Berlin - Er hat viel früher begonnen, lange vor der Einführung des Paragrafen 218ff, Strafgesetzbuch, „Schwangerschaftsabbruch“, der in diesen Tagen 150 Jahre alt wird. Und wahrscheinlich hat es den Streit um den Frauenkörper und die Frage, wer die Rechte über ihn beanspruchen kann, schon immer gegeben.

Gerade ist er wieder bedrohlich aufgeflammt: Mit der letzten Verschärfung des polnischen Abtreibungsgesetzes im Januar dieses Jahres, derzufolge eine werdende Mutter ihr Kind auch dann austragen muss, wenn dieses schwere Fehlbildungen hat oder voraussichtlich kurz nach der Geburt sterben wird.

Der Schlachtruf der Frauenbewegung 

Vor diesem Hintergrund wirkt die Parole „Mein Bauch gehört mir!“, die in den 70er-Jahren zum Schlachtruf der Frauenbewegung wurde und die man gerne als banale Offensichtlichkeit abtun würde, erschreckend aktuell. Die Entwicklung in Polen führt einmal mehr vor Augen, dass der über Jahrtausende eingeübte Status quo, demzufolge Frauen weder über ihren Körper noch über ihren Geist freie Verfügungsgewalt hatten, noch längst nicht überwunden ist.

Es ist nur ein scheinbarer Widerspruch dazu, dass schwangere Frauen in fast allen Gesellschaften immer auch einen besonderen Status genießen. Denn die Tatsache, dass in ihrem Körper neues Leben entsteht, führt zu einer De-facto-Verklärung werdender Mütter, die einhergeht mit ihrer gleichzeitigen Teil-Entmündigung. Eine schwangere Frau ist genau das: Fast-Mutter und damit Gegenstand allgemeiner Begutachtung und Beurteilung. Was sich in ihrem Körper tut, ist ein Vorgang, der dem Erhalt der Menschheit dient, und der geht auf einmal alle an: den Staat, die Medizin, die Kirche – ja selbst völlig Fremde, die den Bauch einer Frau ungefragt tätscheln, sobald sich die Schwangerschaft körperlich zeigt. Die Frau als Individuum wird zum Allgemeingut, sie tritt hinter ihren Bauch zurück.

Wem gehörte der nochmal?

Nun gibt es eine weitere Person, die die Schwangerschaft tatsächlich etwas angeht: den werdenden Vater. Eine Erklärung für diese Art der teilweisen Ent-Individualisierung der Frau kann das gleichwohl nicht sein. Denn Männer sind zwar an der Zeugung eines Kindes beteiligt, stehen aber nicht im Zentrum des Interesses, weder des juristischen noch des moralischen, wenn es um den Abbruch der Schwangerschaft geht. Andererseits müssen Männer die Entscheidung der Frau hinnehmen – unabhängig davon, ob sie den eigenen Wünschen entspricht.

Die Verantwortung für eine Schwangerschaft tragen Frauen letztlich allein

Gerade Letzteres wird gern als Argument für einen Quasi-Gerechtigkeitsausgleich betrachtet. Das allerdings suggeriert, dass schon die Zeugung des Kindes für Männer und Frauen unter denselben Voraussetzungen stattfindet. Das ist nicht der Fall und auch gar nicht möglich – die direkte körperliche Folge von Sex in Form einer Schwangerschaft trifft nun mal nur die Frau. Männer konnten und können sich (von finanziellen Verpflichtungen abgesehen) aus der Angelegenheit weitgehend heraushalten. Die Verantwortung tragen Frauen letztlich allein.

Was wie eine Binsenweisheit klingt, muss deshalb betont werden, weil auch das deutsche Recht, das sich dem gesetzlichen Schutz schwangerer Frauen einerseits verpflichtet hat, ihnen gleichzeitig die Fähigkeit abspricht, mit genau dieser Verantwortung adäquat umzugehen.

Auch im deutschen Recht ist der Abbruch einer Schwangerschaft rechtswidrig. Er bleibt allerdings straffrei, wenn er nach einer Beratung und von einem Arzt innerhalb der ersten zwölf Wochen nach der Empfängnis durchgeführt wird. Die Hürden, eine Schwangerschaft zu beenden, sind damit ungleich niedriger als in Polen, sie sind indes vorhanden. Das ist auch gut so. Der Paragraf 218, so wie er jetzt besteht, versucht, einem unauflösbaren Dilemma Rechnung zu tragen: Wessen Recht gilt unter welchen Umständen eher? Das der schwangeren Frau oder das ihres ungeborenen Kindes? Es liegt in der Natur der Sache, dass es sich bei Paragraf 218 nur um einen in Rechtsform gegossenen Kompromiss handeln kann.

Was den Paragrafen hochproblematisch macht, ist der Umstand der Illegalität, mit dem der Staat wie mit dem Zeigefinger auf Frauen deutet, die sich für eine Abtreibung entschieden haben. Was dahintersteht, ist eine Anklage: Du kommst davon, aber was du tust, ist falsch.

Es ist überfällig, Frauen von diesem Makel des Rechtsbruchs zu befreien. Keine Frau würde sich die Entscheidung leichter machen, wenn eine Abtreibung – unter den gleichen Umständen wie bisher – legal wäre. Denn, nein, es geht bei einer Schwangerschaft und deren Abbruch nicht nur um die werdende Mutter. Das weiß niemand so gut, wie sie selbst, denn ihr Bauch gehört ihr. Und das ist die eigentliche Bedeutung dieses Satzes.