Berlin - Herr Niedermayer, ist die Bundestagswahl für die SPD nach drei verlorenen Landtagswahlen praktisch schon gelaufen?

Der Schulz-Hype ist vorbei – und ich sehe nicht, wie noch einmal einer entstehen könnte. Die Union liegt jetzt deutlich vor der SPD, die Kanzlerin hat die besseren Werte als ihr Gegenspieler und die Leute messen der Union bei den meisten Politikbereichen mehr Kompetenzen zu. Es gibt keine Anhaltspunkte, dass es da noch ein erfolgreiches Überholmanöver der SPD geben könnte.

Was ist schiefgelaufen?

Erstens ist Anfangsinteresse am Kanzlerkandidaten Martin Schulz – sowohl seitens der Medien als auch der Menschen – schon nach der verlorenen Saarlandwahl drastisch eingebrochen. Zweitens gilt: Die Union war Anfang Februar in einem schlechten Zustand, weil die CSU ihre Konflikte mit der CDU brachial ausgetragen hat. Jetzt reißt CSU-Chef Horst Seehofer sich zusammen. Drittens nutzt die Kanzlerin sehr professionell die Chance, sich auf internationaler Bühne als Krisenmanagerin zu präsentieren, während Martin Schulz noch nicht mal den Bundestag als Bühne hat.

Hat Schulz die SPD programmatisch so aufgestellt, wie es eine Partei sein muss, die auf 30 Prozent plus X zielt?

Schulz hat zunächst die Partei mit sich selbst versöhnt, indem er von Fehlern bei der Agenda 2010 gesprochen hat. Das Problem ist aber: Allein mit dem Thema soziale Gerechtigkeit gewinnt man keine Wahlen – schon gar nicht in einem Land, in dem die meisten Menschen sagen: „Mir geht es gut.“ Ein weiteres Mobilisierungsthema ist aber nicht in Sicht – zumal das ja eines sein müsste, bei dem die SPD ein Alleinstellungsmerkmal hat.

Die SPD hat bei Steuern und der Rente Farbe bekannt. Ist die Kanzlerin unter Druck nachzulegen?

Die Union wird ja ihr Wahlprogramm noch vorlegen. Klar ist aber: Der Herausforderer ist immer deutlich mehr gezwungen, Konzepte vorzulegen als der Amtsinhaber. Zudem macht Angela Merkel Wahlkampf, indem sie den Deutschen zeigt, dass sie wieder die Krisenmanagerin ist, die Deutschland unbeschadet durch die internationalen Krisen steuert.

Am Ende könnte die Alternative sein: noch einmal eine große Koalition unter Führung der Union oder eine Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen. Wem ist das Regieren wichtiger? Wer wird kompromissbereiter sein: SPD oder Grüne?

Ich vermute, dass in seiner solchen Konstellation die SPD dann doch die Partei wäre, die – mit großen Bauchschmerzen – noch mal mit der Union regiert. Bei den Grünen gibt es viele Spitzenfunktionäre, die unbedingt regieren möchten. Aber an der Basis werden am Ende die Bedenken doch riesengroß sein, weil zur Union eben auch die CSU gehört. Und dazu noch die – in kultureller Hinsicht – verhasste FDP? Da müssten die anderen Parteien den Grünen programmatisch schon sehr weit nachgeben.

Die Sozialdemokraten haben, was eigene Wahlergebnisse angeht, keine guten Erfahrungen mit großen Koalitionen unter Merkel gemacht. Warum sollte sie sich darauf noch mal einlassen?

Ein Problem ist tatsächlich, dass die SPD in dieser Legislaturperiode inhaltlich schon sehr viel durchgesetzt hat, nicht zuletzt den Mindestlohn. Es wird also gar nicht so leicht, Projekte zu finden, mit denen sich die Parteibasis in die große Koalition locken lässt und die mit der Union umsetzbar wären. Am Ende zieht aber das Argument: Es muss immer möglich sein, dass die beiden Großen miteinander klarkommen. So unerträglich vielen an der Parteibasis der Gedanke im Moment scheinen mag: Die SPD hat viel Erfahrung darin, sich dieser Staatsräson zu beugen.