Greta Thunberg ist das Gesicht der Klimaschutz-Bewegung. Von den einen wird sie fast wie eine Heilige verehrt, von den anderen gehasst, diffamiert und bedroht.
Foto: AP/Jean-Francois Badias

BerlinEs wird wirkungsvolle Bilder geben von diesem Treffen am Donnerstag: Auf der einen Seite Angela Merkel, auf der anderen Greta Thunberg, Luisa Neubauer und die belgischen Aktivistinnen Anuna De Wever und Adélaïde Charlier – vier Frauen, noch Mädchen zum Teil, Gesichter einer Bewegung, die weltweit Hunderttausende auf die Straße gebracht hat. Es sind sehr junge, weibliche Gesichter, die Bilder werden durch die Medien gehen, Fotos wie gemacht für Schlagzeilen wie „Der Protest ist weiblich“ oder „Mädchen an die Macht“. Sie zeigen nur einen Ausschnitt des Ganzen.

Die Klimastreiks sind kein Triumphzug dieser Tage, die Corona-Krise hat die Bewegung weit zurückgeworfen in ihrem Kampf gegen den Klimawandel. Es ist still geworden um Greta Thunberg. Zu sagen, das Treffen mit Merkel sei ein rein symbolischer Akt, greift trotzdem zu kurz: Thunberg und Neubauer werfen der Bundesregierung vehement mangelnde Entschlossenheit in Sachen Klimaschutz vor. Merkel stellt sich der Kritik und zeigt damit, wie ernst sie die Argumente der Aktivistinnen nimmt. Die jungen Frauen haben sich Gehör verschafft und ihre Anliegen weit oben auf die Agenda gesetzt – und daran kommen auch Spitzenpolitikerinnen nicht mehr vorbei.

Allein das ist eine große Leistung. Greta Thunberg hat es weit gebracht: Das Treffen mit Merkel fällt genau auf den zweiten Jahrestag ihres ersten Protests: Am 20. August 2018 fing alles an mit einem 15 Jahre alten Mädchen mit Zöpfen und gelbem Regenmantel, das vor dem schwedischen Parlament für mehr Klimaschutz streikte. Nun spricht sie regelmäßig auf internationalen Konferenzen, auf ihrem Terminplan stehen Pressekonferenzen, Parlamentsreden, Fotoshootings.

Von Anfang an war der Klimaprotest eng verflochten mit der Person Greta Thunberg, einem Mädchen, das noch jünger wirkt, als es ist, und die Mächtigen herausfordert. Und sie ist nicht allein: Mädchen dominieren die Bewegung, sie führen die Streiks an und stellen auch die Mehrheit bei den Protesten – die zentrale Rolle junger Frauen war gerade in der Anfangszeit ein Faszinosum, weil es etwas Neues war, und ihr zivilgesellschaftliches Engagement hatte eine neue Qualität.

Aber dafür, dass sich die Geschlechterordnung verschiebt, spricht das noch lange nicht. Vielmehr hängt die große Wirkung der Aktivistinnen zum Teil auch daran, dass sie in der Logik der Medien gut funktionieren: Sie sind nicht nur jung, sondern auch fotogen, sodass sie sich sogar für das Cover der Vogue eignen. Greta Thunberg hat dem Klimaschutz ein Gesicht gegeben, gerade deswegen schaffte sie es, ihrem Anliegen ein weltweites Podium zu verschaffen: Ihr Schrei „How dare you!“ auf dem UN-Klimagipfel, die Fotos des Mädchens, das auf der Straße sitzt, neben sich ein selbst gemaltes Pappschild – all das sind eindrucksstarke Momente und ist schon jetzt Pop-Kultur.

Das stellt zunächst einen großen Erfolg dar: Die Politik ist nun gezwungen, sich des Themas Klimaschutz anzunehmen und Stellung zu beziehen. Aber die Rolle hat auch eine Kehrseite. Greta Thunberg ist zur Symbolfigur geworden, zur Ikone, und das ist eine heikle Position, man könnte auch sagen: Ein klassischer Frauenjob, prekär und undankbar, dazu schlecht bezahlt. Denn eine Ikone hat nur so lange einen Wert, wie es Menschen gibt, denen danach ist, sie zu verehren.

In den Medien war vom „göttlichen Kind“ zu lesen, von der „Kassandra von Davos“, einer „modernen Jeanne D’Arc“. Gerade letzterer Titel deutet darauf, wie problematisch solche Zuschreibungen sind: Eine junge Frau, die für ihre Sache kämpft, entschlossen, unkorrumpierbar, und die dafür bewundert wird und zugleich gehasst, beleidigt, bedroht. Das Scheitern ist der Rolle letztlich schon eingeschrieben. Die Anfeindungen und die Häme, die Greta Thunberg permanent treffen, richtet sich in dieser Intensität häufig gegen Frauen, die sich öffentlich äußern, fast nie gegen Männer.

Greta Thunberg wurde vor allem auch deshalb ein Star, weil sie als glaubwürdig galt und kein Eigeninteresse zu haben schien. Posten und Profit wollte sie nie haben, aber auch das ist ein klassisches weibliches Muster: Junge Frauen sitzen nicht in Aufsichtsräten oder Vorständen, sie bekleiden meist  keine hohen Ämter. Gerade deswegen wurden die Aktivistinnen für viele zu Hoffnungsträgerinnen, aber auch zu Projektionsflächen. Das bedeutet auch, dass sie sich an zum Teil absurd hohen Ansprüchen messen lassen müssen. An der Machtverteilung ändert ihr Einsatz zunächst nichts. Trotzdem haben sie sich ihre Bühne erkämpft und können Veränderungen anstoßen. Die Frage ist nur, ob sie sich vorher aufreiben.