tut man, wenn das Leben kurz ist? Man konzentriert sich auf das, was wichtig ist. Das kann heißen, dass man erkennt: Ich muss endlich raus hier. Es kann aber auch das Gegenteil heißen. Viele haben entschieden zu heiraten, Kinder zu bekommen.“ Perel behauptet daher: „Es wird viel mehr Scheidungen geben - aber auch viel mehr Babys.“