Berlin - Eine gute Woche ist es noch bis Weihnachten. Zeit, wichtigen Menschen zu danken und ihnen ein paar warme Zeilen zu schreiben: Freunden, Familienmitgliedern, Geschäftspartnern.

Auch Politiker nehmen die Adventszeit oft und gern zum Anlass, Weihnachtsgrüße zu verschicken. Eine Karte dürfte dieser Tage auffallen - eine Weihnachtspostkarte zum Aufklappen von der CDU. Das Wesen dieser Karte offenbart sich jedoch erst auf den zweiten Blick.

Verschmitzt lächelnde Angela Merkel

Ihre Vorderseite ziert eine bunte Zeichnung der Weihnachtsgeschichte mit Joseph, Maria und dem Christkind in der Krippe; klappt man die Karte auf, liest man ein Grußwort neben dem Foto einer verschmitzt lächelnden Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“, heißt es darin, „Weihnachten ist und bleibt für mich ein Zeugnis lebendigen Glaubens in unserer Gesellschaft.“

So weit, so langweilig. Es ist eine dieser Karten, die man vielleicht noch aufklappt, aber kaum zu Ende liest. Doch wer es schafft, bis zum zweiten Absatz zu lesen, wird spätestens hier stutzig. Denn die Karte endet mit einer eindeutigen und zweifelhaft politischen Aussage.

„Die Abschiebung in sichere Herkunftsländer mag auf den ersten Blick vielleicht nicht christlich erscheinen, aber ist es nicht noch weniger christlich, zu viele aufzunehmen und damit das Gedeihen der ganzen, unserem Schutz anbefohlenen Gemeinschaft zu gefährden?“, wird da gefragt.

Und weiter: „Unser Wohlstand ist der verdiente Lohn unserer Arbeit und unserer christlichen Tradition. Deshalb sollten wir, als Hirten unserer Gemeinschaft, umsichtig und maßvoll abwägen, wen wir in unsere Herde aufnehmen. Denn Hilfe zu leisten bedeutet auch, die Kapazitäten des Einzelnen nicht überzustrapazieren.“ Darunter prangt die gedruckte Unterschrift von Angela Merkel.

Übersetzt und heruntergebrochen auf einen Satz klingt die Botschaft ungefähr so: „Das Boot ist voll. Frohe Weihnachten, Ihre CDU.“

Auch die Zeichnung mit der Krippe stellt bei genauerem Hinsehen ein ganz anderes Bild dar. Am Rand haben sich dunkelhäutige Menschen versammelt, die mit einem Stacheldraht davon abgehalten werden, zu Joseph, Maria und dem Christkind zu gelangen.

Einer der Hirten hat mit der Sense einen dieser Menschen erstochen, aus seiner Brust tropft Blut. Ein anderer König steht am Rand, neben ihm liegt ein dunkelhäutiger Mann mit braunen Haaren in einer Blutlache, die Mistgabel steckt in seinem Arm. Über der ganzen Weihnachtsszene fliegt ein Engel, der in einer Polizeiuniform steckt.

Die Karte wurde natürlich nie von der CDU verschickt. Absender ist die Berliner Kommunikations-Guerilla-Gruppe „Peng! Collective“, ein Aktionskünstler-Kollektiv, das mit kreativen, ungewöhnlichen Aktionen und politischen Kampagnen „zärtlich provozieren“ will, wie es auf ihrer Homepage heißt.

Etwa 2000 dieser Karten sind seit dem vergangenen Wochenende bundesweit verschickt oder persönlich abgegeben worden - alle im Namen der Christdemokraten. Empfänger waren neben Kirchengemeinden, CDU-nahen Stiftungen auch Einzelpersonen wie Joachim Gauck und Kai Diekmann. Auch viele Stammwähler der CDU haben den gefälschten Weihnachtsgruß von "Peng! Collective" in ihren Briefkästen gefunden.

Schon in der Woche zuvor waren Mitglieder von "Peng! Collective" auf dem Weihnachtsmarkt in Steglitz aktiv. Sie sprachen mit Spaziergängern und drückten den Menschen in persönlichen Gesprächen die Karte in die Hand.

Rechtliche Schritte gegen die CDU

„Wir sind an der Schnittstelle von Journalismus, Kunst und Aktivismus. In dieser Kombination suchen wir nach neuen Formen, Informationen zu transportieren – investigativ und ästhetisch“, sagt Jean Peters aka Paul von Ribbeck von „Peng! Collective“. Die NGO-Szene in Deutschland habe ihre Zähne verloren und resigniere zu oft in vorauseilendem Gehorsam, findet Peters.

Mit der Weihnachtskarten-Aktion will "Peng! Collective" eine Debatte über die Verantwortung der Bundesregierung gegenüber Flüchtlingen und Hilfesuchenden anstoßen. "Wir waren alle ziemlich fassungslos darüber, wie die Bundeskanzlerin in der Kirche in Templin den sogenannten Asylkompromiss, der faktisch einer Abschaffung des Grundrechts auf Asyl gleich kommt, auch noch als 'christlich' rechtfertigte", sagt Ruben Neugebauer von "Peng! Collective". Die CDU brauche dringend Nachhilfe in praktischem Verständnis christlicher Theologie, begründet Neugebauer die Weihnachtsaktion.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte am Reformationstag am 31. Oktober in ihrer Heimatstadt im brandenburgischen Templin eine Rede in der Kirche gehalten, in der sie als junges Mädchen konfirmiert wurde. Darin sagte sie: "Es ist vielleicht noch weniger christlich, wenn wir zu viele aufnehmen und dann keinen Platz mehr finden für die, die wirklich verfolgt sind."

"Peng! Collective" verweist vor diesem Hintergrund auf die Bibel, in der es bei Matthäus 25, 31-46 heißt: "Jesus Christus spricht: Wer einen Fremden aufnimmt, der in Not ist, der nimmt mich auf – wer einen Fremden, der Hilfe braucht, zurückweist, der weist mich zurück.” Sogar rechtliche Schritte gegen die CDU will das Künstlerkollektiv nun überprüfen lassen - "wegen Vortäuschung falscher Tatsachen".

Als Google-Nest-Mitarbeiter auf der re:publica

Die Aktionskünstler sind keine Unbekannten in Berlin. So gaben sich zwei von ihnen im Mai auf der Internetkonferenz re:publica 2014 als Google-Mitarbeiter aus und stellten vier angeblich neue privatsphäre-feindliche Produkte vor. Der satirische Auftritt sorgte weltweit für Schlagzeilen, Google schaltete Anwälte ein, "Peng! Collective" bekam eine Abmahnung und änderte die Homepage, so dass klar war, dass sie nicht zu Google gehört.

Nicht besser erging es im Jahr zuvor Shell. Beim Science Slam des Ölkonzerns im Berliner Tempodrom sorgten die Aktivisten von "Peng! Collective" für einen Super-Gau, in dem sie eine sogenannte Wundermaschine vorstellten, die angeblich Auto-Abgase als Energie in einer Batterie speichern könne. Die Maschine explodierte und eine Fontäne ölhaltiger Flüssigkeit ergoss sich über die Bühne - ein PR-Desaster sondergleichen für Shell.

Nun hat es die CDU und Bundeskanzlerin Merkel erwischt. Ob sie die Aktion einfach aussitzt und weglächelt, wird sich noch zeigen.