Monatelang glich Gesine Lötzsch einem politischen Findling, der sich nicht von der Stelle bewegen ließ. Vielmehr hatte die 50-jährige Vorsitzende der Linkspartei bereits im vorigen Jahr bekannt gegeben, dass sie erneut zu kandidieren gedenke. Niemand, so schien es, konnte sie von dem Vorhaben abbringen. Umso verblüffender verlief dann der Dienstagabend. Um 22.47 Uhr verschickte ein führender Genosse eine SMS, die nur zwei Wörter enthielt: „Lötzsch zurückgetreten.“ Um 23.17 Uhr verbreitete diese eine Erklärung, die das schier Unglaubliche bestätigte. Deren erster Satz lautete: „Auf Grund der Erkrankung meines Mannes habe ich mich nach reiflicher Überlegung entschieden, das Amt der Vorsitzenden der Partei ,Die Linke’ niederzulegen.“

Ein Rücktritt aus heiterem Himmel, den die Bundestagsabgeordnete am Mittwoch mit der Erläuterung versah, ihr Mann Ronald Lötzsch sei am 31. März in der Notaufnahme gewesen und gründlich untersucht worden. Der Rest sei Privatsphäre.

Nun ist Ronald Lötzsch 80 Jahre alt. Eine schwere Erkrankung wäre in dem Alter nichts Ungewöhnliches. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass führende Parteimitglieder die Begründung wenig glaubhaft finden, sondern zu Protokoll geben: „Gesine Lötzsch hat vor den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen und dem Parteitag in Göttingen die letzte Ausfahrt genommen.“ Schließlich sei eine Wiederwahl ausgeschlossen gewesen. Zugleich wirkt der Rücktritt wie eine Demonstration der Wut. Denn niemand hätte Lötzsch gehindert, bis zum Parteitag weiterzumachen. Jetzt bleiben die Geschäfte am Co-Vorsitzenden Klaus Ernst hängen.

"Jetzt kommt Bewegung ins Spiel"

Wie auch immer: Ein Vorstandsmitglied beschreibt die Folgen der Demission mit den Worten, diese bringe „mehr Bewegung ins Spiel, aber uns der Lösung noch nicht näher“. Das trifft den Kern ziemlich genau.

Als wahrscheinlichste Lösung gilt, dass der bis 2010 amtierende Vorsitzende Oskar Lafontaine beim Parteitag in Göttingen abermals antritt, dies jedoch erst nach der NRW-Wahl verkündet. Er käme damit den Heilserwartungen jener Genossen vor allem im Westen entgegen, die sagen: Ohne Oskar geht es nicht. Freilich sind in dem scheinbar überschaubaren Szenario viele Fragen offen: Will Lafontaine sich die Mühe noch mal antun? Welche Perspektive über den Bundestagswahltermin 2013 hinaus könnte ein Mann in seinem Alter – 68 – der Linken noch bieten? Und: Welche der gehandelten Ostfrauen namens Carola Bluhm, Dagmar Enkelmann, Kerstin Kaiser und Katja Kipping wäre willens, so ein Spitzengenosse, „schmückendes Beiwerk an Lafontaines Seite zu sein und sonst den Mund zu halten“? Zwar schreibt die Satzung keine Ost-West-Quote; politisch ist sie indes geboten.

Überzeugender und zukunftsträchtiger wäre ein Duo aus Fraktionsvize Dietmar Bartsch, 54, und Lafontaine-Lebensgefährtin Sahra Wagenknecht, 42. Dagegen spricht, dass Lafontaine mit Bartsch nicht kann. Dagegen spricht auch, dass Wagenknecht es eigentlich auf die Nachfolge von Fraktionschef Gregor Gysi abgesehen hat. Immerhin: Nach dem Lötzsch-Rückzug könnte Wagenknecht einer Kampfkandidatur aus dem Weg gehen. Bartsch jedenfalls betonte gegenüber der FR: „Ich habe mein Angebot im November letzten Jahres unterbreitet. Das steht.“ Mecklenburg-Vorpommerns Landesvorsitzender Steffen Bockhahn wird deutlicher. „Ich unterstütze die Kandidatur von Dietmar Bartsch für den Parteivorsitz nach wie vor ausdrücklich“, sagte er und fügte in Anspielung auf das Abwarten des fernen Saarländers und den geringen zeitlichen Abstand zwischen der NRW-Wahl am 13. Mai und dem Parteitag Anfang Juni hinzu: „Ich finde es schwierig, wenn man als Parteimitglied nur 14 Tage Zeit hat, sich Gedanken darüber zu machen, ob das, was dann verkündet wird, auch die richtige Lösung ist. Basisdemokratie stelle ich mir anders vor.“ Der 33-Jährige will vor dem Haudegen nicht kuschen.

Gesine Lötzsch hat mit diesen Machtspielen nichts mehr zu tun. Sie hatte sich nach ihrer Wahl 2010 Zug um Zug ins Aus manövriert: mit ihrem Aufsatz „Wege zum Kommunismus“ und ihrem Glückwunsch für Fidel Castro, mit verunglückten Äußerungen zum Mauerbau und einer fast verunglückten Nominierung Beate Klarsfelds zur Präsidentschaftskandidatin. Lötzsch war faktisch schon lang nicht mehr Chefin der Linkspartei. Ja, vielleicht war sie es nie. Nun muss ihr das gedämmert haben.