Bei einem Penny-Markt in Spandau: Das grüne Etikett soll den „wahren Preis“ anzeigen.
Foto: Carsten Koall

BerlinDer interessanteste gesellschaftliche Impuls kam in dieser Woche aus Berlin-Spandau. Denn dort hat ausgerechnet ein Lebensmittel-Discountmarkt plötzlich den Versuch unternommen, seine Kunden zu besseren Menschen zu erziehen. Es ist eine Aktion der Rewe-Gruppe, die in Spandau einen Penny-Markt mit einem besonderen Nachhaltigkeitsprogramm eröffnet hat. Es gibt dort Informationen zum Bienensterben, zur der Bedenklichkeit von Pestizideinsatz, zur Überfischung und natürlich viele Bio-Produkte.

Und es gibt jetzt sogenannte wahre Preise. Auch sie dienen nur der Information und werden von den Kunden an der Kasse nicht wirklich bezahlt. Aber die Wirkung ist recht eindrücklich, wenn das Preisschild fettgedruckt anzeigt, dass die Herstellung eines Kilos Hackfleischs eigentlich nicht neun Euro kostet, sondern zwanzig. Weil es versteckte Folgekosten gibt durch den Einsatz von Düngemitteln, CO2-Ausstoß und Energie. Eigentlich, so hat ein Universitätsinstitut errechnet, müsste der jeweilige Preis jedenfalls beim Fleisch um 170 Prozent höher sein. Das Nebeneinander der Zahlen schockiert durchaus.

Aber war da nicht was? Sind nicht die Discounter selbst besondere Auswüchse der bedenklichen Preisgestaltung von Lebensmitteln in Deutschland? Sind nicht vor allem sie es in den vergangenen Jahrzehnten gewesen, die die Produktpreise in einer Weise gedrückt haben, in der Arbeitsbedingungen, Umweltbelastung oder Tierwohl gar keine Rolle mehr spielten? Alles schien egal. Hauptsache, die Leute kaufen.

Es wäre natürlich ungerecht, jetzt nur denjenigen anzugehen, der einen ersten, und noch dazu sehr zaghaften Schritt mit einer einzelnen Filiale am Rande der Stadt unternimmt, etwas zu ändern und eine Debatte zu befördern. Tatsächlich erkennt man dahinter ja auch eine Marketingstrategie und den Versuch in ein neues Geschäftsfeld vorzudringen. Und Penny merkt selbstkritisch an, Teil des Problems zu sein. Aber das macht das alles nur umso interessanter.

Es gibt wohl kaum einen Bereich in unserem Zusammenleben, in dem so viel gelogen wird, wie in der Produktion und dem Konsum von Lebensmitteln. Jahrzehntelang ist den Verbrauchern systematisch abtrainiert worden, sich bewusst zu machen, was sie kaufen und essen. Das Bild auf der Verpackung zeigt ein glückliches Schwein und eine lachende Bäuerin. Tatsächlich fristen die Tiere ihr kurzes Leben in Kästen, hormonell behandelt, damit sie schnell wachsen. Manche können sich nicht mal umdrehen. Es ist eine Großindustrie am Werk und in den seltensten Fällen die kleine lachende Bäuerin. Alles, was stört, ob männliche Küken oder alte Apfelsorten, wird aussortiert.

Die Politik ist aber nicht besser. Gerade hat man die Entscheidung im Bundesrat über Kastenhaltung von Muttersauen erst mal auf unbestimmte Zeit verschoben. Dann sind da die großen Supermarktketten und deren Eigentümer, die Handelskonzerne, die den Landwirten Preise diktieren, die vernünftige Produktion unmöglich machen. Und zum krönenden Schluss gibt es auch uns Verbraucher. Wir halten uns für tierlieb, gehen mit der Katze zum Tierarzt, wenn sie Schnupfen hat, aber greifen im Supermarkt trotz schlechten Gewissens immer wieder zum Schnitzel aus prekären Haltungsbedingungen.

Warum machen wir das? Sind wir wirklich so unwissend? Ganz sicher nicht. Es gibt seit Jahren eine Debatte. Jeder, der etwas wissen will, kann sich informieren. Die meisten verdrängen aber lieber, weil sie gerne grillen oder das Geld für eine Playstation ausgeben wollen, was andernfalls beim Bauern bliebe.

Die Argumentation ist plakativ und verkürzt. Zugegeben. Aber es gibt eine Doppelmoral und sie betrifft alle. Müsste nicht der Verbraucher im Laden moralisch entscheiden, zumindest, wenn er das nötige Geld dazu hat? Ist es aber nicht auch eine Überforderung des Kunden und eine einfache Sache für Lebensmittelindustrie und Handelskonzerne, das Problem auf den Kunden abzuwälzen? Und die Politik? Sie könnte ja bestimmte Haltungsformen endlich verbieten und den Einsatz von Düngemitteln stärker regulieren. Sie könnte auch ein politisches Programm von Nachhaltigkeit wirklich umsetzen, alle an einen Tisch holen und einen Umstiegsfahrplan zu gesünderen, nachhaltigeren, tierfreundlicheren Produkten vereinbaren. Wer sagt denn, dass sich damit nicht auch Geld verdienen ließe? Dass das nicht auch gut für Arbeitsbedingungen und die Anzahl von Arbeitsplätzen wäre.

Es gab ein paar Schritte in dieser Richtung. Dass auf Fleischverpackungen zum Beispiel seit einiger Zeit Haltungsformen angezeigt werden, ist einer davon. Pennys wahre Preise gehören womöglich ebenfalls dazu.