ST. JOHN’S - Normalerweise würde Dwight Spence dieser Tage mit seinem Kutter „Cape Ashley“ zu den Eisschollen im Mündungsgebiet des Sankt-Lorenz-Stroms segeln, um dort Robben zu jagen. Er würde die Tiere erschießen, ihnen danach das Fell abziehen und dieses samt Fleisch und Innereien verkaufen.

Doch die Zeiten sind schlecht für Dwight Spence. Sein 20-Meter-Boot hat den Hafen an der neufundländischen Küste dieses Frühjahr noch nicht verlassen. Im fünften Jahr in Folge lässt Spence die traditionelle Jagd ausfallen, denn das Geschäft lohnt sich kaum noch. Mindestens 2000 Robben müsste er erlegen, damit er die Kosten wieder reinbekommt, berichtet er. Daran aber sei derzeit nicht zu denken.

Blutiges Ritual

Wie Spence geht es vielen Fischern an der Ostküste Kanadas. Seit dem Beginn der Robbenjagd im März haben die Kanadier bislang rund 40.000 Tiere erlegt – so wenige wie selten zuvor. Nur hundert Boote beteiligen sich dieses Jahr an dem blutigen Ritual, vor einigen Jahren waren es noch über 1800.

Besonders im Ausland ist die Robbenjagd hoch umstritten. Tierschützer halten die Fangmethoden für grausam und kämpfen seit Jahren gegen das Gemetzel. Die meisten Tiere werden erschossen. Ein kleinerer Teil aber wird durch Knüppelschläge auf den Kopf getötet. Die Regierung und die Fischer sehen in der Jagd eine wichtige Einnahmequelle für die Küstenregionen Kanadas. Etwa 6000 Familien leben davon.

Die Behörden haben daher wie schon im letzten Jahr 400.000 Sattel- und 60 000 Kegelrobben zur Jagd freigegeben. Doch dieses Ziel wird im dritten Jahr in Folge weit verfehlt werden. „Die Beteiligung ist gering“, sagt Frank Pinhon vom Verband der kanadischen Robbenjäger. Man werde vermutlich nur rund ein Viertel der Quote ausschöpfen. In den beiden letzten Jahren war die Ausbeute sogar noch niedriger.