Der demokratische Präsidentschaftsbewerber Pete Buttigieg.
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Des Moines - Nachdem nun endlich die Ergebnisse der Vorwahlen der Demokraten in Iowa veröffentlicht wurden, ist klar: Sie haben mindestens eine Sensation hervorgebracht. Der Erstplatzierte sollte in Iowa den meisten Auguren nach Joe Biden heißen, möglicherweise Bernie Sanders. Er heißt aber Pete Buttigieg. Egal, wie die vielen kommenden Wahlen bis zum 2. November 2020 noch ausgehen werden: am Montag wurde in Iowa Geschichte geschrieben. Zum ersten Mal hat ein offen schwul lebender Mann, zudem auch noch mit einem Mann verheiratet, von den Wählern die Chance erhalten, sich ernsthaft um das Präsidentenamt zu bewerben. Sein breites Wählerpotential muss dabei die Konkurrenten in Erschrecken versetzen: Buttigieg hat nach ersten Untersuchungen bei Frauen, jungen, älteren und alten Wählern vor allem auf dem offenen Land gewonnen. Genau in jenen Regionen also, in denen einst Obama regelrecht abgeräumt hat.

Buttigiegs monatelange Reisen von Ort zu Dorf zu Bauernhof und in die Städte Iowas hat sich gelohnt. Er ist der einzige, der mit seinen Ergebnissen auf der Wahllandkarte eine zusammenhägende Fläche einfärben kann, nicht nur einen Flickentepich. Joe Biden dagegen, der auf einem blamablen vierten Platz noch hinter der ebenfalls als “progessive” geltenden Elisabeth Warren landete (wenn auch vor der ebenfalls liberal-konservativeren Amy Klobuchar) konnte vor allem die besser ausgebildeten Facharbeiter hinter sich bringen. Und Bernie Sanders hoben eine seit vier Jahren im Dauerrausch befindliche großstädtische, oft akademisch ausgebildete Jugend und die von einem Leben in den erzkapitalistischen USA verbitterten älteren Demokraten auf den zweiten Platz. Er, aus amerikanischer Persepektive Radikalsozialist, aus europäischer ein eher gemäßigt linker Sozialdemokrat, ist linker America-First-Populist genug, um mit dem rechten Populisten Donald Trump konkurrieren zu können.

Pete Buttigieg redet Menschen nicht nach dem Mund

Buttigieg ist dagegen vieles: umgänglich, extrem ehrgeizig, offenkundig hervorragend organisiert, in der Lage, sich die richtigen Ratschläge zur richtigen Zeit anzuhören und diese dann auch zu beherzigen. Aber sicher ist er kein Populist, redet den Menschen nicht nach dem Mund, sondern versucht, sie zu überzeugen. Und das schon seit drei Jahrzehnten. Wer Buttigiegs Biographie liest, könnte auf den Gedenken kommen, das hier einer das Kinderspiel “Ich will Präsident werden” ernst genommen hat.

1982 in South Bend / Indiana geboren – tiefes Land, tiefe Gläubigkeit, sehr viel Provinz – wuchs er in der Kleinstadt auf, schloss 2000 als Jahrgangsbester die Schule ab. Mit seinem Aufsatz über Bernie Sanders errang er einen Preis der Kennedy-Bibliothek, wurde als einer von zwei Deligierten aus Indiana in ein Senatsprogramm für die Forderung des politischen Nachwuchses aufgenommen. Buttigieg studierte dann in Harvard Jura, wurde Mitglied der studentischen Vereinigung Phi Beta Kappa, machte 2004 seinen Bachelor in Geschichte und Literatur mit einer Arbeit über Außenpolitik – und erhielt dann wie einige Jahrzehnte vor ihm Clinton das legendäre Rhodes-Stipendium im britischen Oxford. Hospitanzen als Journalist, die Arbeit als Wahlkampfhelfer und als Recherchespezialist in der Präsidentschaftskampagne von John Kerry folgten.

Pete Buttigieg: Gut erzogenes Kind aus tolerantem Elternhaus

Buttigieg hat sich nach allem, was man weiß, nie als etwas anderes inszeniert als das, was er ist: das gut erzogene Kind aus engagiertem, weltoffenen und toleranten Elternhaus, das viele Chancen hatte und diese anderen verschaffen will.  Auch sein Selbst-Outing als Schwuler 2015 gehört zu diesem Selbstbewusstsein – im gleichen Jahr wurde er mit über 80 Prozent der Stimmen wieder gewählt. Wobei auch das Timing gute Politiker auszeichnet: Seine militärische Karriere war zu dieser Zeit beendet, für die er 2014 sieben Monate Offizier der nachrichtendienstlichen Abteilung der US Navy in Afghanistan war. Und er war nach der ersten Wahl zum Bürgermeister von South Bent 2012 nun bekannt, nicht zuletzt durch ein viel gerühmtes, klassisch amerikanisches Standsanierungsprogramm, das den Einwohnern Hilfe zur Selbsthilfe anbot.

Gegner schießen sich mit aller Kraft auf Buttigieg ein

Trotz seiner Jugend – 38 Jahre sind auch in den USA exeptionell jung für einen Präsidentschaftsbewerber – ist Buttigieg, der angeblich sechs bis sieben Sprachen wenigstens ansatzweise spricht, also außergewöhlich gut ausgebildet, welterfahren, teamorientiert und zugleich detailbesessen. Und genau deswegen schießen sich seine Gegner schon jetzt auf ihn ein, und zwar mit aller Kraft. Sein Mut wird zwar nur von rechten Hetzerseiten in Frage gestellt, die seine Teilnahme am Afghanistan-Krieg versuchen zu deklassieren – sie müssen schließlich einen Präsidenten verteidigen, der sich dank seines Reichtums vor dem Wehrdienst in Vietnam drücken konnte. Aber schon monieren die Linken in der Demokratischen Partei, er habe als Kind des sehr weißen Bundessstaats Indiana zu wenig Kontakt zu den Minderheiten im Land, vor allem zu Schwarzen und Latinos, habe mit der Annahme des Rhodes-Stipendiums einen üblen Kolonialisten geehrt. Er sei auch zu sehr Kleinstädter, um die Probleme der Großstädte und der Arbeiter zu verstehen, und seine demonstrative Mittelstandspolitik sei nicht kompatibel mit dem großen “Regenbogen”, den Obama über alle Minderheiten gespannt habe.

Für viele nationalistische Rechte sind oft schon seine Fremdsprachenkenntnisse obskur, auch die akademische Karriere, aber vor allem anderen sein Schwulsein an und für sich. Homosexualität ist in den USA mit noch größeren Tabus belegt als in West- und Nord-Europa. Innige Männer- und Frauenfreundschaften prägen seit den Zeiten des idealisierten Westzugs der Europäer das amerikanische Alltagsleben, die Kirchengemeinden, Clubs, Universitäten, Schulen, das Militär und die Fabriken, auch die Politik. In Europa vergleichbar sind allenfalls britische und französische Clubs, deutsche Studentenverbindungen, die diversen Institutionen der Katholischen Kirche und die Armee. Der “Verdacht” also, dass “Buddies” mehr sind als asexuell sich liebende, aber heterosexuelle Freunde, liegt in den USA schnell in der Luft. Entsprechend scharf waren bis vor sehr kurzem über alle religiös begründeten Verbote hinaus die strafrechtlichen Sanktionen, sind bis heute oft die gesellschaftlichen Ausgrenzungen.

Buttigieg ist neu, ungewöhnlich und ehrlich

Wie wichtig für Buttigiegs Sache die Frage des Schwul-Seins ist, kann man auch daran sehen, dass sie sogar im reaktionären Fernsehsender Fox allenfalls im Nebensatz überhaupt erwähnt wurde. Stattdessen wurde die oft kaum am rassistischen Vorurteil vorbei schrammende, ohne jede Begründung gelieferte Behauptung aufgestellt wurde, Buttigieg sei Schwarzen, Latinos oder asiatischstämmigen Amerikanern nicht zu vermitteln. Ungesagter Unterton: Weil die ja besonders schwulenfeindlich seien ...

Sein Wechsel von der Katholischen Kirche zur im weißen Bürgertum Amerikas bis heute einflussreichen Episcopalian Church, also der Anglikanischen Kirche, wird als blanke Heuchelei angesehen: Es hat bisher nur einen bekennenden Katholiken als Präsidenten gegeben, John F. Kennedy. Allerdings hat Buttigieg, als Sohn eines maltesischen Einwanderers katholisch getauft, an einer katholischen Schule und Universität ausgebildet, dieses Handicap offenkundig erkannt: Kleinstädter, Akademiker, jung, liberal, schwul, sehr amerikanisch aussehend und dann auch noch katholisch, das wäre zu viel gewesen. Also wurde wenigstens das Konfessionsargument abgeräumt – und damit gleichzeitig die Möglichkeit gewonnen, bürgerlich-anständig, also in einer Kirche zu heiraten.

Pete Buttigieg hat sich den Vorurteilen offensiv gestellt, auch darin Obama sehr gleichend, und wie dieser hat er in Iowa gewonnen. Zum Erstaunen gerade der großen Medien in den sich selbst als liberal einschätzenden Städte an der West- und vor allem der Ostküste. Sie – und in der Folge auch die Medien in Europa, wo New York oder Los Angeles oft gleich gesetzt werden mit Amerika – übersehen chronisch die Lust des riesigen Landes am Experiment, am Neuen und die Begeisterung, die Ehrlichkeit auslösen kann. Buttigieg ist so etwas Neues, Ungewohntes, Ehrliches. Wäre er heterosexuell, wäre es gar keine Frage, dass er zu den Frontrunnern gehörte. Das nun ausgerechnet die oft als erzreaktionär, religiös verroht und ungebildet verachteten Bauern und Kleinstädter Iowas Pete Buttigieg gewählt haben, sollte zu denken geben. Mit solchen Sensationen haben die Karrieren von Jimmy Carter, Clinton, Obama – und Trump begonnen.