Münster - Die Grünen, daran kann kein Zweifel bestehen, sind verunsichert. Das haben sie mit der gesamten links-liberalen Öffentlichkeit gemein, die angesichts der zunehmend existenziellen Bedrohung des Rechtspopulismus für die repräsentative Demokratie nicht mehr zu wissen scheint, was richtig und was falsch ist, wo man auf Andersdenkende zugehen und wo Haltung bewahren sollte.

Die steten Provokationen des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer, der neuerdings auch noch zwischen Alltagsrassismus und Rassismus unterscheiden möchte, sind ein Indiz dafür. Von dort ist es zur Kapitulation gegenüber der AfD nicht mehr weit. Einfache Antworten sind in dieser Lage aber auch nicht zu haben. Die der Grünen gehen zumindest in die richtige Richtung.

Nicht selbst Teil des Problems werden

Sie sind seit Beginn ihrer Existenz eine linke Akademiker-Partei. Nur sind sie heute in jeder Hinsicht arrivierter als früher, man könnte auch sagen: (ungewollt) elitärer. Wenn aber richtig ist, dass wir in einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft leben, dann ist es an den Grünen, Gräben zu überwinden – jedenfalls da, wo es in ihrer Macht steht.

Der Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington, Bastian Hermisson, mahnte in Münster, die Grünen müssten „raus aus der Blase und raus aus unseren eigenen Facebook-Echo-Kammern. Wir müssen mit anderen Kontakt suchen und einen respektvollen Umgang mit denen pflegen, die aus einem anderen Milieu kommen. Sonst sind wir selbst Teil des Problems und nicht der Lösung.“ Das ist weniger eine Frage der Inhalte als des Gestus und der inneren Bereitschaft zum Dialog.

Vermögensumverteilung ist nicht die Mutter aller Probleme

Wenn überdies stimmt, dass die Gesellschaft nicht allein kulturell, sondern auch sozial gespalten ist, dann muss es an der Stelle ebenfalls Veränderungen geben. Die von den Grünen beschlossene Vermögenssteuer für „Superreiche“ ist zwar reichlich unpräzise. Zudem sollte man sich von nationaler Umverteilung im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung nicht die Lösung aller Probleme versprechen.

Sie ist ein Baustein, nicht mehr und nicht weniger. Dagegen, dass Vermögende mehr beitragen sollen, ist jedoch nichts einzuwenden. Zu diesem Schluss hätten die Grünen auch schon früher kommen können. Dass sie es nicht früher vermochten, lag nicht zuletzt an der mangelnden Funktionstüchtigkeit der Parteivorsitzenden, die als Duo nicht funktionieren.

Die Suche nach der Parteiführung

Nachdem nun ein paar inhaltliche Würfel gefallen sind, steht die Entscheidung über die Spitzenkandidaten noch aus. Die Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt ist praktisch gesetzt, weil es bei der Urwahl keine Konkurrentin gibt. Bei den Männern gilt Parteichef Cem Özdemir als favorisiert. Schleswig-Holsteins rhetorisch starker Umweltminister Robert Habeck musste den Parteitag wegen der Geflügelgrippe vorzeitig verlassen – so dass das geplante Urwahlforum in Münster ausfiel.

Es kann indes sein, dass sich Özdemir und Habeck gegenseitig die Stimmen der Realos wegnehmen und der linke Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter als lachender Dritter aus der Auseinandersetzung hervorgeht. Die Auftritte des Bayern sind besser geworden. Er ist an der Basis beliebt und zählt nach dem Vermögenssteuerstreit zu den Gewinnern. Kurzum: Alles ist offen.

Die grünen Beschlüsse sprechen übrigens eher für eine rot-rot-grüne als für eine schwarz-grüne Koalition. Doch ist Papier geduldig. Und Parteitagsbeschlüsse sind am Tag nach ihrer Verabschiedung meist schon wieder vergessen. Das wird nach Münster nicht anders sein.