Peter Fitzek: König von Deutschland weint beim Prozessauftakt in Halle

Halle (Saale) - Zwei Polizeiwagen vor der Tür des Landgerichtes, drinnen lange Schlangen von Medienvertretern, Neugierigen und Unterstützern vor gleich zwei Metalldetektorschleusen - zum Auftakt des Untreueverfahrens gegen Peter Fitzek, den selbst ernannten König von Deutschland, herrscht Belagerungszustand im Landgericht Halle. Fitzek erscheint im schwarz-grau gestreiften Hemd mit königlichem Wappen und beginnt, eine Umzugskiste mit Papieren auszuräumen. „Das sind nur drei Prozent der Akten“, sagt der 51-Jährige, und es klingt ein bisschen stolz

Fitzeks „Staatsbürger“ seien Pazifiten

Peter Fitzek, gelernter Koch, Karatelehrer und seit Herbst 2012 Oberhaupt eines Zwergstaates, der seiner Ansicht nach auf einem ehemaligen Krankenhausgelände am Rande von Wittenberg residiert, ist kein gewöhnlicher Angeklagter. Zwar nehmen ihm die Justizbeamten vor Verhandlungsbeginn die Handschellen ab. Doch auf der Anklagebank muss der König, der sich „Imperator Fiduziar“ und „Sohn des Horst“ nennt, in Fußfesseln Platz nehmen. Fitzek protestiert bei Ursula Mertens, die in den nächsten drei Monaten den Vorsitz in seinem Verfahren führen wird. Doch die Richterin kontert: „Wir haben hier beengte Verhältnisse, ich weiß doch nicht, was Sie tun.“

Fitzek, in Halle geboren und Vater dreier Kinder, schüttelt den Kopf. „Was denn, aus dem Fenster springen?“ Der Mann mit dem dünnen Zopf, in der Untersuchungshaft, in der er seit Juni sitzt, sichtlich schmaler geworden, ist empört. Er beruft sich auf die Menschenwürde, versichert, dass er kein Reichsbürger sei und alle seine „Staatsbürger“ Pazifisten. Doch die Fußfesseln bleiben dran.

Unschuld Fitzeks lässt sich nicht mehr zweifelsfrei beweisen

Mit schmalem Lächeln hört Fitzek sich die Verlesung der Anklageschrift an. Die hat es in sich - im Gegensatz zu einer Vielzahl früherer Verfahren, in denen sich die Justiz mit dem dauerrenitenten Hobbyjuristen, Krankenkassengründer und Bankenchef beschäftigen mussten. Rund 1,3 Millionen Euro, sagt Oberstaatsanwältin Heike Geyer, habe Fitzek zwischen 2009 und 2013 bar von Konten abgehoben, die Vereinen gehörten, die dem Einflussbereich seines Königreiches zuzuordnen sind. 28 Mal erschien der frühere Betreiber eines Esoterikladens in Bankfilialen und ließ sich dort Summen zwischen 1.500 und 320.000 Euro auszahlen. Fitzek habe damit Anleger geschädigt, die ihm im Vertrauen auf seine Zusicherung, seine sogenannte Kooperationskasse biete eine wirklich sichere Alternative zu herkömmlichen Banken, insgesamt 1,7 Millionen Euro zinslos überlassen hatten.

Fitzek macht schmale Lippen und kneift die Augen zusammen. Als Geyer ihm vorwirft, er habe das überlassene Kapital als „fortlaufende und beträchtliche Einnahmequelle“ genutzt, wendet er den Blick ab. Er sei unschuldig, hatte er vor Verhandlungsbeginn gesagt. Und deshalb dankbar für dieses Verfahren. „Das meine Unschuld zweifelsfrei beweisen wird.“

Drei bis dreieinhalb Jahre Haft - bei Geständnis

Erstmal aber wird die Lage noch ernster für den Mann, der schon als Kind begriffen haben will, „dass ich zu Höherem bestimmt bin“. Die Vorsitzende Richterin erläutert die Rechtsauffassung der Kammer: Nicht allein eine private oder anderweitig zweckentfremdete Verwendung des Geldes der Kapitalüberlasser würde den angeklagten Straftatbestand der Untreue erfüllen. „Sondern Untreue wäre es auch, wenn der Nachweis der Verwendung nicht geführt werden kann.“

Drei bis dreieinhalb Jahre Haft hat die Staatsanwaltschaft Fitzek für ein Geständnis geboten. Sein Anwalt Axel Kaufmann hat das Angebot im Namen seines Mandanten abgelehnt. Fitzek will nicht nur freigesprochen, er will auch verstanden, und, ja, er will geliebt werden. In einer Gegenerklärung zur Anklage holt er, der sich auch schon als neuer Reformator von Wittenberg gesehen hat, weit aus. Wortreich schildert Fitzek seinen Weg ins Königreich. Er leide nicht an Querulantenwahn, es gehe ihm auch nicht um eine medienwirksame Inszenierung. „Was ich anstrebe und warum ich heute hier bin“, sagt er, „ist die ausschließliche Förderung des Gemeinwesens.“ Alles Geld sei für Belange der Allgemeinheit verwendet worden. „Ich selbst brauche nicht viel, nicht mehr als ein Hartz-IV-Empfänger.“

Der Schöpfer habe ihm befohlen, Gutes zu tun

Ein Unterfangen, bei dem ihm, so wenigstens klingt es in seiner Darstellung, von Behörden und Ämtern, vom Verfassungsschutz, der Bankenaufsicht und der Justiz fortwährend Steine in den Weg gelegt wurden. Das aber könne ihn nicht hindern, weil er von einem Schöpfer, den er persönlich „Papa“ nenne, berufen worden sei, Gutes zu tun. „Und wenn mir eine Aufgabe vor die Füße gelegt wird, dann muss ich sie erfüllen“, beschreibt Fitzek, was er „meine Handlungsmaxime“ nennt. Ob es darum gehe, einen Fußboden zu wischen oder eine königliche Reichsbank zu gründen - „ich gebe immer mein Bestes“.

Und nie für andere, immer nur für die Gesellschaft, die ihn jedoch nie verstanden habe. Doch Peter Fitzek, so sagt er, kann nicht anders. „Wenn Papa mir ein Zeichen gibt, dann muss ich.“ Etwa eine Verfassung innerhalb von zwei Tagen schreiben, die er heute noch „sehr vollendet“ findet. Oder eben diese Kooperationskasse betreiben, obwohl die nicht wie von ihm anfangs geplant „in Kooperation mit der bestehenden Ordnung“ zu haben war.

SEK habe seinen „Staat" gestürmt

Fitzek ist ein Mann großer und vieler Worte. Er habe „Gerichtsverfahren über Jahre hinweg geübt, indem ich immer mal zu schnell gefahren bin, damit ich dann ein Verfahren aufgebrummt bekomme“. Er hat aus einem, das er gewann, obwohl er es nach eigener Schilderung hätte verlieren müssen, den falschen Anreiz mitgenommen, dass das, was er „das alte System“ nennt, ihm nicht gewachsen ist. Umgeben von Jüngern, die an seinen Lippen hängen, und zu Hause in einem Milieu aus Gläubigen, die seine selbstgebauten Welterklärungen für bare Münze nehmen, hat sich Peter Fitzek immer tiefer in seiner Hybris verrannt. Ein Messias-Komplex, dessen obere Schicht im Saal 90 des Landgerichtes erstmals Sprünge bekommt. „Ich kann nicht Angst haben, ich darf nicht Angst haben“, sagt Fitzek, „ich habe aber Angst.“

Es fließen Tränen, der König schluckt schwer. Er wischt sich das Gesicht, während er berichtet, wie ein Sondereinsatzkommando im Auftrag der Bankenaufsicht seinen „Staat“ stürmte und mitnahm, was nicht niet- und nagelfest war. „Meine Kinder waren dort“, schluchzt er, „meine Kinder.“ Hätte man ihm nur, sagt er, „eine eindeutige Handlungsanweisung gegeben“, in irgendeinem der tausend Schreiben. „Ich sage heute, wenn ich sie hier bekomme, in diesem Verfahren, dann beende ich meine Tätigkeit.“

Aber nur einen Moment lang ist da ein Mensch, der sich überschätzt und übernommen hat. Dann übernimmt wieder der Monarch, der Rechthaber, der im Prozess eine „weitere Prüfung meines Gottvertrauens“ sieht. Peter Fitzek ist in der DDR geboren, er hat in seinen Jahren als Chef des Königreich-Vorgängers Neudeutschland nicht von Gott gesprochen und sich als Thronverwalter - aus seiner eigenen Sicht ist er kein König - nicht auf einen Schöpfer berufen. Wie ernsthaft die jetzt behauptete neue Gottesnähe ist, wird das weitere Verfahren zeigen. Gebetet habe Peter, so sagt seine Lebensgefährtin Annett als erste Zeugin aus, eigentlich nicht direkt. Andererseits: „Sein ganzes Leben ist an den Schöpfungsgesetzen ausgerichtet.“

Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

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(mz)