Immer wenn in Dresden eine Sache völlig verfahren ist, wenn der Karren bis zur Achse im Dreck steckt, wenn nichts mehr geht, wenn man am liebsten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte, dann fällt garantiert der Name Frank Richter. Dann soll er ran. Jetzt wieder. Pegida. Die Demonstranten schimpfen wie die Rohrspatzen, aber reden wollen sie nicht. Sie schlagen alle Gesprächsangebote der Oberbürgermeisterin oder der Landesregierung aus. Nun hat sich der frühere Kaplan angeboten, den Knoten zu lösen. Aber auch mit ihm wollen sie nicht reden.

Dabei gibt es vermutlich keinen Besseren in der Stadt. Seit fünf Jahren leitet der 54-jährige Theologe aus Großenhain in Sachsen die Landeszentrale für politische Bildung. Einen Namen machte er sich im Herbst 1989: Er war Mitbegründer der „Gruppe der 20“, jenes legendären Häufleins, das von den Demonstranten am 8. Oktober ernannt und beauftragt wurde, mit der Dresdner SED-Macht in politische Verhandlungen einzutreten. Die Dresdner waren die ersten, mit denen die SED verhandelte. Damals schwenkte die Revolution in geordnete Gesprächsbahnen ein: Man redete und verhandelte, es gab Runde Tische und die DDR ging gewaltlos unter. Richter, der Kaplan und katholische Domvikar, steckte mittendrin, er war einer der führende Köpfe dieser neuen Bürgerbewegung.

Als es vorbei war, wechselte er nicht in die Politik und machte dort Karriere, wie es andere taten. Er blieb Geistlicher, wurde Jugendseelsorger und später Pfarrer im Erzgebirge. 2005 ließ er sich wegen der Liebe zu einer Frau in den Laienstand zurückversetzen, er wechselte in die Altkatholische Kirche und ging als Lehrer nach Hessen. Danach kam er nach Sachsen zurück.

Der Herbst 1989 begründete seinen Ruf als kluger, freundlicher und verbindlicher Vermittler in schwierigsten Lagen. Er ist dafür ausgezeichnet worden: Bundesverdienstkreuz, Europäischer Menschenrechtspreis, Sächsische Verfassungsmedaille. Zwei Jahre lang, bis 2013, moderierte er in Dresden die Gespräche um ein besonders heikles Thema: das angemessene Erinnern an die Bombennächte im Februar 1945. All die Fragen um gewaltig schwankende Opferzahlen, die Mythen, das Trauma, den Missbrauch des Gedenkens durch Neonazis. Nach zwei Jahren legte Richter sein Amt nieder. Auch weil er gerne mehr machen wollte als Dresdens Oberbürgermeisterin, sich aber nicht durchsetzen konnte. Aber Grundsteine waren gelegt, der ewige Parteienstreit eingedämmt, ein breiter Bürgerprotest gegen NPD-Aufmärsche möglich.

Vor einem Jahr wurde Richter nach Chemnitz gebeten: Es gab Streit, es drohten Auseinandersetzungen wegen des dortigen Erstaufnahmelagers für Flüchtlinge. Die NPD mischte sich ein, wollte Kapital schlagen aus den Ängsten von Anwohnern. Richter ging hin, hörte sich alles an, redete, vermittelte. Und nun Pegida. Richter hat sich auch das genau angesehen, hat sich eine Meinung gebildet, hat eine Menge Fragen. Aber Pegida kneift. Offensichtlich braucht Dresden nicht nur Frank Richter und seine Vermittlungskünste. Ein kleines Wunder wäre nicht schlecht.