Neumarkt - Sebastian Nerz gibt den frühen Muntermacher. „Gestern war Vergangenheit, heute beginnt die Zukunft“, ruft der baden-württembergische Pirat am Samstagmorgen in den Saal, nachdem der Versammlungsleiter gerade die Partei gerüffelt hatte wegen der Müllberge, die vom Vorabend zurückgeblieben waren: „Das sah ja aus wie in einem Bierzelt.“

Nerz gibt sich Mühe und bläst ordentlich die Backen auf. Tag zwei des Bundesparteitages in der Oberpfalz: Mittlerweile sind 1145 Piraten in Neumarkt eingetroffen. Nerz: „Heute und morgen erschaffen wir die Zukunft. Neumarkt ist das Zentrum eines Erdbebens, das Berlin erschüttern wird.“

Markige Töne

Erdbeben, Erschüttern. Kleiner haben es die Piraten nicht. Am Vorabend verkündete die neue Politische Geschäftsführerin Katharina Nocun, die Piraten werden die Konkurrenz nun vor sich hertreiben. Es ist eher das ängstliche Brüllen der Leichtmatrosen im ungewohnten Sturm.

In Umfragen stehen sie gerade noch bei drei Prozent, Welten entfernt von den zweistelligen Werten, die sie noch vor einem Jahr erreichten, als die Piraten nach vier gewonnenen Landtagswahlen und einem Zustrom neuer Mitglieder noch so wirkten, wie sie heute wieder wirken wollen: frisch, anders, belebend.

„Kein Politiker sollte sich sicher fühlen“, droht Nerz nun der Konkurrenz von CDU bis Linkspartei. Dass der Sprung in den Bundestag am 22. September gelingt, keine Frage. „Es liegt viel Arbeit vor uns. Wenn wir sie nicht machen, macht sie keiner.“

Welche Art von Parteitag?

Vom Vorabend ist das wohl wichtigste Thema liegengeblieben. Es geht um das Kernverständnis der Piraten von innerparteilicher Politik, Transparenz und Teilhabe: Soll es eine Art ewigen Parteitag geben, eine ständige Mitgliederversammlung (SMV) per Netz? Soll sie Ergänzung sein oder an die Stelle von jährlichen Parteitagen treten?

Eine Dauerdebatte im Internet mit Meinungsäußerung, Diskussion, Abstimmung per Mausklick? Oder wie gehabt Versammlungen mit 1000 oder 2000 echten Menschen in großen Hallen, realen Bratwurst- und Bierbuden davor, Treffen, die niemals pünktlich enden, weil nicht einmal drei Tage für eine derart redefreudige und unberechenbare Partei ausreichen?

Die Sache ist umstritten. Es stecken eine Menge Teufelchen in den Details: Wie stellt man im Netz sicher, dass nur Piraten, nicht aber sonst irgendwer mitmacht? Wie wird bei Abstimmungen Anonymität gewährleistet, wie wird garantiert, dass hinter einem Tarnnamen im Netz auch ein echter Pirat steckt?

Freitag kurz vor Mitternacht konnten sich die Piraten in Neumarkt zwar vorstellen, so etwas neben den ordentlichen Parteitagen einzuführen. Aber mehr nicht. Die Diskussion wurde dann vertagt. Das Internetprotokoll verzeichnet: 23.57 Uhr, gute Nacht!