Berlin - Am Abend des Tages, an dem die SPD ihren Merkel-Herausforderer aufstellt, präsentiert die Union Karl-Theodor  zu Guttenberg. Er tritt am Brandenburger Tor auf, in einem Untergeschoss einer Bank-Repräsentanz allerdings nur, der Wirtschaftsflügel der Union hat geladen. Angela Merkel ist nicht gekommen, dafür aber Unions-Fraktionschef Volker Kauder, der Mehrheitsorganisator der Union. Und Guttenberg, im dunklen Samtjackett und nun doch wieder mit Brille, spricht von einer Kampfansage. Von Chancen, die darin auch für Deutschland lägen. Davon, dass man jetzt Haltung bewahren müsse. Guttenberg, der vor ein paar Jahren als Minister so schillerte, dass er als möglicher nächster Kanzler galt, spricht über Donald Trump, den US-Präsidenten. Ein kleiner Schlenker nur zur SPD, aber das ist an diesem Tag sogar schon viel bei der Union: Er hoffe, dass das Publikum nüchtern sei angesichts der Ankündigung des SPD-Kanzlerkandidaten. Es ist nicht klar, ob Guttenberg Champagnerlaune erwartet oder in Schnaps ertränkte Wahlkampfsorgen. Vermutlich hat er einfach nur einen Witz versucht.

Keine Fragen aus der Union

Bei der Union entscheiden sie sich für etwas anderes: Gelassenheit, nennen sie es. Man könnte auch sagen: offensives Schulterzucken. So ist es schon am Nachmittag in der Sitzung der Unions-Bundestagsfraktion, die beginnt, als die ersten Meldungen über das Beben in der SPD auf den Handys erscheinen. Ausgerechnet in dieser Sitzung ist ein SPD-Politiker zu Gast. Frank-Walter Steinmeier stellt sich als Kandidat für das Bundespräsidentenamt vor. Das passt eigentlich ganz gut. Aber Steinmeier sagt nichts zu Gabriel. Und die Unions-Leute fragen nicht. Oder vielmehr sie fragen nach Steinmeiers Neutralität, nach Geschichten aus seiner politischen Vergangenheit. Aber sie fragen nicht nach Gabriel, nicht nach Schulz. Bundeskanzlerin Angela Merkel schweigt. Viele Abgeordnete starren auf ihr Handy, um zu verfolgen, was im Sitzungssaal nebenan passiert, bei der SPD. „Es war wie in einer Parallelwelt“, sagt ein Unions-Mann später.

Bloß keine Panik

Sie sind überrascht worden bei der Union, offenbar müssen sie sich ein wenig zurecht rütteln. Vize-Parteichef Thomas Strobl ist einer der ersten, der sich äußert: Man werde „weder in Panik, noch in Depression“ verfallen, sagt er. Wird der Wahlkampf nun leichter oder schwerer für die Union? Da scheint man sich nicht so sicher zu sein. „Der Reiz des Neuen – darin liegt eine Chance für die SPD“, sagen die einen in der Bundestagsfraktion. „Der Ruf des Heilsbringers wird sich schnell erledigt haben“, sagen andere. Oder auch: „Es ist egal, wer gegen uns verliert.“

„Er spielt in Berlin keine Rolle“

Auffällig ist in Gesprächen, dass Zweifel an Schulz mehr betont werden. Der habe keine Erfahrung in Bundespolitik und sei außer bei politisch Interessierten weitgehend unbekannt. Wofür er stehe, wisse man nicht und dass er kein Regierungsamt habe, mache ihn zwar unabhängiger, es schränke aber auch seine Auftrittsmöglichkeiten ein: keine Auftritte mit ausländischen Ministern, keine Reden im Bundestag. „Er spielt in Berlin keine Rolle“, heißt es im Umfeld Merkels. Trotzdem baut CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, oberster Wahlkämpfer seiner Partei, schon mal vor: Schulz sei „das letzte Aufgebot der SPD“, lästert er. Fraktionsgeschäftsführer Michael Grosse-Brömer identifiziert via Twitter Schulz‘ Satz „Dieses Land braucht eine neue Führung“ als dessen ersten „Fettnapf“. Schließlich sei die SPD ja an der derzeitigen Führung beteiligt.

Wie schnell sich die Dinge ändern, sieht man am Mittwoch im Kabinett. Zum letzten Mal tagt es im Kanzleramt in seiner bisherigen Zusammensetzung. Frank-Walter Steinmeier wird wohl am Freitag als Außenminister ausscheiden, Gabriel wird dann auf seinen Platz wechseln, die einstige Justizministerin Brigitte Zypries als Wirtschaftsministerin zurückkehren. Steinmeier bekommt zum Abschied Blumen und ein Foto der Ministerrunde. Davon berichtet Merkels Sprecher Steffen Seibert. Zu Gabriel: kein Wort. Nur so viel: „Was die Bundesregierung anbelangt: Es stehen Veränderungen an.“